Klimawandel "Die Gletscher haben sich zurückgezogen"

Die gegenwärtige Position von Eisberg A68 in der Antarktis

(Foto: dpa)

Vor einem Jahr löste sich in der Antarktis ein Eisberg, doppelt so groß wie das Saarland. Geophysikerin Daniela Jansen erklärt die Folgen und warum die Antarktis immer mehr Eis verliert.

Interview von Christoph von Eichhorn

Ein gewaltiger Eisberg, sechs Mal so groß wie die Insel Rügen, hat sich vor einem Jahr von der antarktischen Halbinsel gelöst. Das Ereignis war ein Schock, "A68" schien ein Zeichen für die fortschreitende Erderwärmung zu sein. Aber ist dieser Schluss gerechtfertigt? Die Glaziologin Daniela Jansen erforscht den antarktischen Eispanzer am Alfred Wegener Institut und beobachtet den Riesen-Eisberg schon lange, etwa mithilfe von Satelliten.

SZ: Wie geht es dem Eisberg A68 momentan?

Jansen: Er ist bislang nicht wirklich weit gekommen, nur ein bisschen aus der Lücke raus gedriftet, aus der er herausgebrochen ist. Jetzt befindet er sich ungefähr 50 Kilometer vor der Abbruchkante. Er bewegt sich hin und her mit dem Wind und den Gezeiten. Anscheinend dauert es noch ein bisschen, bis er sich endgültig auf den Weg nach Norden macht.

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Viele hat der Abbruch des Eisbergs sehr schockiert, er schien zu zeigen, wie rasant die Erderwärmung sich entwickelt. Ist dieser Schock aus wissenschaftlicher Sicht gerechtfertigt?

Eigentlich ist ein Kalbungsereignis ein normaler Vorgang, der zur Antarktis gehört. Darunter versteht man, dass ein Eisberg vom Schelfeis abbricht, also von Eis, das bereits über das Festland aufs Wasser ragt. Schelfeise fließen, das heißt, sie bewegen sich immer weiter in Richtung Meer. Wenn da nichts abbrechen würde, würden sie immer weiter herausragen. Ab und zu muss auch so ein großer Eisberg mal abbrechen.

In diesem Fall aber ist die Schelfeiskante so weit zurück gebrochen, wie wir es noch nie gesehen haben. Jetzt besteht ein gewisses Risiko, dass das Schelfeis nicht mehr stabil ist. Wir können im Moment noch nicht sagen, ob das tatsächlich das Ende vom Schelfeis bedeutet oder ob es sich doch wieder erholt. Das weiß man wohl erst in den nächsten fünf Jahren.

Die Antarktis verliert immer schneller Eis, mittlerweile gehen 200 Milliarden Tonnen pro Jahr verloren. Wie ist das zu erklären?

Der Eisberg A68 ist von der antarktischen Halbinsel abgebrochen. Es gibt aber rund um die Antarktis noch viel mehr solcher Schelfeise, zum Beispiel den Pine-Island-Gletscher oder den Thwaites-Gletscher in der Westantarktis. Dort gibt es im Hinterland viel mehr Eis, das nachfließen kann. Und genau das ist passiert. Die Gletscher, genauer gesagt der schwimmende Teil der Gletscher hat sich zurückgezogen und jetzt wird das Eis im Hinterland weniger zurückgehalten und fließt schneller ab. Und das bewirkt einen Massenverlust im gesamten Einzugsgebiet der Gletscher.

Steigt dadurch auch der Meeresspiegel schneller?

Ja, denn der Massenverlust hat sich während der letzten 20 bis 30 Jahre beschleunigt. Und das passiert hauptsächlich aufgrund der Ereignisse in der Westantarktis, wo man aus dem Hinterland mehr Zutrag zum Ozean hat.

Ist denn jetzt die Antarktis stärker für den jetzigen Meeresspiegelanstieg verantwortlich, oder das Schmelzen in Grönland?

Das Schmelzen in der Antarktis funktioniert im Moment ganz anders als in der Arktis. In Grönland zum Beispiel schmilzt ganz viel Eis direkt an der Oberfläche weg. Das haben wir in der Antarktis nicht. Hier geht der Verlust von den Kontaktflächen mit dem Ozean aus. Man wusste aber nicht so richtig, wie schnell die Antarktis auf Änderungen reagiert.

Und da ist man jetzt schlauer?

Man sieht jetzt, dass sich nicht nur die Schelfeise im direkten Kontakt mit dem Ozean verändern, sondern dass der Einfluss weit ins Hinterland hineinreicht. Weil die Schelfeise von unten schmelzen und es mehr Eisberge gibt, fließt mehr Eis vom Hinterland in den Ozean. Das hat viele überrascht: dass das, was an der Kante vom Kontinent passiert, sich relativ schnell auch weiter ins Land fortpflanzen kann.

Der Klimawandel ist momentan in der öffentlichen Debatte nicht mehr so präsent, es dominieren Themen wie Migration. Wünschen Sie sich als Wissenschaftlerin wieder mehr Aufmerksamkeit?

Ja, Aufmerksamkeit und Interesse. Als Wissenschaftlerin treibt mich an, verstehen zu wollen, was passiert. Wenn ein Eisberg abbricht, möchte ich wissen, warum er denn so früh abgebrochen ist. Ich fände es schön, wenn das Interesse an solchen Prozessen breiter vorhanden wäre. Ich habe manchmal den Eindruck, dass nur Alarm-Schlagzeilen wahrgenommen werden. Aber wenn man ein gewisses Grundwissen hat, kann man solche Schlagzeilen besser einordnen, und für sich besser definieren, wie man selber Verantwortung übernimmt für das, was man tut. Dass man vielleicht nicht fünfmal im Jahr mit dem Flugzeug in Urlaub fliegt. Etwas mehr Bewusstsein für die eigene Verantwortung fände ich gut.

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