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Impfungen und Nebenwirkungen:Nur ein kleiner Pieks

Seltsam jedoch, dass der Virologe in seinem Gutachten just solchen Spekulationen Nahrung gibt. Denn er weist auf eine Verunreinigung des Polio-Impfstoffes mit "SV40" hin. Dieser Affenvirus (Simian-Virus) wurde zwischen 1955 bis 1963 weltweit verbreitet. In dieser Zeit wurden Polio-Impfstoffe aus den Nierenzellen infizierter Rhesusaffen gewonnen. Weltweit dürften rund 100 Millionen Menschen diese Impfstoffe erhalten haben - möglicherweise auch Hunderttausende deutscher Kinder bei den Massenimpfungen.

Friederike Kochem mit ihrem Sohn Marius.

(Foto: Foto: privat)

Bis jetzt wurde SV40 bei Menschen aus Amerika, Südeuropa und Japan nachgewiesen. Infizierte Menschen können das Virus mit ihrem Speichel oder anderen Körperflüssigkeiten übertragen. Das gesundheitspolitisch heikle Problem: Im vergleichbaren Zeitraum hat sich das Aufkommen von bestimmten Krebserkrankungen, zum Beispiel Non-Hodgkin-Lymphomen, nahezu verdoppelt.

Dürre 18 Zeilen

Friederike K. entdeckt im Internet solche Meldungen. Deshalb will sie im Revisionsverfahren vor dem Hessischen Landessozialgericht nachhaken. Der Richter beruft einen Sachverständigen, der soll beim Paul-Ehrlich-Institut in Langen die noch vorhandene Impfstoffcharge untersuchen.

"Sofern Sie eine Verunreinigung mit SV40-Viren feststellen sollten, werden Sie außerdem mit der Untersuchung des noch vorhandenen und, soweit Sie dies für erforderlich halten, auch der Knochenmarksubstanz des verstorbenen Ehemanns der Klägerin beauftragt", wollen die Richter.

Doch der fühlt sich dazu außerstande. In dürren 18 Zeilen schreibt der Professor ans Gericht: "Der hochakute Verlauf widerspricht aller Erkenntnis über Entstehung und Ausbreitung maligner Erkrankungen und führt den Rechtsstreit von vornherein ad absurdum." Das reicht dem Gericht. Die Klage gegen das Land Hessen wird angelehnt.

Dass nahezu alle Gutachter um die Problematik des Affenvirus einen großen Bogen machen, findet Klaus Hartmann "sehr verdächtig". Denn viele Fragen rund um das Virus seien noch ungeklärt. Zehn Jahre lang hat der Wiesbadener Arzt beim Paul-Ehrlich-Institut Meldungen über mögliche Impfkomplikationen erfasst, bearbeitet, bewertet.

Nun berät er jene, die wegen solcher Komplikationen entschädigt werden wollen, und tritt vor Gerichten als Gutachter auf. 60 bis 70 Gutachten schreibt er pro Jahr und neuerdings kommen immer wieder Betroffene mit Fragen zu SV40. Zufriedenstellende Antworten kann auch er nicht geben: "Die Pharmaindustrie hat kein Interesse, danach zu forschen."

Friederike K. will trotzdem nicht aufgeben. Ihr Fall liegt jetzt beim Bundesverfassungsgericht.

© SZ vom 02.08.2008/mcs
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