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Homosexualität:Die genetischen Wurzeln der Liebe

LGBT-Marsch für Gleichstellung in Polen

In Polen verschärft sich die Situation für Lesben, Schwule und andere nicht-heterosexuelle Menschen derzeit wieder.

(Foto: dpa)
  • Forscher haben die bislang umfassendste Studie zu den genetischen Ursachen sexueller Orientierung veröffentlicht.
  • Demnach nimmt eine Vielzahl von Erbanlagen Einfluss darauf, zu welchem Geschlecht sich ein Mensch hingezogen fühlt.
  • Die Wissenschaftler erklären ihre Ergebnisse auf einer Website auch für Laien.

Es kommt selten vor, dass Forscher sich und ihre Arbeit ganz öffentlich erklären. Dass sie erläutern, warum sie diese konkrete Fragestellung untersucht haben, wie das gemacht wurde, was herausgekommen ist, wie die Antworten zu verstehen sind - vor allem aber, wie man sie auf gar keinen Fall verstehen sollte. Doch es gibt Themen, die erfordern ein solches Maß an Sensibilität und Verantwortungsgefühl. Das gilt insbesondere, wenn sich Genetiker mit der sexuellen Orientierung des Menschen befassen und versuchen, die erblichen Einflüsse auf die Homosexualität zu beschreiben. Denn was wäre schlimmer, als wenn Erkenntnisse über das Genom für die Diskriminierung von Schwulen, Lesben und anderen anders liebenden missbraucht würden?

In der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsjournals Science veröffentlicht ein Forscherkonsortium um Andrea Ganna vom Broad Institute in Cambridge bei Boston deshalb jetzt nicht einfach nur die Ergebnisse der bislang größten und ersten umfassenden genetischen Bevölkerungsanalyse zu den Grundlagen der Sexualität.

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Das Team schaltet gleichzeitig auch eine Website frei, auf der sie ihre Resultate allgemein verständlich erläutert. Demnach ist die sexuelle Orientierung eines Menschen zwar zu etwa einem Drittel durch die Erbanlagen bestimmt. Gleichzeitig gibt es jedoch kein einzelnes Gen und auch keine definierte Gruppe von DNA-Abschnitten, die darüber bestimmen, wie jemand liebt. Stattdessen existieren sehr viele Erbanlagen mit den vielfältigsten biologischen Funktionen, die jeweils einen eher kleinen Beitrag leisten. Man findet sie verstreut im gesamten Genom. Die zentrale Erkenntnis der Studie lautet mithin, dass es unmöglich ist und absehbar bleiben wird, die sexuelle Orientierung eines Menschen aus seinem Erbgut abzulesen.

Sowohl die Studie als auch die Website geneticsexbehavior.info stellen einen Wendepunkt in der Erforschung der Homosexualität dar, weil sie erstmals zuverlässige Ergebnisse liefern und einen wichtigen Beitrag zur gesellschaftlichen Wahrnehmung von Lesben, Schwulen und Bisexuellen leisten könnten. Bisherige Untersuchungen zur Genetik der Homosexualität hatten kleine Teilnehmerzahlen und konzentrierten sich oft auf die Suche nach einem einzelnen Gen oder einer Region im Genom, die Homosexualität erklären sollte. Der umfassende Ansatz der aktuellen Studie wurde erst durch genetische Datenbanken möglich, in denen mittlerweile Hunderttausende Menschen mit ihrem vollständig ausgelesenen Erbgut erfasst sind.

Das internationale Team nutzte für seine Analyse Daten von 475 000 Personen, die in der UK Biobank registriert oder ihr Genom von der kommerziellen Firma 23andMe hatten analysieren lassen. Voraussetzung war in jedem Fall das Einverständnis der Teilnehmer, die ausführliche Fragebögen über ihre sexuellen Erfahrungen und Neigungen ausfüllten. Auf der Grundlage dieser enormen Menge an Daten führten die Wissenschaftler schließlich eine genomweite Assoziationsstudie, kurz GWAS genannt, durch. Solche Studien fahnden nicht direkt nach Genen, sondern suchen nach bekannten Markierungen im Genom, die mit benachbarten Gruppen von Erbanlagen - sogenannten Loci - in einem Zusammenhang stehen. Ganna und Kollegen haben Hunderttausende solcher Markierungen erfasst und sie mit den Ergebnissen der Fragebögen verglichen. Im vergangenen Oktober präsentierten sie einen Teil der Ergebnisse bereits auf einer Fachkonferenz in San Diego.

Wie komplex der erbliche Teil der menschlichen Sexualität ist, wird an einem der Resultate gut erkennbar: Die Forscher entdeckten tatsächlich fünf Loci, die statistisch besonders stark mit Berichten über gleichgeschlechtliche Liebeserlebnisse der Teilnehmer verknüpft waren. "Stark" hieß hier allerdings, dass sie gerade einmal ein Prozent der sexuellen Verhaltensunterschiede innerhalb der gesamten Teilnehmergruppe erklären konnten. Die Beiträge anderer Gene oder Gengruppen war demnach noch geringer. Nur die hohe Zahl verschiedener genetischer Einflussfaktoren ergab zusammengefasst, dass sie für 8 bis 25 Prozent der Unterschiede im sexuellen Verhalten verantwortlich sind.

Auch Gene für Geruchssinn und Haarwuchs beeinflussen die sexuelle Neigung

Neben diesen eher quantitativen Resultaten präsentieren das Team auch qualitative Ergebnisse. So stellte sich heraus, dass Homosexualität bei Frauen und Männern zu einem geringen Teil von unterschiedlichen Erbanlagen beeinflusst wird. Bei Männern hängt schwule Liebe zum Beispiel mit Genen zusammen, die gleichzeitig auch mit dem Verlust des Haupthaars assoziiert sind. Auch ein Zusammenhang mit Genen, die den Geruchssinn prägen, konnten die Forscher entdecken. Jeder dieser Einflüsse bleibt jedoch gering - und nur einer von sehr, sehr vielen.

"Ich denke, dass wir einige wichtige Dinge gelernt haben", sagt Benjamin Neale vom Broad Institute, der an der Studie beteiligt war. "Dazu gehört, dass es eine enorme (sexuelle) Vielfalt da draußen in der Welt gibt. Wir können das in unserer Analyse sehen." Die Studie zeige auch, dass die stete Erweiterung der Akronyme in der LGBTQIA+-Community (englische Abkürzung für lesbisch, schwul, bisexuell, transgender, queer, intersexuell und asexuell) eine reale genetische Grundlage habe. Die Forscher hatten sich schon im Vorfeld der Studie ausführlich mit verschiedenen Gruppen dieser Community beraten, um bei der Kommunikation der Ergebnisse keine Fehler zu machen.

Auch andere Experten schätzen die Studie deshalb als beispielhaft nicht nur in der wissenschaftlichen Qualität, sondern auch in ihrem Beitrag zur gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit nicht-heterosexueller Liebe ein. "Diese Arbeit könnte helfen, Vorurteile und die Angst vor genetischer Diskriminierung abzubauen", sagt Jan Korbel vom European Molecular Biology Laboratory. In vielen Ländern sei Homosexualität noch immer ein brisantes Thema. "Die Autoren sind sich im Klaren darüber, dass sie als Wissenschaftler Gefahr laufen, zugunsten der einen oder anderen Position instrumentalisiert zu werden", sagt der Kommunikationsforscher Hans-Peter Peters vom Forschungszentrum Jülich. Durch die öffentlich zugängliche, gut verständliche Website werde die Gefahr reduziert, dass man den Forschern Meinungen und Schlussfolgerungen in den Mund lege.

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