Insekten Den Sammlern fehlt der Nachwuchs

Zur genetischen Analyse eines einzelnen Käfers zupft Ahrens dem Tierchen zunächst ein Bein ab. Am besten eignen sich erst kürzlich gesammelte und in ­Alkohol konservierte Käfer. "Bei den Tieren aus älteren Sammlungen liegt die DNA aufgrund ihres Alters nurmehr zerstückelt vor", erklärt der Experte. Die Analyse des Erbguts ist dadurch erschwert und es kommt leichter zu Verwechslungen zwischen den ­Arten. Der Wissenschaftler gibt das Käferbein in eine mit Enzymen versetzte Lösung, wodurch die DNA frei wird und der gewünschte Genabschnitt sequenziert werden kann. "Allerdings erhalten wir so nur ­eine grobe Idee, um welche Art es sich handelt", sagt Ahrens. "Die Fehlerquote kann bei 50 bis 80 Prozent liegen." Ein Grund dafür: Bei Käfern kommt es recht häufig vor, dass sich Individuen unterschiedlicher Arten paaren. "Über mehrere Generationen bleibt dann ein Teil des fremden Erbguts in den Genen erhalten, auch im CO1-Gen", erklärt Ahrens. Doch er ist überzeugt davon, dass die Bestimmung der Käfer per Genanalyse eines Tages schnell und fehlerfrei funktioniert: "Wir untersuchen, welche weiteren ­Gene wir analysieren müssen, um zuverlässige An­gaben zu erhalten", sagt er. "Eventuell brauchen wir auch die Daten des gesamten Genoms."

Schwierigkeiten mit der Methodik sind aber nicht das einzige Problem, weshalb das Projekt zur Zeit schleppend voranschreitet. Ahrens erhält zwar Unterstützung von rund 20 Hobby-Entomologen, doch es könnten noch deutlich mehr Sammler sein. Vor allem, um auch die seltenen Arten zu finden. Anisoplia erichsoni zum Beispiel, ein mittelgroßer, fast eiförmiger Käfer, dessen Vorkommen bisher nur in Süddeutschland belegt ist und der an den Gräsern extensiv genutzter, trockener Wiesen lebt, fehlt noch in der Datenbank.

Auch Oliver Hillert kennt die Plage mit den seltenen Tierchen. Doch bei seinem letzten Sommer­urlaub hatte er Glück: Am ersten Abend im griechischen Dörfchen Vilia erreicht er bei Einbruch der Dunkelheit etwas außerhalb des Ortes ein Hochplateau, das nur spärlich bewachsen ist. Die Käfer haben hier bei ihren nächtlichen Flügen freie Bahn. Um die Tierchen anzulocken, spannt Hillert ein weißes Tuch und beleuchtet es mit Schwarzlicht. Nur wenige Minuten später sitzen Falter auf dem Tuch - und ein kleiner, grauer Käfer. "Das ist ein Ochodaeus, ein absoluter Glücksfall", schwärmt Hillert, "er ist nur bei Dunkelheit zu fangen, wenn er für kurze Zeit sein unterirdisches Versteck verlässt, vermutlich für einen Paarungsflug." Der Käfer, über den sich der Sammler so freut, stammt von einer Gattung aus der Zeit, bevor die Kontinente Nordamerika und Eurasien auseinanderbrachen - lange bevor der erste Mensch entstand. Mit seinem Fund liefert der Sammler den Beleg dafür, dass die Art heute auch in den Bergen Griechenlands verbreitet ist. Dieses Ergebnis publiziert Hillert in einem Online-Archiv der Universität Nebraska, über das sich Käferexperten weltweit austauschen.

Schon einige Veränderungen in der Landwirtschaft könnten den Käferschwund abmildern

"Das Wissen, das uns heute über Käfer zur Verfügung steht, stammt oft von Hobbyforschern, auch weil sie ihre Sammlungen häufig an Museen vererben", sagt Dirk Ahrens. Doch die Sammler benötigen heutzutage eine Genehmigung, bevor sie aus der ­Natur Insekten mitnehmen. Das soll die Tiere schützen, aber die Bürokratie schreckt womöglich viele interessierte Personen ab. Tatsache ist: Den Sammlern fehlt der Nachwuchs. "Wir brauchen die Experten, die sich durch jahrelanges Sammeln und Bestimmen der Käfer ein enormes Wissen angeeignet haben", sagt Ahrens.

Aber trotz der Forschungslücken lässt sich schon jetzt zum Schutz der Käfer handeln. "Wir wissen, dass wir durch die zunehmende Nutzung des Bodens für die Landwirtschaft die Lebensräume der Käfer zerstören", sagt der Entomologe. "Zum Beispiel Blühstreifen, auf denen die Natur sich selbst überlassen bleibt, oder Totholz, das nicht vom Menschen weggeräumt wird." Es liegen auch Studien vor, die den Einsatz von Medikamenten bei Weidevieh und den Rückgang der Käfer in einen Zusammenhang bringen. Denn Weidevieh wird üblicherweise mit Mitteln gegen Parasiten behandelt. Spuren davon finden sich im Dung wieder, weshalb sich dort keine Fliegen und Käfer mehr entwickeln können. Und auch hier zieht das Fehlen der Insekten weitere Folgen nach sich: Wenn sie den Dung nicht mehr abbauen, entsteht mehr Methangas, ein aggressives Treibhausgas, das den Klimawandel beschleunigt.

Schon einige Veränderungen in der Landwirtschaft könnten also womöglich den Schwund der Käfer abmildern. Diese Hoffnung hat zumindest der Forscher Ahrens. Und Käfersammler Oliver Hillert teilt sie - besonders in den Momenten, in denen er das Werk der Krabbeltiere mit eigenen Augen beobachten kann. Wie in der griechischen Bucht von Psatha, wo Hillert keinen Blick für das Meer hat und auch keinen für die Landschaft. Er konzentriert sich lieber auf eine abgestorbene Kiefer. In einem aufgesprungenem Ast krabbeln Käfer mit schwarz glänzendem Panzer, sogenannte Schwarze Kiefernpracht­käfer. Sie gehören zu den Totholzkäfern und helfen mit ihrem Stoffwechsel, das tote Holz zu mineralisieren und so die Fruchtbarkeit der Böden zu fördern.

Und das ist nur ein Beispiel dafür, wie Käfer dazu beitragen, dass unsere Kultur- und Naturlandschaften so funktionieren, wie sie es heute tun. Noch ­haben die Sammler Hoffnung, dass es gelingt, das Käfersterben auf eine annähernd natürliche Rate zu begrenzen. Davon würden nicht nur die Tierchen selbst profitieren - sondern auch der Mensch.

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