Interview mit Aubrey de Grey "Altern ist auf jeden Fall ungesund"

SZ: Wer wird das alles bezahlen?

Aubrey de Grey: Die Krankenkassen - da bin ich mir ganz sicher.

SZ: Aber die haben doch schon heute kein Geld.

Aubrey de Grey: Sobald die Menschheit realisiert, dass sie etwas gegen das Altern unternehmen kann, wird sie darin ein grundlegendes Menschenrecht sehen. Nehmen Sie sauberes Wasser: In allen entwickelten Ländern ist Wasser frei zu haben, egal wie arm die Menschen sind. Genauso wird es mit der Verjüngung auch sein. Als fundamentales Menschenrecht muss sie vom Steuerzahler finanziert werden, auch wenn sie deutlich teurer sein wird als sauberes Wasser.

SZ: Werden Sie das noch erleben?

Aubrey de Grey: Ich tue mein Bestes, und die Chancen stehen gar nicht so schlecht. Die Aussicht, das Altern zu unterdrücken, ist nur noch 30 Jahre entfernt.

SZ: Sehr weit sind Sie aber noch nicht gekommen.

Aubrey de Grey: Zugegeben, bislang haben wir wenig erreicht, aber immerhin etwas. Von den sieben zu lösenden Problemen werden derzeit drei im Tierversuch angepackt. So untersuchen wir zum Beispiel, wie alternde Gehirnzellen, die sich normalerweise nicht regenerieren, mit Hilfe der Stammzelltherapie aufgefrischt werden können.

SZ: Und die restlichen vier Herausforderungen?

Aubrey de Grey: Die sind leider noch viel weiter entfernt, bis zu zehn Jahren bei Mäusen. Und selbst dann ist es noch ein langer Weg bis zum Menschen - das könnte noch einmal 15 Jahre dauern. Vielleicht sogar deutlich länger, wenn wir Pech haben.

SZ: Was ist das Problem?

Aubrey de Grey: Geld, mehr nicht. Wenn ich einen unbegrenzten Betrag hätte, könnte ich umgehend die besten Wissenschaftler in der Welt für die Arbeit an diesen Problemen gewinnen.

SZ: Wer soll Ihnen das Geld geben? Die Pharmaindustrie?

Aubrey de Grey: Nein, die kann man abschreiben, die denkt viel zu kurzfristig. Auch Regierungen helfen nicht weiter, weil Investitionen in die Altersforschung noch keine Wählerstimmen bringen. Deshalb müssen wir uns an reiche Einzelpersonen und Stiftungen wenden.

SZ: Mister de Grey, eine Gewissensfrage: Ist Altern wirklich inakzeptabel?

Aubrey de Grey: Für mich schon, für die Gesellschaft scheinbar nicht. Wir verteidigen das Altern, so gut es geht, aber das ist lediglich eine Art Bewältigungsstrategie.

SZ: Eine was...?

Aubrey de Grey: Bewältigungsstrategie. Natürlich wissen wir Menschen, dass Altern schrecklich ist. Aber wir wissen auch, dass wir nichts dagegen tun können. Würden wir nun ständig an das schreckliche Ende denken, könnten wir unser Leben nie mehr genießen. Der einzige Ausweg: Wir müssen das Altern irgendwie gut finden.

SZ: Okay, und was ist so schlimm daran?

Aubrey de Grey: Diese Bewältigungsstrategie verhindert den Fortschritt, es gibt keinen Enthusiasmus, keine Bereitschaft, Geld zur Erforschung des Alterns auszugeben. Deshalb sind Tierversuche auch so wichtig. Sobald das Leben der ersten Maus verlängert wurde, wird eine große Debatte losbrechen.

SZ: Darüber, ob das Altern wirklich so gut ist wie immer behauptet?

Aubrey de Grey: Genau. Diese Diskussion wird exakt zehn Minuten dauern. Und dann geht der "Krieg gegen das Altern" los.

SZ: Das klingt jetzt sehr martialisch.

Aubrey de Grey: Ich finde die Formulierung mehr als angemessen. Die kollektive Erkenntnis, dass das Altern gestoppt werden kann, wird unsere Herangehensweise komplett verändern. Die Menschen werden bereit sein, große Anstrengungen auf sich zu nehmen, um das Sterben so schnell wie möglich zu beenden. Der Krieg beginnt, wenn die ersten Mäuse da sind - und er endet, wenn wir die Therapien für den Menschen haben.

SZ: Spielen Sie damit nicht Gott?