Klimawandel Hunderten Millionen weiteren Menschen droht Nährstoffmangel

Reis ist das Grundnahrungsmittel für fast die Hälfte der Menschheit. Bei steigendem CO2-Gehalt enthält er weniger Zink, Eisen und Proteine.

(Foto: AFP)
  • Ein steigender CO2-Gehalt in der Atmospähre verursacht einen Rückgang wichtiger Nährstoffe und Proteine in Nutzpflanzen.
  • Dadurch könnte sich die Zahl der Menschen, die unter Mangelernährung leiden, bis 2050 um 70 Prozent erhöhen.
  • Das Bevölkerungswachstum verschärft die Problematik zusätzlich.
Von Christopher Schrader

Wachstumsverzögerungen, Blutarmut, geschwollene Gelenke, Leberschäden, ständiger Durchfall, Infektionsanfälligkeit - solche Symptome könnten in Zukunft Hunderte Millionen Menschen mehr als heute plagen. Der Grund dafür ist, dass der Klimawandel einen Rückgang wichtiger Nährstoffe wie Zink und Eisen aber auch von Proteinen in Pflanzen verursacht - und damit auch in pflanzlichen Lebensmitteln. Bis zum Jahr 2050 könnte sich die Zahl der Gefährdeten von heute bereits zwei Milliarden noch einmal um 70 Prozent erhöhen, schreiben zwei Wissenschaftler von der Harvard University in der Fachzeitschrift Nature Climate Change.

Grundlage sind Veränderungen in der Pflanzenphysiologie. Steigt der CO2-Gehalt der Atmosphäre von heute 400 ppm (Anteile pro Million) weiter auf etwa 550 ppm, dann sinkt der Gehalt an Zink, Eisen und Proteinen in pflanzlichen Lebensmitteln spürbar, wie viele Experimente gezeigt haben: Das betrifft vor allem Weizen und Reis; zum Teil auch Hülsenfrüchte. Mais, Hirse und tierische Lebensmittel sind hingegen kaum betroffen.

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Die Autoren Matthew Smith und Samuel Myers berechnen anhand der vermutlichen Bevölkerungszahlen im Jahr 2050, wie stark Mangelernährung durch den gestiegenen Kohlendioxid-Spiegel zunehmen könnte. In China zum Beispiel würden 22 Millionen Menschen allein deswegen Eiweißmangel bekommen, in Afrika südlich der Sahara 33 Millionen an Zinkmangel leiden. Am stärksten betroffen wäre Indien, wo viele Menschen von Reis leben und wenig tierische Lebensmittel konsumieren. Dort nähme die Zahl der Erkrankungen durch Zink-Defizit um knapp 50 Millionen und durch fehlendes Eiweiß um fast 40 Millionen zu. 100 Millionen Kinder und 400 Millionen Frauen lebten allein wegen der Wirkung des erhöhten CO2-Spiegels mit dem Risiko von Blutarmut durch Eisenmangel.

Je mehr Kohlendioxid in der Luft ist, umso weniger Eisen und Zink enthält der Weizen

Hinzu kommt das Bevölkerungswachstum. Schon heute bekommen mindestens 25 Prozent der Inder nach internationalen Analysen nicht genügend Zink, bei Kindern ist es womöglich sogar die Hälfte. Wächst die Zahl der Bürger also in den kommenden 30 Jahren wie erwartet um 400 Millionen, könnte allein deswegen die Zahl der Menschen mit Zinkmangel um 100 Millionen zunehmen. Diese Zahlen haben die Harvard-Autoren jedoch nicht analysiert.

"Der Effekt, dass die Pflanzen fünf bis zehn Prozent weniger von den Nährstoffen enthalten, ist ziemlich solide belegt", sagt Remy Manderscheid vom Thünen-Institut in Braunschweig, der auch solche Experimente macht. Das sei aber nicht die einzige relevante Größe. "Die Erträge können sich noch stärker verändern. Das sollte man auch erwähnen." In gemäßigten Breiten wie in Deutschland wirke der erhöhte CO2-Gehalt vermutlich wie Dünger, in den Subtropen und Tropen hingegen führe die gestiegene Temperatur zu Einbußen auf den Feldern.

Auch die Autoren der aktuellen Studie greifen dieses Thema auf. Ihrer Meinung nach werde die CO2-Düngung das Problem mit Zink, Eisen und Eiweiß nicht entschärfen. Es verändere sich schließlich das Verhältnis von Kalorien und Nährstoffen - mehr zu essen, wenn es denn möglich ist, sei keine Lösung. Außerdem sollte man sich nicht darauf verlassen, dass in einer aufgeheizten Welt die Erträge steigen: Der Sommer 2018, den viele Forscher als Ausblick in die Zukunft betrachten, hat bei vielen Bauern zu drastischen Ernteausfällen geführt.

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