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Impfung gegen Schweinegrippe:Hinterher sind alle klüger

Die Bundesländer haben aus heutiger Sicht viel zu viel Impfstoff gegen die Schweinegrippe bestellt - mit enormen finanziellen Verlusten. Doch Kritik daran ist heuchlerisch.

Die zweite Welle der Schweinegrippe, alias A-H1N1, ist durch das Land gezogen. Das Virus hat nicht so übel gewütet, wie es hätte passieren können - was die gute Nachricht ist.

Schweinegrippe, Impfung, Getty

Überflüssiger Impfstoff: Die Bundesländer haben sehr viel mehr Impfdosen bestellt, als nun genutzt wurden.

(Foto: Foto: Getty)

Die schlechte lautet: Die Bundesländer haben aus heutiger Sicht viel zu viel Impfstoff bestellt und große Bestände eingelagert. Der finanzielle Verlust aufgrund der überzähligen Vakzin-Dosen wird auf 250 Millionen Euro geschätzt.

Nun beginnt ein bizarres Gezanke um die Schuld an dieser Überbestellung, und konkret um die Frage: Wer muss für den Schaden aufkommen? Mit jeweils guten Argumenten könnte man allen Beteiligten Verantwortung zuschieben: den Wissenschaftlern, weil sie zu forsch gewarnt haben; der Bundesregierung, weil sie die Zahl von 50 Millionen Impfdosen empfohlen hat; den Bundesländern, weil sie die empfohlenen Dosen tatsächlich gekauft haben.

Und natürlich den Impfstoff-Herstellern, denen nun manche Politiker wie der sächsische CDU-Fraktionschef Steffen Flath ein "Geschäft mit der Angst" vorwerfen.

Tatsächlich ist kein einziger dieser Vorwürfe berechtigt. Um das einzusehen, muss man sich nur kurz vorstellen, was passiert wäre, hätte die Schweinegrippe eine beträchtliche Zahl an Todesopfern gefordert, die Wissenschaftler hätten nicht gewarnt, die Politik hätte zu wenig Impfstoff bestellt, oder die Industrie hätte die erforderlichen Dosen nicht rechtzeitig geliefert.

Aus heutiger Sicht zu erklären, wie alles in der ersten Jahreshälfte 2009 hätte laufen müssen, ist heuchlerisch. Das Aufkommen der Schweinegrippe stellte Experten, Politiker und Unternehmen vor die Notwendigkeit, zu handeln, obgleich die Informationslage noch unvollständig war.

Sicher müssen im Nachhinein manche Details überdacht werden, schon im Hinblick auf künftige Seuchen. Die Weltgesundheitsorganisation zum Beispiel sollte ihre Pandemie-Skala (auf der die Schweinegrippe schon früh die oberste Stufe erreichte) weniger an der Zahl der betroffenen Länder und stärker an der Gefährlichkeit eines Erregers ausrichten.

Auch haben die deutschen Behörden den Herstellern allzu komfortable Vertragsbedingungen zugestanden; Pharmafirmen sollten nicht pauschal von der Haftung befreit werden. Die Dosierung des Impfstoffs in Zehnerpackungen war auch falsch. Und dann war da natürlich das überflüssige PR-Desaster um die speziellen Impfstoffe für Soldaten und Minister.

Doch grundsätzlich war die schnelle Bestellung einer hohen Zahl von Impfdosen richtig. Dass für den Impfschutz eine Spritze reicht und es nicht zwei braucht, war zum Zeitpunkt der Bestellung nicht absehbar.

Verständlich ist nun, dass die Länder den Schaden begrenzen wollen und mit der Industrie über eine Abbestellung der noch ausstehenden Impfstoff-Lieferungen verhandeln. Rein rechtlich ist ihr Spielraum in dieser Frage nicht groß, doch könnte die Pharma-Industrie mit Kulanz Sympathie gewinnen.

Hunderte Leser haben uns Ihre Ansichten und Erfahrungen zur Schweinegrippe-Impfung geschrieben. Hier können Sie sie lesen und uns Ihre Erfahrungen schildern.

© SZ vom 31.12.2009/gal
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