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Insekten:Winzlinge auf Wanderung

Marienkäfer

Marienkäfer verhalten sich offenbar manchmal wie Zugvögel: Wenn die Zeit gekommen ist, die Winde günstig stehen, dann brechen sie zu Abertausenden auf, um einen besseren Ort zu finden.

(Foto: San Martin Gilles; CC 2.0)

Schmetterlinge, Falter, Schwebfliegen - Billionen Insekten ziehen wie Zugvögel über weite Strecken. Das Ausmaß wird Wissenschaftlern erst jetzt klar.

Vögel und menschliche Touristen in Flugzeugen sind nicht die einzigen Kreaturen, die sich jedes Jahr auf dem Weg nach Norden oder Süden in die Lüfte erheben. Auch Insekten zählen zu den Fernreisenden: Alleine im südlichen Großbritannien schwirren zwei bis fünf Billionen Fluginsekten zwischen einzelnen Regionen hin und her. Das haben Messungen mit Radargeräten in den vergangenen Jahren gezeigt. Die fliegenden Insekten sind derart zahlreich, dass sie alleine in der beobachteten Region mehrere Tonnen Biomasse auf die Waage bringen würden. Es ist ein großes Summen und Schwirren: Die Tiere legen jeden Tag bis zu mehrere Hundert Kilometer zurück - was zeigt, dass nicht nur Zugvögel, sondern auch Insektenpopulationen über lange Strecken ziehen.

Die schiere Menge der beobachteten Fluginsekten sei absolut "beeindruckend", sagt die Ökologin Silke Bauer von der Schweizerischen Vogelwarte Sempach. "Wow", sagt auch Larry Stevens, Evolutionsökologe am Museum of Northern Arizona in Flagstaff. "Wie unfassbar groß müssen erst die Mengen von Fluginsekten sein, die in tropischen Gefilden unterwegs sind, zum Beispiel im Amazonas oder am Kongo?"

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Woher wissen die winzigen Tiere, wenn die Zeit zum gemeinsamen Aufbruch gekommen ist?

Obwohl die Migrationsbewegungen einzelner Insektenarten bereits untersucht wurden, demonstriert die aktuelle Forschung aus Großbritannien erstmals, welches Ausmaß das Phänomen hat. Zudem wird klar, dass weite Wanderungen von Fluginsekten eher die Regel als eine Ausnahme sein könnten.

Die Körper der fliegenden Wirbellosen sind voller Stickstoff, Phosphor und anderer Nährstoffe, die damit quer über den Globus verteilt werden, betonen Forscher. "Insekten sind winzige Kreaturen, die aber einen großen Einfluss haben können", sagt Lael Parrott. Die Umweltgeografin von der University of British Columbia in Kelowna, Kanada, vergleicht diesen mit den großen Wanderbewegungen des Planktons in den Ozeanen, die von enormer Bedeutung für die Nahrungskette sind.

Britische Entomologen begannen in den 1970er-Jahren damit, die Wanderungen von Fluginsekten mit mobilen Radargeräten zu überwachen. Zunächst ging es darum, Schädlinge wie Heuschrecken in Entwicklungsländern zu beobachten. In den 1990er-Jahren hatten die Forscher dann eine Radarstation bei Harpenden in Großbritannien installiert, die dauerhaft das Surren, Summen und Schwirren am Himmel überwachte und auswertete.

Erste Erkenntnisse gewannen die Wissenschaftler um Jason Chapman von der Universität Exeter zu einigen Arten von Schmetterlingen und Motten. Diese verbringen die Sommermonate im Norden Europas und verabschieden sich für die kalte Jahreszeit in Richtung Süden. Für die Langstreckenflüge, so beobachteten die Forscher, nutzen die kleinen Tiere für sie günstige Winde.

Zudem widmen sich die Insektenforscher den Flugbewegungen deutlich kleinerer und unscheinbarer Insekten. Der Gastwissenschaftler Gao Hu von der Nanjing-Universität für Agrarwissenschaften hat Daten ausgewertet, die zwischen 2000 und 2009 von der Radaranlage in Harpenden und Geräten an zwei weiteren Standorten aufgezeichnet wurden. Die Stationen beobachteten Fluginsekten mittlerer Größe, wie etwa Schwebfliegen und Marienkäfer. Zudem registrierten die Radaranlagen auch die Bewegungen größerer Kerbtiere wie etwa verschiedener Käfer oder Falterarten, die in Höhen von 150 bis 1200 Metern fliegen. Per Ballon gelang es den Forschern, Proben zu nehmen und daraus eine Schätzung der Anzahl der verschiedenen Fluginsekten in der beobachteten Region zu extrapolieren.

Kommen die Insekten nicht mehr, kann das schlimme Folgen haben

Am Himmel finden demnach permanent gigantische Wanderungen statt. Unter den Insekten mittlerer bis stattlicher Größe dokumentierten die Radargeräte 1320 Massenflugbewegungen bei Tageslicht und 898 μMassengeschwirre nach Sonnenuntergang. Diese Insektenströme korrelieren in der Regel mit den jeweils vorherrschenden Winden, die den Tieren zu Fluggeschwindigkeiten von bis zu 58 Kilometern pro Stunde verhelfen. Im Frühjahr treibt der Wind die Tiere gen Norden, im Herbst in Richtung Süden. "Dass Insekten eine Vorstellung davon haben, wohin sie wollen, wann sie aufbrechen sollen und wann für sie günstige Winde vorherrschen, ist wirklich sehr erstaunlich für solch winzige Kreaturen", sagt die Ökologin Silke Bauer aus Sempach.

Trotzdem werden noch weitere Messungen und Daten von anderen Standorten gebraucht. Erst dann werden sich viele Entomologen davon überzeugen lassen, dass Insekten tatsächlich saisonale Wanderungen absolvieren wie etwa Zugvögel oder manche Säugetiere. Ein europäisches Projekt beobachtet bereits die Flüge von Zugvögeln mit Wetterradaranlagen - und nun hoffen die Wissenschaftler, dass sie auch Fördermittel organisieren können, um künftig die Routen von Fluginsekten zu entschlüsseln.

Solche Daten und Ergebnisse könnten sehr wichtig sein, schließlich üben die kleinen Fluginsekten großen Einfluss auf die Umwelt aus. "Wenn zum Beispiel durch menschlichen Einfluss ein großer Anteil der Fluginsekten-Populationen ausgerottet wird", sagt der Zoologe Eric Warrant von der schwedischen Universität Lund, "dann kann das katastrophale Folgen für viele Ökosysteme nach sich ziehen."

Dieser Text ist im Original in "Science" erschienen, dem internationalen Wissenschaftsmagazin, herausgegeben von der AAAS. Weitere Informationen: www.sciencemag.org, dt. Bearbeitung: Sebastian Herrmann

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