Insekten "Wir haben diesen Sommer noch nicht genug Wespen"

Kaum steht das Essen auf dem Tisch, sind die Wespen da. Von einer Plage könne aber keine Rede sein, sagt eine Professorin für Naturschutz.

Interview von Sandra Sperling

Derzeit erreichen manche Wespenvölker ihre maximale Größe - und sind auf Futtersuche. Fündig werden sie häufig an Restauranttischen oder auf Picknickdecken, sehr zum Ärger der Speisenden. Alexandra-Maria Klein ist Professorin für Naturschutz und Landschaftsökologie an der Universität Freiburg. Sie hält die Reaktionen auf Wespen für übertrieben.

SZ: Derzeit scheint es, als könnte man den Wespen nicht entkommen. Es wirkt wie eine Plage.

Alexandra-Maria Klein: Jedes Jahr sprechen manche Menschen von einer Wespenplage. Dabei können viele nicht mal eine Biene von einer Wespe unterscheiden und nehmen die Situationen daher häufig falsch wahr. Es gibt mehrere Hundert Wespenarten in Deutschland. Nur zwei davon fallen den meisten in ihrem Umfeld auf.

Interview am Morgen

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Welche Wespenarten sind es, die beim Essen stören?

Die Wespen, die uns jetzt im August besonders nerven, gehören zu den Kurzkopfwespen. Hier vor allem die Deutsche Wespe und die Gemeine Wespe. Aber es gibt noch viel mehr Arten. Die meisten sehen wir im Alltag nicht, weil sie Einsiedlerwespen sind. Eine Mutter kümmert sich um ein bis 20 Kinder, diese Arten leben auch nicht in Staaten, also sozialen Strukturen mit einer Königin. Nur die sozialen Arten fallen uns auf. Derzeit erreichen diese Wespen ihr Populationsmaximum und sind auf Futtersuche. Hier gibt es eine Königin und Arbeitsteilung unter den Arbeiterinnen. Die Völker zählen bei manchen Arten bis zu 10 000 Individuen.

Wie sollte man sich verhalten, wenn sich soziale Wespen dem Tisch nähern?

Am besten ruhig bleiben. Wenn man nach den Tieren schlägt, dann geben sie Alarmpheromone ab. Sie sind ja sozial und geben ihren Freunden sozusagen Bescheid. Und dann kommen noch mehr. Das wirkt dann so, als wäre es eine Plage. Dabei ist es eigentlich oft unser Fehlverhalten. Deswegen würde ich auch nicht empfehlen, irgendwo ein Glas oder eine Falle aufzustellen, in dem sich Wespen sammeln und in Panik geraten.

Wie hat sich die anhaltende Hitze in diesem Jahr auf die Wespen ausgewirkt?

Der trockene Sommer ist nicht nur optimal für die Wespen. Auch sie brauchen wie jeder Organismus Wasser. Aber neben der Nahrung sind auch Nistplätze und Nistmaterial wichtig. Die Deutsche Wespe und die Gemeine Wespe gehen gerne in verlassene Mauselöcher oder Höhlen in der Erde. Weil es dieses Jahr kaum starke Regenfälle gab, wurden kaum Erdnester auf natürliche Weise zerstört, also durch Überschwemmungen. So gab es mehr Optionen für ein erfolgreiches Nisten.

Um die Faktoren zu verstehen, die zu einem starken Wespenjahr führen, muss man auch den Lebenszyklus anschauen. Ein Honigbienenvolk überwintert. Bei einem Wespenvolk überwintert nur die Königin. Nur wenige von ihnen überstehen den Winter und gründen Ende März oder Anfang April ein neues Volk. Sie fangen dazu an, ein Nest zu bauen. Die erwachsenen Tiere brauchen dafür viel Energie und nutzen zum Beispiel Nektar aus Blüten.

Es hat 2018 früher und mehr als sonst geblüht. Spielt das eine Rolle?

Absolut. In diesem Jahr hatten wir ein extrem starkes Blütenjahr. Überall gab es im April und vor allem im Mai Pollen. Dies lag daran, dass im letzten Jahr ein später Frost die Blüten zerstört hat und sich wenige Früchte und Samen bilden konnten. So brauchten die Pflanzen keine Energie für die Bildung der Früchte und konnten die Energie in die Bildung von Blüten in diesem Jahr stecken. Das war nicht nur für die Bienen toll, sondern auch für die Wespen, die auch Nektar brauchen.

Das dürfte doch für viele Insekten von Vorteil gewesen sein.

Genau. Die meisten Insekten haben von dem nassen Frühjahr mit später viel Sonne profitiert. Wir hatten viele Blattläuse, viele Raupen und Bienen - das ist alles Futter für die Wespen. Wenn die Königinnen nach dem Winter geschwächt erwachen, brauchen sie erst einmal reichlich Kohlenhydrate, die sie beispielsweise im Blütennektar finden. Für die Aufzucht der nächsten Generation aber benötigen sie vor allem Proteine, dies finden sie im Fleisch. Sie füttern ihre Nachkommen mit anderen Insekten - im Gegensatz zu den Bienen, die ihre Larven mit Pollen großziehen. Somit konnten sich die Deutsche Wespe und die Gemeine Wespe dieses Jahr gut vermehren. Das ist auch wichtig, um wiederum die Populationen der Schädlinge in Schach zu halten. Es sind also nicht nur direkt die Wettereinflüsse, sondern die Nahrungsnetze in den Ökosystemen, die Insektenpopulationen beeinflussen.

Ist 2018 also für alle Insekten ein gutes Jahr?

Ich persönlich glaube nicht, dass wir in diesem Jahr übermäßig viele plagende Insekten haben, trotz eines guten Insektenjahres. Auch die Bienen und Hummeln hatten bis jetzt ein gutes Jahr, obwohl nun die kritische Zeit kommt, weil es weniger Blüten durch die Trockenheit geben wird. Viele Pflanzen, die eigentlich später kommen würden, sind bereits aufgeblüht. Viele Bienen- und Hummelvölker werden deshalb voraussichtlich früher zusammenbrechen. Das passiert bei den Wespen nicht, weil sie nicht so sehr auf Blüten angewiesen sind. Andere, vorwiegend auch schädliche Insekten, mit denen Wespen ihre Nachkommen füttern, gibt es in diesem Jahr viele. Aber auch die Wespen werden im September oder Oktober verschwinden.

Halten Sie es also für übertrieben, von einer Wespenplage zu reden?

Ein Biologe würde sicherlich nicht von einer Plage reden. Auch diesen Sommer haben wir immer noch nicht genug Wespen, um die Ökosysteme richtig aufrechtzuerhalten. Diese Tiere sorgen vor allem dafür, dass die Schädlinge im Garten und in der Landwirtschaft nicht überhandnehmen. Es sind unsere natürlichen Schädlingskontrolleure. Wenn wir echte Bioprodukte essen wollen, die ohne Chemie produziert werden, dann brauchen wir Wespen. Ich glaube unser Problem ist eher, dass wir uns von der Natur immer mehr entfremden.

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