Insektensterben Wie das Summen zurückkehren kann

Im Berliner Museum für Naturkunde kann man betrachten, was im Maisfeld eher nicht zu finden ist: eine Vielfalt von Insekten.

(Foto: Jürgen Blume/imago/epd)
  • Auf der Deutschen Entomologentagung haben Forscher beraten, wie das Insektensterben aufgehalten werden kann.
  • Wichtig wäre zunächst eine umfassende Zählung der Insekten, um den Schwund besser zu verstehen.
  • Doch auch so ließe sich bereits einiges tun - etwa Blühstreifen anlegen, weniger Pestizide einsetzen oder Monokulturen reduzieren.
Von Tina Baier

Der Nachweis des Insektenschwunds hat irgendwie sogar die Insektenforscher überrascht. Zumindest was das Interesse der Öffentlichkeit, der Politik und der Medien angeht. Auf der Deutschen Entomologentagung, die nach eigenen Angaben "die größte Fachveranstaltung entomologischer Forschung innerhalb Europas" ist, gab es deshalb zum ersten Mal eine eigene Vortragsreihe mit dem Titel "Biodiversity Decline and Loss of Insects" - Biodiversitätsverlust und Insektensterben.

Mehr als ein Jahr ist vergangen seit der Veröffentlichung der sogenannten Krefelder Studie, welche die Diskussion um das Insektensterben ausgelöst hat. Aber noch immer fragen sich die Entomologen, die diese Woche in Halle getagt haben, warum ausgerechnet diese Untersuchung derart eingeschlagen hat. Die Autoren der Studie, die im Oktober 2017 in der Fachzeitschrift Plos One erschienen ist, haben gezeigt, dass die Masse der Insekten seit 1989 in weiten Teilen Deutschlands um durchschnittlich 76 Prozent zurückgegangen ist. "Wir warnen seit 25 Jahren vor einem Rückgang der Insekten, haben aber nie die Öffentlichkeit erreicht", sagt Jürgen Gross, Präsident der Deutschen Gesellschaft für allgemeine und angewandte Entomologie (DGaaE) in Halle.

Die Bundesregierung will nun auf 1000 Flächen Insekten zählen. Andere finden das altmodisch

Das große Interesse hat das zuvor vor sich hindümpelnde Forschungsgebiet der Entomologie praktisch von heute auf morgen in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt. Sogar die Bundesregierung hat schnell reagiert und ein "Aktionsprogramm Insektenschutz" erarbeitet, das vorsieht, ein Monitoring der Insekten aufzubauen. Eine Art Zählung der Insekten Deutschlands sozusagen. Keine leichte Aufgabe angesichts der Tatsache, dass es in Deutschland mehr als 33 000 Insektenarten gibt, von denen viele auch noch winzig klein sind. Zum Vergleich: Beim bereits gut etablierten Monitoring der Brutvögel in Deutschland müssen die Wissenschaftler nur etwa 300 Arten beobachten.

Hella Ludwig vom Bundesamt für Naturschutz hat in Halle vorgestellt, wie ein solches Insektenmonitoring aussehen könnte. Ziel des Programms sei unter anderem, "wissenschaftlich belastbare, bundesweit gültige Aussagen" darüber zu treffen, wie die Lage der Insekten in verschiedenen Lebensräumen, von den Wäldern über die Agrarlandschaft bis hin zu den Städten ist. In einem ersten Schritt sollen zunächst häufige Insekten auf 1000 "Stichprobenflächen" erfasst werden, die über das ganze Bundesgebiet verteilt sind. Diese Ergebnisse ließen sich dann auf ganz Deutschland hochrechnen, sagte Ludwig. In einem zweiten Schritt werden dann auch seltene Insektenarten in das Programm aufgenommen. Ähnlich wie beim Vogelmonitoring sollen Ehrenamtliche oder Biologen die Flächen zu bestimmten Zeiten nach genau festgelegten Vorgaben ablaufen und festhalten, welche Kerbtiere sie dort vorfinden.

Wolfgang Wägele, Direktor des Zoologischen Forschungsmuseums Alexander Koenig in Bonn, ist das zu "rückwärtsgewandt". Er würde die Zählung der Insekten gerne automatisieren und ein Netz aus zunächst 100 Messstationen aufbauen, an denen die Insekten automatisch gefangen werden. "Ähnlich den Wetterstationen", sagt Wägele. Im Labor könnte man dann untersuchen, was genau sich in den Fallen verfangen hat.

Intensiv diskutiert wurde in Halle ein Problem, das allen Monitoring-Methoden gemeinsam ist: Es gibt viel zu wenige Fachleute, sogenannte Taxonomen, die überhaupt in der Lage sind, die verschiedenen Insekten voneinander zu unterscheiden, geschweige denn genau zu bestimmen. Die besten Fachleute sind in der Lage, zwischen 1000 und 2000 Arten auseinanderzuhalten. Aber wer hat schon Lust, eimerweise Insekten durchzusehen und zu zählen, wie viele von welcher Art vertreten sind?