Homöopathie Die Globulisierung und ihre Gegner

Viele Deutsche schätzen die schwach dosierten Pillen-Kügelchen, doch mit wissenschaftlichen Methoden lässt sich die Wirksamkeit nicht beweisen

Von Von Werner Bartens

Es ist ein Hauch von Nichts. Aber der hat es offenbar in sich. Homöopathische Arzneien müssen "verschüttelt", vermischt und verdünnt werden. Denn erst nach diesen Ritualen entfalten sie angeblich ihre volle Wirkung.

Die Apotheke von Homöopathie-Begründer Samuel Hahnemann

(Foto: Foto: ddp)

Auf diese Weise "aktiviert", "dynamisiert" und "potenziert" ist der Stoff, der Linderung oder Heilung herbeiführen soll, in homöopathischen Kügelchen und Essenzen zwar kaum noch enthalten. Das macht aber anscheinend nichts.

Denn die Homöopathie hilft nach Aussagen ihrer Befürworter sogar umso besser, je stärker der Wirkstoff in den Globuli verdünnt ist.

Diese Theorie gibt Rationalisten eine harte Nuss zu knacken. Denn in manchen homöopathischen Mitteln ist kein Molekül mehr enthalten. Wie soll die flüchtige Therapie dann Kranke gesunden lassen - rein chemisch gesehen?

Viele zufriedene Patienten

Für Gegner der Behandlung ist damit alles gesagt: Scharlatanerie, Placeboeffekt und Pseudoheilkunde sind noch freundliche Worte in den Leserbrief-Attacken, wenn das Deutsche Ärzteblatt einen Text über Homöopathie veröffentlicht. Kaum eine Behandlung provoziert so erbitterte Glaubenskämpfe.

"Unsere größte Lobby sind die vielen zufriedenen Patienten", sagt Wolfgang Springer, Allgemeinmediziner und Homöopath in München. "Erst kamen in den Achtzigern die Mütter mit den Kindern. Dann die Mütter allein. Seit den Neunzigern kommen auch die anfangs skeptischen und scheuen Männer."

Springer ist Präsident des Homöopathischen Weltärztekongresses, der am 4.Mai in Berlin unter der Schirmherrschaft von Doris Schröder-Köpf beginnt. Dort wird es auch um neueste Forschungen zum Thema Wirksamkeitsnachweis gehen. "Ich wäre froh, wenn ich verkünden könnte: Wir wissen, wie es funktioniert", sagt Springer.

Doch so weit sind die Homöopathen noch nicht. Trotzdem ist sich Springer sicher, dass die Homöopathie wirkt - wenngleich sie nicht auf den bisher bekannten pharmakologischen Mechanismen beruhen könne.

Das Gedächtnis des Wassers

Jürgen Windeler dagegen bezweifelt das. Das muss er auch, denn der klinische Epidemiologe aus Essen gehört der "Skeptiker"-Vereinigung an. "Ich warte weiter auf den Wirksamkeitsbeleg der Homöopathie", sagt Windeler, der seit 20 Jahren komplementäre Therapien bewertet.

Ob Louis Rey in Lausanne das Gedächtnis des Wassers bewiesen haben will oder Forscher in Leipzig meinen, molekularbiologische Hintergründe der Homöopathie erhellen zu können: "Die bisherigen Erklärungen sind nicht glaubwürdig", sagt Windeler.

Sind die Therapien aber vielleicht dennoch hilfreich? Obwohl nicht klar ist, wie die Homöopathie funktioniert, gibt es bemerkenswerte Berichte über ihre Erfolge - und das an Orten, die als Hort der Wissenschaft gelten: Sigrid Kruse, Ärztin am von Haunerschen Kinderspital der Universität München etwa, arbeitet seit 1995 auch homöopathisch.

"Ich konnte Kindern helfen, bei denen konventionelle Möglichkeiten ausgereizt waren", sagt Kruse. "Das überzeugte viele Kollegen." Bei einem Achtjährigen mit schweren Behinderungen standen die Ärzte vor einem Rätsel.

Aus Mangel an Beweisen

Er war unruhig, schrie die ganze Nacht und musste mit Schlafmitteln ruhig gestellt werden. Doch nach ausführlicher Anamnese mit Mutter und Kind verordnete Kruse Chamomilla, ein homöopathisches Kamillenextrakt. Da schlief der Junge durch.

Auch in Fällen Frühgeborener mit schweren Hirnblutungen berichtet Kruse von eindrucksvoller Besserung. Vier von elf Kindern mit Blutungen dritten Grades entwickelten sich nach einer homöopathischen Behandlung mit Extrakten aus Arnika und Christrose wie gesunde Gleichaltrige.

Die Fachliteratur geht bei konventioneller Therapie nur für zehn Prozent der Kinder von einer normalen Entwicklung aus. "Das sind keine großen Zahlen", sagt Kruse, "aber der Verlauf war beeindruckend."

Fällt die Homöopathie bei Kritikern also allein aus Mangel an Beweisen durch? Obwohl sie offenbar schon bei Säuglingen, Bewusstlosen und Demenzkranken geholfen hat, werten die Globulisierungsgegner solche Einzelfallschilderungen als Anekdoten ab.

Das Individuelle erkennen

Denn für klinische Forscher ist die "doppelblind randomisierte placebokontrollierte Studie" der Standard wissenschaftlicher Genauigkeit. Hinter diesem Wortungetüm verbirgt sich eine Methode, bei der Probanden nach dem Zufallsprinzip Gruppen zugeordnet werden, die nach Alter, Geschlecht und Lebensumständen ähnlich sind.

Eine Gruppe wird mit einer Testarznei behandelt, die andere bekommt ein Scheinmittel. Weder Ärzte noch Probanden wissen, welche Studienteilnehmer was erhalten. Die Wirksamkeit einer Therapie gilt als bewiesen, wenn sich im Behandlungsziel ein Unterschied zwischen den Gruppen zeigt.

Dieser gleichmacherische Ansatz ist für Homöopathen ein Graus. Denn das Individuelle zu erkennen, ist Kernpunkt der Lehre des Homöopathie-Begründers Samuel Hahnemann. In der Krankenbetreuung sei es wichtig, die Behandlung nach den Eigenarten der Patienten auszuwählen, erklärte der 1755 in Meißen geborene Mediziner.

Vor allem Einzelfallberichte und Erfahrungswerte seien daher geeignet, um zu beweisen, dass Homöopathie wirke, folgern seine Anhänger. "Da es aber auch um politische Akzeptanz und die Erstattung der Behandlung geht, liegt uns daran, die Homöopathie auch in Studien und Experimenten zu belegen", sagt Wolfgang Springer.

Kügelchendreher kämpft gegen Anfeindungen

Den Patienten ist das egal. Wer erlebt, wie Kinder nach durchwachter Nacht beim Zahnen oder mit Dreimonatskoliken unter Homöopathika plötzlich friedlich schlummern, will nicht wissen, wie die Therapie hilft - Hauptsache, sie tut es. Zudem stehen Homöopathen im Ruf, Patienten "ganzheitlich" wahrzunehmen, Zeit für Gespräche zu haben, und viele Deutsche betrachten die Homöopathie als Inbegriff einer "sanften" Medizin, die sich rein pflanzlicher Präparate bediene.

Dabei hantieren die Kügelchendreher auch mit Schwermetallen. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts dagegen durfte die Medizin Samuel Hahnemanns tatsächlich als "sanft" gelten. In dieser Zeit wurde noch zur Ader gelassen und geschröpft, was Hahnemann scharf kritisierte.

Die Arzneien gingen mit oft drastischen Nebenwirkungen einher. Doch schon Hahnemann selbst hatte mit zahlreichen Anfeindungen zu kämpfen, nachdem er 1796 die Homöopathie begründet und die Lehre 1810 im "Organon der rationellen Heilkunst" dargelegt hatte. Von Anfang an habe er Unrecht gehabt, hieß es.

Sogar seinen Selbstversuch mit Chinin habe Hahnemann falsch beurteilt. Das Fieber etwa, das er nach Einnahme von Chinin bekam, sei nicht auf die Arznei zurückzuführen gewesen.

Blühender Wirtschaftszweig

Doch der streitbare Arzt, der am 10.April vor 250 Jahren geboren wurde, hatte von Beginn an auch viele Anhänger. Zu einem beachtlichen Wirtschaftszweig hat sich die Homöopathie unter seinen Erben bis heute entwickelt.

Fast 200 Millionen Euro setzen Apotheken mit Homöopathika jährlich um. Etwa 5500 niedergelassene Ärzte werben in Deutschland mit der Bezeichnung Homöopath. Allerdings können sie das nur, wenn die Ärztekammer ihre Weiterbildung anerkennt.

Die Ausbildung aber ist uneinheitlich, und unter Heilpraktikern ist der Begriff gar nicht geschützt, weshalb unklar bleibt, wie viele die Methode anwenden und auf welche Weise. Standesvertreter wie Wolfgang Springer klagen daher über Wildwuchs: Manche Homöopathen verordneten Komplexpräparate, die nach Hahnemann untersagt wären.

Der Nachweis fehlt, die Wirkung nicht

Und neue Therapien wie Homöopunktur hält Springer für "Hokuspokus". Entsprechend übernehmen nur wenige Versicherungen die Kosten für eine homöopathische Behandlung - und das auch nur in Ausnahmefällen.

Mit Pauschalurteilen gegen die gesamte Disziplin jedoch hält sich die Fachwelt zusehends zurück. Selbst Gerd Antes, der als Leiter des deutschen Cochrane-Zentrums in Freiburg über die Wissenschaftlichkeit in der Medizin wacht, ist von den Berichten über erstaunliche Behandlungs-Verläufe beeindruckt.

"Es gibt zu viele Beispiele, die man nicht mehr ignorieren kann", sagt er. Das Cochrane-Zentrum bewertet die Güte und Methodik klinischer Studien. Der Homöopathie aber rein wissenschaftlich zu Leibe zu rücken, hält Antes für verfehlt: "Als wirksamer Faktor der Behandlung gilt ja die Einheit von Homöopath und Mittel", sagt er.

Damit erklärten Homöopathen zum Beispiel die fehlende Wirkung in einer Studie, in der Rechtsanwälte den Probanden Kügelchen oder Placebos per Post zugestellt hatten. Auf die hitzige Debatte um Wirksamkeit und Wissenschaftlichkeit der Homöopathie findet Methodikexperte Gerd Antes eine gelassene Antwort: "Der fehlende Nachweis", sagt er, "ist nicht der Nachweis fehlender Wirksamkeit."