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Infektionskrankheiten:Hoffnung auf Malaria-Impfstoffe

Einem Patienten wird in Venezuela von einer Mitarbeiterin von Ärzte ohne Grenzen Blut abgenommen, um ihn auf eine Malaria-Infektion zu testen.

(Foto: PEDRO RANCES MATTEY/AFP)

Erstmals hat ein Vakzin gegen die Tropenkrankheit eine Wirksamkeit von mehr als 75 Prozent gezeigt. Auch wenn sich der Erfolg noch bestätigen muss: Aktuelle Entwicklungen in Afrika zeigen, wie willkommen und nötig neue Mittel sind.

Von Berit Uhlmann

Angesichts der enormen Schnelligkeit, mit der die Covid-Impfstoffe entwickelt wurden, kann leicht vergessen werden, wie mühsam die Suche nach wirksamen Vakzinen sein kann; wie häufig Rückschläge und wie selten Erfolge sind. So ist trotz jahrzehntelanger Forschung noch immer kein Malaria-Impfstoff zugelassen. Vor diesem Hintergrund sind Nachrichten, die derzeit aus Afrika kommen, durchaus beachtlich.

Wissenschaftler aus Oxford, die auch an der Entwicklung des Astra-Zeneca-Impfstoffs gegen Covid-19 beteiligt waren, haben gemeinsam mit Partnern aus Afrika erstmals ein Malaria-Vakzin in Aussicht gestellt, das die von der WHO gesteckte Zielmarke von 75 Prozent Wirksamkeit übertrifft. Die Forscher testeten das Präparat an 450 Kleinkindern in Burkina Faso. Je nach Dosierung waren die geimpften Kinder bis zu 77 Prozent besser vor der Tropenkrankheit geschützt als die kleinen Teilnehmer in der Kontrollgruppe. Die Nebenwirkungen bewegten sich den Angaben der Wissenschaftler zufolge im Rahmen des Erwartbaren. Es traten überwiegend Fieber sowie Reaktionen an der Einstichstelle auf.

Die Beteiligten der bisher noch nicht unabhängig begutachteten Studie äußerten sich hoffnungsvoll zur Zukunft der Malaria-Impfung. Adrian Hill, Direktor des Oxforder Jenner-Institutes, sagte: "Die neuen Resultate stützen unsere hohen Erwartungen an das Potenzial dieses Impfstoffs." Charlemagne Ouédraogo, Gesundheitsminister in Burkina Faso, zeigte sich zuversichtlich, dass die Zulassung eines Malaria-Impfstoffs in den kommenden Jahren erfolgen könnte.

Die Verteilung der Impfstoffe ist aufwendig - funktionierte aber auch während der Pandemie

Allerdings wurde mit den aktuellen Tests erst die zweite von drei Studienphasen absolviert. Die Ergebnisse müssen noch in größeren Gruppen und über einen längeren Zeitraum bestätigt werden. Die Wirksamkeit wurde bisher nur für die Länge eines Jahres erfasst.

Der Impfstoff aus Oxford baut auf dem bisher einzigen weit entwickelten Malaria-Vakzin auf. Dieses Vorgängerpräparat - RTS,S oder auch Mosquirix genannt - hatte zunächst eine Wirksamkeit von 56 Prozent gezeigt. Doch nachdem Forscher ihre Probanden vier Jahre lang beobachtet hatten, mussten sie feststellen, dass die Effektivität des Produkts auf ernüchternde 36 Prozent gesunken war.

Erschwerend kommt hinzu, dass dieser bescheidene Erfolg durch einen gewissen Aufwand erkauft werden muss. Die Kinder benötigen insgesamt vier Spritzen - zu Terminen, die nicht immer mit denen der Standardimpfungen zusammenfallen. Da sich Zweifel mehrten, ob dies in Regionen mit schlechter funktionierendem Gesundheitssystem zu leisten ist, startete die WHO eine Machbarkeitsstudie in Ghana, Kenia und Malawi. Seit zwei Jahren läuft das Programm, ein großer Teil davon fiel also mitten in die Corona-Pandemie. Und doch zog die WHO vor Kurzem eine vorsichtig optimistische Zwischenbilanz: Mehr als 650 000 Kinder hätten bisher das Vakzin erhalten. Die Zahl spreche dafür, dass die Nachfrage hoch und die Kapazitäten der Länder zur Verabreichung der Schutzimpfung ausreichend seien. Mit den Impfstoffen seien selbst Kinder erreicht worden, die zuvor noch keinen Zugang zu Präventionsmaßnahmen wie Bettnetzen hatten, sagte WHO-Impfexpertin Kate O'Brien. Ob RTS,S künftig standardmäßig eingesetzt wird, soll im Herbst diskutiert werden.

Resistenzen gegen das Standardmedikament scheinen nach Afrika überzugreifen

Wie dringend mehr Schutz vor der Tropenkrankheit benötigt wird, machen derweil jüngste Entdeckungen in Afrika deutlich. Dort haben Forscher erstmals klinische Hinweise darauf gefunden, dass die Malaria-Parasiten vom Typ Plasmodium falciparum gegen das Standardmedikament Artemisinin resistent werden.

Diese Resistenzen werden bereits seit mehr als zehn Jahren in Südostasien beobachtet; dort verlieren nicht nur Artemisinin, sondern auch die Partnerpräparate, mit denen es standardmäßig kombiniert wird, zunehmend an Wirksamkeit. Seither sind Experten in Sorge, dass diese Resistenzen nach Afrika übergreifen, wo mehr als 90 Prozent der jährlichen 400 000 Malaria-Todesfälle verzeichnet werden.

Tatsächlich scheinen sich diese Befürchtungen zu bewahrheiten, wie ein internationales Forscherteam nun in Ruanda zeigte. Die Wissenschaftler hatten mehr als 200 infizierte Kinder gegen Malaria behandelt. Bis zu 16 Prozent der jungen Patienten reagierten erst mit Verzögerung auf die Therapie, was als Zeichen dafür gilt, dass das schnell wirksame Artemisinin seine Schlagkraft verliert. Zugleich fanden die Forscher in den Parasiten die für die Resistenzen typischen Mutationen, wie sie im Fachblatt Lancet Infectious Diseases schreiben.

Die Wissenschaftler betonen, dass die Lage in den untersuchten Regionen nicht dramatisch war. Die Behandlung war am Ende noch immer hochwirksam. Dennoch schreiben die Autoren, dass ihnen ihre Beobachtungen "eine gewisse Sorge" bereiteten. In einem begleitenden Kommentar schrieb der Mediziner Philip Rosenthal von der University of California in San Francisco: "Neuere Daten legen nahe, dass wir uns an der Schwelle einer klinisch bedeutsamen Artemisinin-Resistenz in Afrika befinden." Es sei nun wichtig, die Entwicklung sorgsam zu verfolgen und gegebenenfalls schnell auf andere Therapiemöglichkeiten umzusteigen - "um so viele Leben zu retten".

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