Süddeutsche Zeitung

Indien:Erst stirbt der Fluss, dann der Mensch

Fäkalien, Leichen, Müll: Indiens Gewässer sind stark verschmutzt. Doch kluge Konzepte könnten die Umweltkatastrophe nun beenden.

Von natur-Autor Holger Schäfer

Unter der Eisenbrücke, die Delhis Stadtteile links und rechts des Flusses Yamuna verbindet, zeigt sich das große Drama um Indiens Flüsse im Kleinen. Hier liegt am Ufer einer der zahllosen Slums der Millionenstadt. In Rinnsälen sickern ungefilterte Haushalts- und Industrieabwässer durch die Siedlung in den Nebenfluss des Ganges. Auch der Müll vom Straßenrand und menschliche Hinterlassenschaften von der angrenzenden Wiese werden vom Regen in den Fluss gespült. Die Menschen, die hier leben, baden trotzdem in dem Wasser des ­Flusses, sie kochen und sie waschen damit. Leitungswasser gibt es lediglich aus einem brüchigen Rohr in der Nähe. Doch auch aus dieser Quelle schadet es der Gesundheit.

Die Yamuna und der Ganges sind für die Inder Gottheiten. Ziemlich dreckige allerdings. Im Wasser des Ganges befinden sich auf Höhe der Pilgerstadt Varanasi laut der Umweltorganisation "Centre for Science and Environment" (CSE) 2500 Kolibakterien je 100 Milliliter - schon ab 500 Bakterien wird vom Baden abgeraten.

Wie es um die indischen Flüsse bestellt ist, ist ­lange bekannt. Doch getan hat sich bis heute wenig. Aktionspläne für saubere Flüsse, die seit den 80er Jahren aufgelegt wurden, scheiterten. Zum einen weil es unmöglich scheint, die Quellen der Verschmutzung zu regulieren: Es geht um Abwässer, Müll und Fäkalien entlang tausender Fluss-Kilometer - bei der Yamuna exakt 1376. Zum anderen sorgen die Unwissenheit der Menschen, fehlende Technik und die Korruption dafür, dass den politischen ­Beteuerungen nie wirklich Taten folgten.

"Jetzt müssen wir endlich aktiv werden"

Auch die Nebenflüsse des Ganges sind stark belastet, wie eine Studie des staatlichen "Central Pollution Control Board" (CPCB) zeigt. Die Kontrollbehörde maß den biologischen Sauerstoffbedarf, der ein Indikator für den Grad der Verschmutzung ist: Je stärker die Belastung mit Schadstoffen, desto höher der ­Sauerstoffbedarf. Ab 15 Milligramm je Liter gilt ein Gewässer nach europäischen Standards als über­mäßig stark verschmutzt. Die Messungen an den Ganges-Nebenflüssen Yamuna und Kali ergaben ­einen Bedarf von bis zu 300 Milligramm.

Vor allem in der Nähe von Industriegebieten und großen Städten gibt es kaum noch Leben im Fluss. ­Fische etwa brauchen mindestens vier Milligramm ­Sauerstoff je Liter um zu überleben - unterhalb von Delhi enthält das Flusswasser weniger als zwei Milligramm Sauerstoff je Liter.

Auch andere indische Flüsse sind stark belastet, sobald sie ein Industriegebiet oder eine größere Stadt passiert haben. Am Fluss Godavari, der sich über rund 1500 Kilometer von den Westghats an der Westküste Indiens bis zum Golf von Bengalen im Osten erstreckt, misst die "Central Water Commission" regelmäßig Sauerstoffbedarfe von 25 bis 50 Milligramm je Liter und Spitzenwerte von 250 Milligramm. Auch am Sabarmati, an dem die Millionenstadt Ahmedabad liegt und der ins Arabische Meer mündet, liegt der Sauerstoffbedarf bei bis zu 300 Milligramm je Liter - genau wie an den dreckigsten Stellen am Ganges.

"Jetzt müssen wir endlich aktiv werden", sagt Amarjit Singh, Staatssekretär im Ministerium für Wasserressourcen, Flussentwicklung und Verjüngung des Ganges. Er ist einer der Hauptverantwortlichen des "Namami Gange Programme". "Namami" kommt aus dem Sanskrit und heißt soviel wie "Ich verneige mich". Ziel des 2014 angestoßenen Programmes ist die Wiederbelebung des Flusses, der sich über 2500 Kilometer vom Himalaya bis zum Golf von Bengalen erstreckt und in dessen Tiefebene 40 Prozent von Indiens Bevölkerung leben. 2,5 Milliarden Euro hat die Regierung bis Mitte 2019 genehmigt.

Doch die Wiederbelebung lief schleppend an. Mitte 2017 war nur bei 18 Prozent des Budgets klar, wofür man es überhaupt einsetzen will - etwa in die Aufrüstung bestehender und den Bau neuer Kläranlagen. Erst neun Prozent des Budgets wurden tatsächlich investiert. Jüngst musste das Ministerium zugeben, dass die Masse an ungereinigten Abwässern, die in den Fluss gelangen, sogar noch zugenommen hat: Von täglich rund sechs Milliarden Litern im Jahr 2013 auf 7,5 Milliarden Liter im Jahr 2017 - weil die Bevölkerung und die Wirtschaft schneller wuchsen als die Kapazität der Kläranlagen. Diese beträgt laut Staatssekretär Singh lediglich 1,6 Milliarden Liter. Deswegen sollen bis 2019 mehr als 50 weitere kommunale Anlagen gebaut und die Kapazität so auf zumindest zwei Milliarden Liter erhöht werden.

Mit dem Bau der Anlagen indes ist es nicht getan. Selbst in größeren Städten gibt es fast keine Kanalisation, die die Abwässer befördern könnte. Wohl auch deswegen hat sich das nationale Ganges-Reinigungsprojekt nun zunächst die Industrie vorgeknöpft. "Die Fabriken, die nicht bereit sind, ihre Abwässer zu ­reinigen, werden geschlossen", sagt Singh. Bei drei Alkoholproduzenten hat er diese Drohung schon wahr gemacht. Auch 14 Gerbereien, die bei der ­Lederherstellung giftige Farb- und Gerbstoffe verwenden, wurden schon geschlossen.

Mit den Fabriken der Leder- und Textilmetropole Kanpur habe er sich nach langwierigen Diskussionen geeinigt, sagt Singh. Die Übereinkunft beinhaltet ­einen Kompromiss: Wie der Staatssekretär durchblicken lässt, wird die Regierung einen Großteil der Kosten für die Anschaffung und den Unterhalt der Filteranlagen übernehmen. Die Verhandlungen mit der Textilindustrie in anderen großen Industriezentren entlang des Ganges dauern noch an.

Seit 2016 arbeitet Singhs Ministerium auch mit der deutschen Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GiZ) zusammen. Die Kooperation ist auf drei Jahre angelegt, Deutschland investiert drei Millionen Euro, die EU schießt nochmal 2,4 Millionen Euro zu. Die fünf GiZ-Mitarbeiter helfen zum einen dabei, die Messungen der Schadstoffe zu verbessern und zu vereinheitlichen. Zum anderen beraten sie Städte beim Abwasser-Management, zunächst in ­Haridwar und Rishikesh, den Pilgerorten am Oberlauf, des Ganges. Wo er den Himalaya verlässt. Und die Verschmutzung beginnt.

Eine ihrer Hauptaufgaben dort ist es, die Wirkung der kommunalen Kläranlagen zu verbessern. Oftseien es ganz einfache Dinge wie die regelmäßige Reinigung eines Rechens, die schlicht nicht stattfänden. "Klare, übersichtliche Arbeitsanweisungen an den verschiedenen Stationen im Klärprozess können schon helfen", sagt Martina Burkard, die das Projekt auf deutscher Seite leitet.

Halbverbrannte Körper stromabwärts

Doch nicht bei allen Problemen können indische Ingenieure auf Erfahrungswerte aus Deutschlandzurückgreifen. Etwa bei der Wasserverschmutzung durch religiöse Zeremonien. So landen in Indienjedes Jahr tausendfach riesige Götterstatuen in den Flüssen. Die Gläubigen versenken dann selbstgebaute Figuren, etwa von Durga, der Göttin der Vollkommenheit, oder Ganesha, dem Gott mit dem Elefantenkopf, zum Abschluss der jeweiligen Ehrenfeste. Der Gips der Figuren und die Farben, mit denen sie bemalt sind, werden zur Belastung für den Fluss. Ebenfalls folgenschwer ist die Tradition, die Leichen der Verstorbenen am Ufer zu verbrennen und die Überreste dem Fluss zu übergeben. Oft treiben halbverbrannte und -verweste Körper stromabwärts.

Trotzdem: Martina Burkard hat Hoffnung, dass sich der Zustand des Ganges wie anderer Flüsse nach und nach verbessern lässt: "Die Aufgabe ist lösbar, aber es braucht viel Energie und viele kleine Schritte. Man kann sich nicht dahinter verstecken, dass das Problem zu groß sei, um es zu lösen." Wie lang es dauern wird, bis der Ganges wieder in einem akzeptablen Zustand ist? Diese Frage beantwortet ihr Projektpartner Amarjit Singh mit einer Gegenfrage: "Wie lange hat es bei Ihnen am Rhein gedauert?"

Unterstützt wird die Umwelt-Offensive für Flüsse durch ein zweites Programm: Die sogenannte "Swachh Bharat Abhiyan" ("Mission Sauberes Indien"). Erstes Ziel: Bis Ende 2019 soll das Verrichten der Notdurft nur noch auf Toiletten stattfinden - in Indien keine Selbstverständlichkeit. Einem Regierungsreport zufolge benutzt mehr als die Hälfte der Landbevölkerung keine Toilette. Der Staat hat in den letzten drei Jahren landesweit mehr als 50 Millionen öffentliche Toiletten gebaut - eine Verbesserung, die in der indischen Geschichte ohne Beispiel ist.

Zweites großes Ziel der "Mission Sauberes Indien" ist es, die Massen an Müll in den Griff zu bekommen, die Städte und Landschaften, Strände und Flüsse verschmutzen. Premierminister Narendra Modi zeigt sich dafür auf Plakaten demonstrativ mit Besen in der Hand, als oberster Straßenkehrer der Nation.

In großen Städten wie Delhi und Mumbai wird nach und nach die Mülltrennung eingeführt. Auföffentlichen Plätzen und in Bahnhöfen muss man sich dort mittlerweile zwischen grünen Abfallbehältern für Biomüll und schwarzen für Restmüll entscheiden. Auch in immer mehr Wohnsiedlungen stehen zwei entsprechende Sammelcontainer zur Verfügung. Dadurch ist der Anteil am Müll, der kompostiert oder zur Energiegewinnung genutzt wird, seit 2014 von 16 auf 22 Prozent gestiegen.

Dies bezieht sich allerdings nur auf den offiziell eingesammelten Müll - nach Angaben des "Central Pollution Control Board" rund 100 000 Tonnen täglich. Insgesamt ist dies nur ein kleiner Teil des Abfallbergs: 90 Prozent, so eine Studie des "Indian Institute of Technology", werden von privaten Müllrecyclern verwertet. Oder illegal entsorgt: vor Ort verbrannt, auf Müllkippen abgeladen - oder gern auch in Flüssen. Aus den Augen, aus dem Sinn.

Mit diesem Lebensmotto haben die Menschen am Ganges und seinen Zuflüssen es geschafft, den Strom zu einem der weltgrößten Ozeanverschmutzer zu machen. Wie das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung kürzlich herausfand, sind weltweit nur zehn Flüsse für mehr als 90 Prozent des Plastiks in den Meeren verantwortlich, darunter der Ganges. Er führt rund drei Millionen Tonnen Plastik pro Jahr.

Um die Plastikmassen einzudämmen, hat das höchste indische Gericht für Umweltfragen, das "National Green Tribunal", 2017 Plastikbecher und -tüten in den Städten am Ganges verboten. Wer ­damit erwischt wird, dem droht eine Strafe von 5000 Rupien, rund 65 Euro. Wer Müll am Flussufer ablädt, riskiert eine Strafe von umgerechnet fast 650 Euro.

Für die Akzeptanz dieser Maßnahmen sorgt neuerdings sogar einer der bekanntestes Gurus des Landes: Jaggi Vasudev, genannt "Sadhguru". Seine "Isha Foundation", die Selbstfindungs- und Yoga-Kurse anbietet, hat fünf Millionen Anhänger in Indien und mehrere zehntausend in den USA und Europa. Im Herbst 2017 reiste Vasudev in einer "Rally for Rivers" kreuz und quer durchs Land, um auf die Bedrohung der Flüsse aufmerksam zu machen. Während seines Kundgebungsmarathons ließ der Guru eine Hotline schalten, bei der alle, die ihn bei seinem Einsatz für die Flüsse unterstützen wollen, anrufen sollten - 120 Millionen Menschen taten das, eine selbst für indische Verhältnisse beachtliche Zahl.

Einzigartig ist die Breitenwirkung, die der Guru mit seiner Aktion erzielt hat. Neben den gängigen Aufrufen zur Reinigung der Fließgewässer weist Vasudev vor allem auf den Wassermangel hin, der dem Land durch den Klimawandel und die starke Nutzung durch den Menschen drohe: "Wir laufen Gefahr, im Jahr 2030 nur noch halb so viel Wasser zu haben, wie wir brauchen."

Die Sorge um die Flüsse hat eine breite Bevölkerungsschichten erreicht

Deswegen schlägt er vor, entlang der Flüsse hunderttausende Bäume zu pflanzen. So soll der Boden in die Lage versetzt werden, den Regen während der Monsunzeit besser zwischenzuspeichern und das Wasser in der Trockenzeit an den Fluss abzugeben. "Auf ­öffentlichen Flächen am Ufer soll der Staat die Bäume pflanzen", schlägt Vasudev vor. "Dort, wo das Land den Bauern gehört, sollen sie ihre Felder mit Hilfe ­eines Übergangskredits in Obstplantagen verwandeln oder medizinisch nutzbare Bäume pflanzen." Der ­Erfolg der Rally zeigt, dass die Sorge um die Flüsse breite Bevölkerungsschichten erreicht hat - die Regierung steht unter Druck, ihre Versprechen in die Tat umzusetzen. "Wir müssen unsere Flüsse endlich wie einen nationalen Schatz behandeln", sagt Vasudev.

Was die drohende Wasserknappheit betrifft, geben Wissenschaftler wie Vikram Soni von der Nehru-Universität in Delhi dem Guru Recht. Seit Jahrzehnten erforscht der Physiker den Zustand der indischen Flüsse und entwickelt Methoden zur Trinkwassergewinnung. "Vor allem der Norden gerät zunehmend unter Wasserstress, weil die Flüsse ausgebeutetwerden oder austrocknen", sagt Soni. Gravitationsmessungen der Nasa zeigen, dass der Grundwasserspiegel in den Bundesstaaten Rajasthan, Punjab und Haryana kontinuierlich sinkt - allein zwischen 2002 und 2008 um 25 Zentimeter. Die Forscher gehen davon aus, dass dies an der Wasserentnahme durch den Menschen, etwa für die Landwirtschaft, liegt.

Hinzu kommt, dass der Monsun im Norden nicht mehr so viel Regen bringt wie früher: Gelangten in den 70er Jahren noch rund 20 000 Kubikmeter Wasser pro Sekunde aus den Himalaya-Zuflüssen in die Yamuna, so waren es in den 2000er Jahren nach Angaben der lokalen Verwaltung im Schnitt nur noch ­weniger als 5000 Kubikmeter - ein Rückgang um 75 Prozent.

"Um Wasser zu gewinnen, sollten wir die Schwemmflächen nutzen, da schlummert großes Potenzial", meint Soni. Immerhin sind die im Fall der großen Flüsse, die aus dem Himalaya kommen, bis zu 20 Kilometer breit und 100 Meter tief. Mit Pumpen könne das Wasser aus den Sandbänken extrahiert werden. "Natürlich nicht mehr, als die Natur jedes Jahr wieder auffüllt." Soni hat ausgerechnet, dass sich so am Ganges und ­seinen Nebenflüssen zumindest der Trinkwasserbedarf der ­Städte bis zu drei Millionen Einwohnern decken ließe.

Damit irgendwann auch das Flusswasser wieder bedenkenlos genutzt werden kann, müssen alle helfen, auch die Menschen unter der Yamuna-Brücke. Der Einzelne trägt zwar im Vergleich zur Industrie eine verschwindend geringe Verantwortung. Doch wie die Menschen mit ihrem Müll umgehen, auch wo sie auf die Toilette gehen oder ihre Angehörigen bestatten, all das wird mitentscheiden über die Zukunft von Indiens Flüssen.

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