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Intelligenz:Nicht differenziert genug?

Des Weiteren könnten Intelligenztests dabei helfen, Potentiale zu entdecken, die im Alltag nicht sichtbar sind. So machten die Psychologin und ihre Kollegen bei der Normierung eines Intelligenztests eine interessante Entdeckung: "Wir haben Schüler an Realschulen, Gymnasien und Hauptschulen getestet - und auch an Hauptschulen etliche Hochbegabte gefunden", erklärt Preckel.

Gerade dass sich mit den Tests die Intelligenz eines Menschen differenziert betrachten lässt, ist ihre größte Errungenschaft. "Man kann beispielsweise zwischen Gedächtnisleistung und Geschwindigkeit der Informationsverarbeitung unterscheiden. Und solche Informationen sind wichtig, um geistige Stärken oder Schwächen gezielt fördern zu können", sagt die Psychologin.

Kritikern zufolge betrachten IQ-Tests die Intelligenz des Menschen allerdings noch immer nicht differenziert genug. Ihr Vorwurf: Noch immer werde ausschließlich versucht, das logische und rationale Denken eines Menschen zu bewerten, während die sogenannte emotionale Intelligenz, also zum Beispiel die Fähigkeit, sich in andere Menschen hineinzuversetzen und angemessen auf sie zu reagieren und einzugehen, unbeachtet bliebe. Dabei könne auch diese Art der Intelligenz beispielsweise ein beruflicher Erfolgsfaktor sein.

Franzis Preckel ist von der Gegenüberstellung von rationalem Denken und Emotionen nicht überzeugt: "Unabhängig von Motivation und Emotion zu denken, geht gar nicht."

"Sobald ich einen Intelligenztest bearbeite, springen natürlich auch affektive Prozesse an", erklärt Preckel. Selbst wenn also nicht explizit Aufgaben gelöst werden, die auf emotionale Fähigkeiten zielen - sie werden indirekt mitgetestet.

Der Ruf, emotionale Intelligenz in die Tests einzubeziehen, sei wahrscheinlich deshalb auch so ausgeprägt, weil jeder das Gefühl habe, darüber zu verfügen. "Emotionale Intelligenz ist uns daher so sympathisch", gibt die Psychologin zu bedenken. "Die kognitive Intelligenz macht einem eher Angst, weil es da mehr um Unterschiede geht."

Mit anderen Worten, jeder befürchtet, nach einem IQ-Test dümmer dazustehen als die anderen. Dabei denkt sie oder er vielleicht einfach nur . . . anders.

© sueddeutsche.de/mcs
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