UN-Millenniumsziele:Wo die Welt im Kampf gegen Hunger und Armut steht

Lesezeit: 8 min

UN-Millenniumsziele: Das Ziel der UN, den Welthunger zu halbieren, wurde sehr knapp verfehlt.

Das Ziel der UN, den Welthunger zu halbieren, wurde sehr knapp verfehlt.

(Foto: AFP)

Bessere Bildung, geringere Kindersterblichkeit, gesündere Mütter: Mit den UN-Millenniumszielen hat sich die Welt Großes vorgenommen. Was wurde erreicht? Die Abrechnung.

Von SZ-Autoren

"Die Weltgemeinschaft hat Grund zu feiern", glauben die Vereinten Nationen. Der Auslöser: Die sogenannten UN-Millenniumsziele wurden im September vor 15 Jahren beschlossen und sollen nun runderneuert werden. Acht Ziele hatte sich die Weltgemeinschaft im Jahr 2000 auferlegt.

Die UN selbst sparen nicht mit Lob für das Erreichte. Die Entwicklungsziele hätten "die erfolgreichste Anti-Armuts-Bewegung der Geschichte" bewirkt, eine Milliarde Menschen aus der Armut geholt, den Welthunger reduziert. Stimmt das? In dieser Übersicht lesen Sie, was bislang erreicht wurde, wo die Weltgemeinschaft ihren eigenen Ansprüchen hinterherhinkt und welche neuen Ziele sie sich gesteckt hat.

Ziel 1: Armut und Hunger halbieren - zum Teil erreicht

Die extreme Armut und den Hunger in der Welt zu bekämpfen, ist das erste unter den Millenniums-Entwicklungszielen, die die Vereinten Nationen im Jahr 2000 beschlossen haben. Ausgehend vom Jahr 1990 sollte der Anteil der Menschen an der Weltbevölkerung, die weniger als 1,25 Dollar am Tag zur Verfügung haben, bis 2015 um mindestens die Hälfte sinken. Dieses Ziel wurde sogar schon 2011 erreicht. Der Anteil ist bis dahin von 36 Prozent (1,9 Milliarden) auf 15 Prozent (eine Milliarde) gefallen. Schätzungen zufolge sind es inzwischen noch zwölf Prozent - 836 Millionen Menschen.

Die größten Fortschritte haben Indien und China dank ihres Wirtschaftswachstums gemacht. Das Entwicklungsziel nicht erreicht haben die Länder südlich der Sahara. Die extrem Armen machen dort noch immer mehr als 40 Prozent der Bevölkerung aus.

Das zweite Teilziel, den Hunger zu halbieren, wurde sehr knapp verfehlt. Die Zahl der Menschen, die unterernährt sind, liegt Schätzungen der UN zufolge weltweit bei 795 Millionen - das bedeutet, jeder Neunte hat nicht ausreichend zu essen.

In den Ländern südlich der Sahara wächst die Bevölkerung so schnell, dass auch die Zahl der Unterernährten weiter zunimmt. In den zentralafrikanischen Ländern hat sie sich seit 1990 sogar verdoppelt. Noch immer hungern 90 Millionen Kinder unter fünf Jahren - eines von sieben Kindern weltweit. 1990 war es noch eines von vier Kindern.

Dass der Erfolg insgesamt nicht größer ausfällt, hat mit der Wirtschaftskrise und hohen Preisen für Lebensmittel und Energie in manchen Ländern zu tun. Auch bestimmte Wetter- und Naturkatastrophen traten in den vergangenen 15 Jahren verstärkt auf.

Wie lautet das neue Ziel?

Als neues Ziel haben sich die Vereinten Nationen nun vorgenommen, bis 2030 die extreme Armut weltweit vollständig zu überwinden. Niemand soll mehr an Hunger oder Unterernährung leiden müssen.

Die Faktoren, die der Entwicklung bislang im Weg standen, könnten sich in Zukunft allerdings eher noch verstärken: Der Klimawandel könnte zu häufigeren Extremwettern führen, in Ländern wie dem Jemen, Syrien oder Südsudan toben Bürgerkriege und regionale Konflikte.

mcs

Bildung - Schulfrei wegen Bürgerkrieg

UN-Millenniumsziele: Schülerinnen im Unterricht in Afghanistan - 57 Millionen Kinder können bislang keine Grundschule besuchen.

Schülerinnen im Unterricht in Afghanistan - 57 Millionen Kinder können bislang keine Grundschule besuchen.

(Foto: AFP)

Ziel 2: Bildung - nicht erreicht

Im Jahr 2015 werden weltweit wohl 57 Millionen Kinder im schulfähigen Alter keine Grundschule besuchen können. Das Millenniumsziel der UN, jedes Kind an eine Schulbank zu setzen, ist damit verfehlt worden.

In keiner der untersuchten Weltregionen liegt der Anteil der Kinder, die wenigstens ein Grundmaß an schulischer Bildung erhalten, bei weniger als 94 Prozent. Doch in den afrikanischen Regionen südlich der Sahara beträgt sie nur 80 Prozent. Zwar gingen dort 1990 weniger als die Hälfte der Kinder nicht zur Schule. Doch im weltweiten Vergleich kommt mehr als jedes zweite Kind, dem Zugang zu Bildung verwehrt bleibt, aus Subsahara-Afrika - insgesamt 33 Millionen.

Bewaffnete Konflikte sind häufig ausschlaggebend, warum Kinder nicht zur Schule gehen können. So fiel in Syrien nach Angaben des Bildungsministeriums die Zahl der Schulkinder allein zwischen 2012 und 2013 um 34 Prozent. Von 100 syrischen Flüchtlingskindern im Libanon besuchen schätzungsweise zwölf den Unterricht.

In Entwicklungsregionen hängt die Schulbildung noch immer maßgeblich vom Geldbeutel der Eltern ab. Arme Kinder haben dort ein vier Mal höheres Risiko, von der Schulbildung ausgeschlossen zu werden als die Kinder der wohlhabenden Familien.

Neues Ziel:

Die UN haben das Ziel des Grundschulbesuchs für alle Kinder nun auf das Jahr 2030 verschoben. Zugleich soll bis zu diesem Datum auch jedes Kind eine Vorschulbildung und sekundäre Bildung erhalten.

jhs

Geschlechtergleichheit - Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt

File photo of an Afghan girl waiting on a street in Kabul

Vielerorts ist nur jeder fünfte Arbeitende weiblich, Frauen werden zudem deutlich schlechter bezahlt als Männer.

(Foto: REUTERS)

Ziel 3: Komplette Geschlechtergleichheit in Bildung, Arbeitsmarkt, Politik bis 2015 - teilweise erreicht

Weltweit arbeiten drei von vier Männern im erwerbsfähigen Alter, aber nur jede zweite Frau. Sie machen damit 41 Prozent der Arbeitsstellen aus, lässt man den Agrarbereich außen vor. Vor 25 Jahren waren es noch 35 Prozent. Je nach Region gibt es aber Unterschiede, in Industrienationen liegt die Quote bei 48 Prozent, in Entwicklungsregionen ist die Rate jedoch deutlich niedriger. In Nordafrika, Süd- und Westasien ist nur jeder fünfte Arbeitende weiblich. Dazu kommt, dass Frauen im Schnitt 24 Prozent weniger verdienen als Männer.

In der Politik sieht es für die Frauen schlechter aus. Die Anzahl der weiblichen Parlamentsabgeordneten liegt weltweit bei 22 Prozent. Doch zur Jahrtausendwende lag die Quote noch bei 14 Prozent. In Deutschland sind es derzeit 36 Prozent. Die einzigen Länder der Welt, in denen mindestens 50 Prozent Frauen im Regierungsparlament sitzen, sind Andorra, Bolivien und Ruanda. In der ostafrikanischen Republik sind es sogar 64 Prozent. In Vanuatu, Mikronesien, Tonga und Katar sitzt hingegen nicht eine einzige Frau im Parlament.

Bei der Bildungsgleichheit sieht es besser aus. Die aktuellsten Zahlen stammen aus dem Jahr 2012, es zeigte sich, dass die Rate der eingeschulten Mädchen im Verhältnis zur Rate der eingeschulten Jungs mittlerweile bei 0,98 liegt - ein Wert von eins bedeutet komplette Gleichheit. Die einzigen Regionen, die unter dem Zielwert von 0,97 liegen, sind Westasien, Afrika südlich der Sahara und Ozeanien. Bemerkenswert ist die Entwicklung in Südostasien, dort gab es vor 25 Jahren mit einer Rate von 0,74 die größte Ungleichheit - heute liegt sie bei 1,03.

Neues Ziel: Jegliche Diskriminierung und Gewalt gegenüber Frauen und Mädchen abzuschaffen.

jhs

Kindersterblichkeit - 16 000 tote Kleinkinder pro Tag

Woman holds her malnourished child at a therapeutic feeding center at al-Sabyeen hospital in Sanaa

Kleinkinder bekommen die Folgen von schlechter Hygiene und Mangelernährung besonders schnell zu spüren.

(Foto: REUTERS)

Ziel 4 - Kindersterblichkeit um zwei Drittel reduzieren - nicht erreicht

An jedem Tag sterben mehr als 16 000 Kinder weltweit. In diesem Jahr werden wohl rund 5,9 Millionen Kinder ihren fünften Geburtstag nicht erleben; das zeigt ein Bericht der Vereinten Nationen vom Anfang des Monats. Die Kindersterblichkeit wurde damit um 53 Prozent gesenkt - nicht genug, um das Millenniumsziel zu erreichen. Es sah eine Reduzierung um zwei Drittel vor.

Das neue Ziel ist ein wenig anders formuliert: Pro 1000 Kinder sollen maximal 25 vor ihrem fünften Geburtstag sterben. Derzeit sind es 43 von 1000. Die für 2030 avisierte Rate haben bereits 116 von 195 Ländern erreicht. Doch die Statistik ist trügerisch: So hat Brasilien längst die gewünschte Quote von weniger als 25 Sterbefällen pro 1000 Kindern erreicht. Doch in dem Land gibt es arme Regionen, in denen die Kindersterblichkeit bei mehr als 80 pro 1000 liegt.

jhs

Müttergesundheit - Kreislauf der Armut

Southern Sudan's Independence Referendum Vote Passes 60 Percent Participation Validation Mark

Das Ziel, die Gesundheit der Mütter zu verbessern, wurde deutlich verfehlt.

(Foto: Getty Images)

Ziel 5 - Gesundheitsversorgung der Mütter - nicht erreicht

Noch immer sterben täglich etwa 800 Frauen, weil sie während der Geburt ihres Kindes verbluten, sich infizieren oder bereits in der Schwangerschaft Komplikationen erleiden. Was die Gesundheit von jungen Müttern angeht, hinkt die Welt ihrem Ziel besonders weit hinterher. Geplant war, die Müttersterblichkeit um 75 Prozent zu senken, nach dem jüngsten UN-Bericht wurde allerdings nur eine Reduzierung um 45 Prozent erreicht. Es ist bitter, dass gerade Frauen gesundheitlich so schlecht versorgt werden, denn sie leisten weltweit die Hauptarbeit in der Gesundheitsversorgung. Dass sie dafür oft schlecht oder sogar gar nicht bezahlt werden, verschärft das Problem. Ein Beispiel für den Kreislauf aus Armut, unzureichender Bildung, mangelnder Verhütung und Gesundheitsproblemen lesen Sie in dieser Reportage aus Uganda.

Vor diesem Hintergrund ist das neue Ziel ambitioniert: Bis 2030 sollen weniger als 70 Mütter pro 100 000 Geburten sterben. Derzeit enden noch 210 von 100 000 Entbindungen mit dem Tod der Mutter.

beu

Infektionskrankheiten: 20 Millionen Aids-Kranke ohne Versorgung

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Malariakranke in Darfur - die Epidemie wurde zwar eingedämmt, doch Resistenzen unter den Erregern bedrohen den Fortschritt.

(Foto: AFP)

Ziel 6 - Infektionskrankheiten behandeln - zum Teil erreicht

Wer in den Krieg gegen Infektionskrankheiten zieht, muss die Rechnung mit dem Unberechenbaren machen: mit Myriaden von unsichtbaren, wandelbaren Feinden. Der Kampf gegen Krankheitserreger ist so schwer einzuschätzen, dass sich die Weltgemeinschaft bei diesem Ziel nicht auf Zahlen festgelegt, sondern die "Trendwende" avisiert hat. Nach offizieller Lesart wurde sie bei HIV und Malaria erreicht.

Tatsächlich infizieren sich immer weniger Menschen neu mit dem HI-Virus. Immer weniger sterben an Aids. Doch ein weiteres Kriterium ist nicht erreicht: Bereits 2010 sollten alle Infizierten dieser Welt Zugang zu medizinischer Versorgung erhalten. Nach der jüngsten UN-Bilanz haben noch immer mehr als 20 Millionen Menschen keine Behandlung.

Bei der Malaria melden die UN einen Rückgang der Todesfälle um 60 Prozent. Dennoch ist zweifelhaft, ob das neue Ziel eine realistische Chance hat: Bis 2030 sollen die Aids- und Malaria-Epidemie beendet werden. Doch ein Blick in die Geschichte der Malaria zeigt, wie schwer ein solches Vorhaben ist. Die Welt wollte die Krankheit bereits in den Fünfziger Jahren ausrotten. Der Plan scheiterte an den Resistenzen der Erreger und Überträgertiere. Resignation machte sich breit; in den Siebziger und Achtziger Jahren stiegen die Todeszahlen wieder an. Seit einigen Jahren treten in Südostasien Resistenzen gegen die neuen Standardmedikamente auf. Sollten sie sich ausbreiten, könnten die Erfolge der vergangenen zehn Jahre Makulaltur werden. Ein Ende der Epidemie wäre komplett außer Reichweite.

beu

Klimawandel und Ressourcenschwund: die größten Bedrohungen

An area deforested by illegal gold mining is seen in a zone known as Mega 14, in the southern Amazon region of Madre de Dios

Jedes Jahr wird eine Waldfläche von der Größe Costa Ricas zerstört - rund 5,5 Millionen Hektar.

(Foto: REUTERS)

Ziel 7 - Nachhaltigkeit - zum Teil erreicht

Fortschritte in der "ökologischen Nachhaltigkeit" sind schwieriger zu messen als die meisten anderen der Millenniumsziele. Die Welt hatte sich vorgenommen, den Verlust von ökologischen Ressourcen umzukehren, den Anteil der Menschen ohne Zugang zu sauberem Trinkwasser zu halbieren und die Lebensbedingungen von mindestens 100 Millionen Slumbewohnern deutlich zu verbessern.

2015 schwinden die natürlichen Ressourcen jedoch noch immer rasant. Zwar werden die Wälder mittlerweile langsamer abgeholzt, in Asien wachsen heute dank Wiederaufforstungsprogrammen in China deutlich mehr Bäume als 1990. Global gesehen geht aber jedes Jahr nach wie vor eine Waldfläche von der Größe Costa Ricas verloren.

Dieser Verlust dürfte den globalen Klimawandel verstärken, da die geschrumpften Waldflächen nicht mehr so viel CO2 binden können. Die globalen Emissionen dieses Treibhausgases sind seit 1990 um mehr als 50 Prozent angestiegen. In jüngster Zeit hat sich dieses Wachstum sogar noch beschleunigt, von einer Trendwende kann also keine Rede sein. 40 Prozent der Weltbevölkerung sind zudem von Wasserknappheit betroffen - auch dieses Problem dürfte sich in den kommenden Jahren verschärfen.

Das Ziel, mehr Menschen dauerhaften Zugang zu sauberem Trinkwasser zu verschaffen, wurde dagegen schon 2010 erreicht. 91 Prozent der Menschheit kann heute aus sauberen Quellen trinken, ein Plus von 2,6 Milliarden Menschen seit 1990. Allerdings haben noch immer 2,4 Milliarden keinen Zugang zu modernen Toiletten.

Den Slumbewohnern geht es heute laut UN meist besser als noch vor 15 Jahren, da sich häufig die hygienische Situation verbessert hat. Auch der Prozentsatz der städtischen Bevölkerung, der in Slums lebt, ist gesunken.

Neue Ziele:

Der Bereich "Nachhaltigkeit" ist in den neuen Vorgaben der UN deutlich ausgebaut worden. So sollen bis 2030 etwa die Lebensbedingungen in den Städten nachhaltiger werden, der Klimaschutz taucht als eigenes Ziel auf. Produktion und Konsum sollen allgemein auf ein nachhaltigeres System umgestellt werden.

Ziel 8 - Partnerschaft für Entwicklung - zum Teil erreicht

Das letzte UN-Millenniumsziel beschäftigt sich mit der Entwicklungszusammenarbeit, dem Zugang zu neuen Technologien und einem fairen Finanzsystem für Entwicklungsländer.

Hier gibt es positive Signale. So ist die Entwicklungshilfe der reichen Länder zwischen 2000 und 2014 inflationsbereinigt um zwei Drittel gestiegen. Die Schuldenlast der Entwicklungsländer ist seit 2000 deutlich gefallen, hat sich seit der Finanzkrise allerdings stabilisiert. Technologie ist überall auf dem Vormarsch: Die Zahl der Mobilfunkanschlüsse hat sich seit 2000 verzehnfacht, mehr als 3,2 Milliarden Menschen haben heute Zugang zum Internet.

Neues Ziel:

Bis 2030 sollen rechtsstaatliche Strukturen auf allen nationalen und internationalen Ebenen verankert werden. Zudem soll Vollbeschäftigung angestrebt werden, gerade die Jugendarbeitslosigkeit müsse deutlich gesenkt werden, fordern die Vereinten Nationen.

chrb

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