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Insektensterben:"Nicht allein das Problem der Landwirte"

Zur Lösung dieses Problems könnte möglicherweise eine Methode beitragen, die Marita Sacher von der Münchner Advanced Identification Methods GmbH in Halle vorstellte. Das sogenannte Metabarcoding ermögliche es, große Mengen von Proben, in denen sich unterschiedliche Arten von Kerbtieren befinden, innerhalb kurzer Zeit zu analysieren. Dabei wird zunächst das Erbgut aller Insekten extrahiert. Anschließend ist es möglich, artspezifische Gene aus dem Gemisch herauszufischen und mit einer Datenbank zu vergleichen. Als Ergebnis erhält man eine Liste aller Spezies in der Probe. Allerdings lässt sich nicht unterscheiden, ob in der Probe ein, zehn oder hundert Individuen einer Art waren.

Eine andere Methode stellte Aletta Bonn vom Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) in Leipzig auf der Tagung der Entomologen vor. In einem ihrer Projekte fotografierten die Wissenschaftler den Inhalt der Proben und konnten dann mithilfe einer speziellen Bilderkennungssoftware unter anderem Aussagen über die Anzahl und die Größe der Insekten in jeder Probe machen.

Trotz des großen Forschungsbedarfs waren sich die meisten Entomologen in Halle aber einig, dass genug Wissen vorhanden ist, um schon jetzt zu handeln und etwas gegen den Schwund zu unternehmen. Klar ist, dass die intensive Landwirtschaft eine der Hauptursachen für das große Sterben ist. "Klar ist aber auch, dass das nicht allein das Problem der Landwirte ist", sagt Olaf Zimmermann vom Landwirtschaftlichen Technologiezentrum Augustenberg in Baden-Württemberg. Auch die Verbraucher müssten umdenken und in Kauf nehmen, dass insektenfreundlich produzierte Lebensmittel teurer sein werden. Und die Politik müsse eine insektenfreundliche Bewirtschaftung der Felder auch finanziell belohnen.

"Das größte Problem der Insekten mit der intensiven Landwirtschaft ist nicht der Einsatz von Insektiziden", sagt Gross. Viel schlimmer sei, dass in Deutschland auf riesigen Flächen nur noch einige wenige Pflanzen wie Mais und Weizen angebaut werden, mit denen die Insekten nichts anfangen können, da sie vom Wind bestäubt werden. Solche Flächen sind für viele Kerbtiere wie grüne Wüsten, in die sie gar nicht erst hineinfliegen. "Da braucht es gar keine Insektizide mehr, die Insekten verschwinden auch so", sagt Gross.

Insekten brauchen Blühstreifen oder Hecken. Dort gefällt es auch Fressfeinden von Schädlingen

Das zu verändern, wäre eigentlich gar nicht so schwer. Was die Insekten brauchen, sind Strukturelemente zwischen den riesigen Flächen, Blühstreifen etwa oder Hecken. Das könnte zugleich den Einsatz von Pestiziden reduzieren, weil sich dort auch die natürlichen Feinde der Schädlinge vermehren, die den Bauern das Leben schwer machen. Mit der Auswahl der Pflanzen, die man auf den Blühstreifen sät, lässt sich sogar steuern, welche natürlichen Schädlingsbekämpfer sich dort ansiedeln. Weichkäfer beispielsweise, die Blattläuse fressen, lieben Doldenblütler. Und kleine Schlupfwespen, die ihre Eier in Schädlinge legen und sie dadurch töten, lassen in der Regel nicht lange auf sich warten, wenn in der Nähe des Feldes Buchweizen wächst.

Dass eine solche Umstrukturierung der Landwirtschaft die Insekten retten könnte, legen unter anderem Erfahrungen im brandenburgischen Brodowin nahe. Die Landwirte dort haben nach der Wende auf Ökolandbau gesetzt und die ehemaligen LPGs entsprechend umgestellt. "Entgegen dem bundesweiten Trend geht es den insektenfressenden Vögeln dort gut", sagt Wolfgang Wägele. Die Zahl vieler Vogelarten, die anderswo ums Überleben kämpfen, nehme sogar zu. Das lässt vermuten, dass es dort auch den Insekten besser geht. Auch wirtschaftlich trage sich der Biolandbau in Brodowin. Das Beispiel zeigt, dass Landwirtschaft und Umweltschutz keine Widersprüche sein müssen. Und dass es Landwirten durchaus möglich ist, wirtschaftlich zu arbeiten und gleichzeitig die Insekten zu schützen.