Indien:Halbverbrannte Körper stromabwärts

Doch nicht bei allen Problemen können indische Ingenieure auf Erfahrungswerte aus Deutschlandzurückgreifen. Etwa bei der Wasserverschmutzung durch religiöse Zeremonien. So landen in Indienjedes Jahr tausendfach riesige Götterstatuen in den Flüssen. Die Gläubigen versenken dann selbstgebaute Figuren, etwa von Durga, der Göttin der Vollkommenheit, oder Ganesha, dem Gott mit dem Elefantenkopf, zum Abschluss der jeweiligen Ehrenfeste. Der Gips der Figuren und die Farben, mit denen sie bemalt sind, werden zur Belastung für den Fluss. Ebenfalls folgenschwer ist die Tradition, die Leichen der Verstorbenen am Ufer zu verbrennen und die Überreste dem Fluss zu übergeben. Oft treiben halbverbrannte und -verweste Körper stromabwärts.

Trotzdem: Martina Burkard hat Hoffnung, dass sich der Zustand des Ganges wie anderer Flüsse nach und nach verbessern lässt: "Die Aufgabe ist lösbar, aber es braucht viel Energie und viele kleine Schritte. Man kann sich nicht dahinter verstecken, dass das Problem zu groß sei, um es zu lösen." Wie lang es dauern wird, bis der Ganges wieder in einem akzeptablen Zustand ist? Diese Frage beantwortet ihr Projektpartner Amarjit Singh mit einer Gegenfrage: "Wie lange hat es bei Ihnen am Rhein gedauert?"

Unterstützt wird die Umwelt-Offensive für Flüsse durch ein zweites Programm: Die sogenannte "Swachh Bharat Abhiyan" ("Mission Sauberes Indien"). Erstes Ziel: Bis Ende 2019 soll das Verrichten der Notdurft nur noch auf Toiletten stattfinden - in Indien keine Selbstverständlichkeit. Einem Regierungsreport zufolge benutzt mehr als die Hälfte der Landbevölkerung keine Toilette. Der Staat hat in den letzten drei Jahren landesweit mehr als 50 Millionen öffentliche Toiletten gebaut - eine Verbesserung, die in der indischen Geschichte ohne Beispiel ist.

Zweites großes Ziel der "Mission Sauberes Indien" ist es, die Massen an Müll in den Griff zu bekommen, die Städte und Landschaften, Strände und Flüsse verschmutzen. Premierminister Narendra Modi zeigt sich dafür auf Plakaten demonstrativ mit Besen in der Hand, als oberster Straßenkehrer der Nation.

In großen Städten wie Delhi und Mumbai wird nach und nach die Mülltrennung eingeführt. Auföffentlichen Plätzen und in Bahnhöfen muss man sich dort mittlerweile zwischen grünen Abfallbehältern für Biomüll und schwarzen für Restmüll entscheiden. Auch in immer mehr Wohnsiedlungen stehen zwei entsprechende Sammelcontainer zur Verfügung. Dadurch ist der Anteil am Müll, der kompostiert oder zur Energiegewinnung genutzt wird, seit 2014 von 16 auf 22 Prozent gestiegen.

Dies bezieht sich allerdings nur auf den offiziell eingesammelten Müll - nach Angaben des "Central Pollution Control Board" rund 100 000 Tonnen täglich. Insgesamt ist dies nur ein kleiner Teil des Abfallbergs: 90 Prozent, so eine Studie des "Indian Institute of Technology", werden von privaten Müllrecyclern verwertet. Oder illegal entsorgt: vor Ort verbrannt, auf Müllkippen abgeladen - oder gern auch in Flüssen. Aus den Augen, aus dem Sinn.

Mit diesem Lebensmotto haben die Menschen am Ganges und seinen Zuflüssen es geschafft, den Strom zu einem der weltgrößten Ozeanverschmutzer zu machen. Wie das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung kürzlich herausfand, sind weltweit nur zehn Flüsse für mehr als 90 Prozent des Plastiks in den Meeren verantwortlich, darunter der Ganges. Er führt rund drei Millionen Tonnen Plastik pro Jahr.

Um die Plastikmassen einzudämmen, hat das höchste indische Gericht für Umweltfragen, das "National Green Tribunal", 2017 Plastikbecher und -tüten in den Städten am Ganges verboten. Wer ­damit erwischt wird, dem droht eine Strafe von 5000 Rupien, rund 65 Euro. Wer Müll am Flussufer ablädt, riskiert eine Strafe von umgerechnet fast 650 Euro.

Für die Akzeptanz dieser Maßnahmen sorgt neuerdings sogar einer der bekanntestes Gurus des Landes: Jaggi Vasudev, genannt "Sadhguru". Seine "Isha Foundation", die Selbstfindungs- und Yoga-Kurse anbietet, hat fünf Millionen Anhänger in Indien und mehrere zehntausend in den USA und Europa. Im Herbst 2017 reiste Vasudev in einer "Rally for Rivers" kreuz und quer durchs Land, um auf die Bedrohung der Flüsse aufmerksam zu machen. Während seines Kundgebungsmarathons ließ der Guru eine Hotline schalten, bei der alle, die ihn bei seinem Einsatz für die Flüsse unterstützen wollen, anrufen sollten - 120 Millionen Menschen taten das, eine selbst für indische Verhältnisse beachtliche Zahl.

Einzigartig ist die Breitenwirkung, die der Guru mit seiner Aktion erzielt hat. Neben den gängigen Aufrufen zur Reinigung der Fließgewässer weist Vasudev vor allem auf den Wassermangel hin, der dem Land durch den Klimawandel und die starke Nutzung durch den Menschen drohe: "Wir laufen Gefahr, im Jahr 2030 nur noch halb so viel Wasser zu haben, wie wir brauchen."

Die Sorge um die Flüsse hat eine breite Bevölkerungsschichten erreicht

Deswegen schlägt er vor, entlang der Flüsse hunderttausende Bäume zu pflanzen. So soll der Boden in die Lage versetzt werden, den Regen während der Monsunzeit besser zwischenzuspeichern und das Wasser in der Trockenzeit an den Fluss abzugeben. "Auf ­öffentlichen Flächen am Ufer soll der Staat die Bäume pflanzen", schlägt Vasudev vor. "Dort, wo das Land den Bauern gehört, sollen sie ihre Felder mit Hilfe ­eines Übergangskredits in Obstplantagen verwandeln oder medizinisch nutzbare Bäume pflanzen." Der ­Erfolg der Rally zeigt, dass die Sorge um die Flüsse breite Bevölkerungsschichten erreicht hat - die Regierung steht unter Druck, ihre Versprechen in die Tat umzusetzen. "Wir müssen unsere Flüsse endlich wie einen nationalen Schatz behandeln", sagt Vasudev.

Was die drohende Wasserknappheit betrifft, geben Wissenschaftler wie Vikram Soni von der Nehru-Universität in Delhi dem Guru Recht. Seit Jahrzehnten erforscht der Physiker den Zustand der indischen Flüsse und entwickelt Methoden zur Trinkwassergewinnung. "Vor allem der Norden gerät zunehmend unter Wasserstress, weil die Flüsse ausgebeutetwerden oder austrocknen", sagt Soni. Gravitationsmessungen der Nasa zeigen, dass der Grundwasserspiegel in den Bundesstaaten Rajasthan, Punjab und Haryana kontinuierlich sinkt - allein zwischen 2002 und 2008 um 25 Zentimeter. Die Forscher gehen davon aus, dass dies an der Wasserentnahme durch den Menschen, etwa für die Landwirtschaft, liegt.

Hinzu kommt, dass der Monsun im Norden nicht mehr so viel Regen bringt wie früher: Gelangten in den 70er Jahren noch rund 20 000 Kubikmeter Wasser pro Sekunde aus den Himalaya-Zuflüssen in die Yamuna, so waren es in den 2000er Jahren nach Angaben der lokalen Verwaltung im Schnitt nur noch ­weniger als 5000 Kubikmeter - ein Rückgang um 75 Prozent.

"Um Wasser zu gewinnen, sollten wir die Schwemmflächen nutzen, da schlummert großes Potenzial", meint Soni. Immerhin sind die im Fall der großen Flüsse, die aus dem Himalaya kommen, bis zu 20 Kilometer breit und 100 Meter tief. Mit Pumpen könne das Wasser aus den Sandbänken extrahiert werden. "Natürlich nicht mehr, als die Natur jedes Jahr wieder auffüllt." Soni hat ausgerechnet, dass sich so am Ganges und ­seinen Nebenflüssen zumindest der Trinkwasserbedarf der ­Städte bis zu drei Millionen Einwohnern decken ließe.

Damit irgendwann auch das Flusswasser wieder bedenkenlos genutzt werden kann, müssen alle helfen, auch die Menschen unter der Yamuna-Brücke. Der Einzelne trägt zwar im Vergleich zur Industrie eine verschwindend geringe Verantwortung. Doch wie die Menschen mit ihrem Müll umgehen, auch wo sie auf die Toilette gehen oder ihre Angehörigen bestatten, all das wird mitentscheiden über die Zukunft von Indiens Flüssen.

© SZ.de/fehu/hach
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