Süddeutsche Zeitung

Holzkohle für den Grill:Schwarz und schmutzig

Lesezeit: 6 min

Holzkohle zum Grillen stammt oft aus Tropenwäldern, auf dem langen Weg zum heimischen Rost hinterlässt sie eine schmutzige Spur. Doch es gibt auch umweltfreundliche Alternativen.

Von natur-Autorin Henrike Wiemker

Die Sonne scheint, Freunde sind eingeladen, der Grill ist schon aufgebaut, man freut sich auf einen schönen Abend und gutes Essen. Bei dem, was auf dem Grill liegt, haben sich in den letzten Jahren kreative Kochbuchautoren in alle Richtungen ausgelassen. Weniger Alternativen gibt es bei dem, was unter den Rost kommt. Holzkohle ist hier der Brennstoff der Wahl, oft aus dem Baumarkt, manchmal von der Tankstelle oder aus dem Supermarkt. Doch wo kommt sie ursprünglich her, unsere Holzkohle?

Auch wenn der Gedanke den geselligen Grillabend eher stört: Jedes schwarz glänzende, leichte Stückchen, das in den Grill geschüttet wird, war einmal Teil eines Baums. Und die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass er weit entfernt vom heimischen Grill gewachsen ist. Einzig die Firma ProFagus im niedersächsischen Bodenfelde produziert in industriellem Maßstab Kohle aus deutschem Holz. Pro Jahr nach eigenen Angaben etwa 30 000 Tonnen. Nach Deutschland importiert wurden dagegen im Jahr 2014 mehr als 215 000 Tonnen Holzkohle. Das wichtigste Ursprungsland ist Polen mit rund 62 000 Tonnen, doch mehr als ein Drittel der eingeführten Holzkohle stammt aus Übersee. Paraguay steht in der Statistik mit 37 000 Tonnen direkt hinter Polen, an dritter Stelle folgt Nigeria mit 24 000 Tonnen.

Illegal geschlagenes Holz wird häufig zu Holzkohle

Dass also in vielen Kohlesäcken tropische Hölzer zu finden sind, wie es die Zeitschrift ÖkoTest vor einigen Jahren herausfand, ist - wenn auch ökologisch mehr als fragwürdig - zunächst nicht verwunderlich. Schwieriger nachzuvollziehen ist, wo und unter welchen Umständen das Holz geschlagen wurde. Rudolf Fenner vom Umweltverband Robin Wood ist skeptisch: "In vielen Ländern in Afrika und Südamerika gibt es Gesetze für die Forstwirtschaft, die sich auf dem Papier gut lesen. Entscheidend ist aber, wie die Praxis aussieht, ob die Gesetze auch umgesetzt werden." Interpol schätzt in einem Bericht von 2012, dass weltweit 15 bis 30 Prozent des Holzeinschlags illegal geschehen. Der WWF beziffert den illegalen Holzeinschlag speziell in Nigeria auf 90 Prozent. Dabei spielt Holzkohle eine wichtige Rolle, denn 84 Prozent des geschlagenen Holzes werden dem WWF zufolge zu Kohle verarbeitet. Die Zahlen stammen zwar aus einem Bericht von 2008, es habe sich in der Region in den letzten Jahren aber nicht viel getan, kommentiert Johannes Zahnen vom WWF.

Um den Import von illegal geschlagenem Holz nach Europa einzudämmen, hat die EU vor zwei Jahren eine Holzhandelsverordnung erlassen, häufig abgekürzt als EUTR für EU Timber Regulation. Sie schreibt vor, wie der Import von Holzwaren ablaufen soll, hat dabei aber - neben verschiedenen anderen Schwächen - einen entscheidenden Haken: Für Holzkohle gilt sie nicht. In der Produktliste der Verordnung tauchen zwar Bilderrahmen und Kabeltrommeln auf, Holzkohle aber ebenso wenig wie Musikinstrumente oder etwa Bleistifte. Wenn also fertige Kohle importiert wird, gibt es keine Vorschriften für das Holz, aus dem sie gewonnen wurde.

Es ist durchaus möglich, dass sich das in einiger Zeit ändern wird. Für die Verordnung läuft im Moment bei der EU-Kommission ein Überprüfungsprozess, in dem Kritik und Verbesserungsvorschläge von den Mitgliedsländern eingeholt werden, sich aber auch alle Verbände, Unternehmen und andere Interessierte zu Wort melden können. "Es gibt inzwischen eine Liste über sehr viele Produkte, die in der Verordnung vergessen wurden. Da ist auch Holzkohle dabei", sagt Rudolf Fenner von Robin Wood. "Bei der Bundesregierung klingt es, als würde sie am liebsten die ganze Liste zur Verordnung hinzufügen. Da rennt man scheinbar offene Türen ein." Auch auf eine Kleine Anfrage der Grünen im Bundestag antwortete die Bundesregierung entsprechend. Fenner bleibt jedoch misstrauisch und befürchtet, dass nicht einfach alle fehlenden Produkte widerstandslos in die Verordnung aufgenommen werden. Denn das würde für europäische Händler bedeuten, dass sie die legale Herkunft ihrer Produkte glaubhaft nachweisen müssen. Genau das konnten einige Hersteller von Küchenmessern oder Fonduegabeln nicht, nachdem Robin Wood dort im vergangenen Jahr bei Testkäufen tropische Hölzer in den Produkten gefunden hatte.

Wer bestimmte Qualitäts- und Nachhaltigkeitsstandards garantiert haben möchte, muss sich beim Kauf von Holzkohle also bisher an freiwilligen Siegeln orientieren. Etwa 95 Prozent der verkauften Kohle sind nach DIN-Norm geprüft. Das heißt, salopp gesagt: Wo Holzkohle draufsteht, ist auch Holzkohle drin, und sie ist zum Grillen geeignet. Einen Unterschied machen hier die beiden Logos "DIN geprüft" und "DIN plus". Beide garantieren, dass die Kohle einer entsprechenden Norm entspricht und Hersteller und Produktionsjahr bekannt sind. "DIN plus" garantiert darüber hinaus noch einen Kohlenstoffgehalt von mindestens 80 Prozent und damit ein gutes Glühverhalten der Kohle. Die Prüfung nach DIN-Norm ist in Deutschland keine Pflicht. Weil aber die meisten großen Händler wie Bau- und Supermärkte die Prüfung fordern, habe sich der Markt selbst reguliert, heißt es von der Prüfstelle.

Über die Herkunft des Holzes sagt dieser Mindeststandard nichts. Hier sind die Holzsiegel FSC und PEFC hilfreich. Beide stehen für nachhaltige Waldwirtschaft, wobei FSC zusätzlich Wert auf naturnahe Bewirtschaftung legt, also beispielsweise kleinteiliges Kronenholz im Wald zurück bleiben muss, weil es Tieren als Lebensraum dient und dem Boden Nährstoffe zurückgibt. Ansonsten sind die Standards bei beiden Siegeln ähnlich. Die Verbraucherzentrale empfiehlt dennoch klar das FSC-Siegel, weil hier die Kontrollen besser seien. Greenpeace hat dagegen das FSC-Siegel in den letzten Jahren immer wieder kritisiert, weil es beispielsweise Holz aus politisch instabilen Regionen wie dem Kongobecken zertifiziert hat. Sandra Hieke, Waldexpertin der Umweltorganisation, sagt dazu: "Wenn ein Zertifikat in Regionen vergeben wird, in denen Korruption an der Tagesordnung ist, dann kann das leicht zu Problemen führen." Trotzdem nennen Greenpeace und auch andere Umweltverbände wie der WWF das FSC-Siegel aktuell das einzige verlässliche Siegel für nachhaltige Waldwirtschaft.

Zum Thema Holzkohle meint Hieke: "Am besten wäre natürlich FSC-zertifizierte Holzkohle aus heimischen Wäldern, aber die zu bekommen und auch zu erkennen ist ja nicht so einfach." Tatsächlich scheint es sogar unmöglich zu sein, denn die Kohle des einzigen deutschen Herstellers hat kein FSC-Siegel. Der Grund: In Deutschland sind rund zehn Prozent der Waldfläche FSC-zertifiziert. Weil ProFagus ausschließlich Buchenholz zur Kohleproduktion verwendet, sei das Angebot an FSC-zertifiziertem Holz nicht groß genug, heißt es vom Unternehmen.

"Meiler sind ein fürchterlich schmutziges Verfahren"

Für die heimische Kohle spricht stattdessen ein anderes Merkmal, nämlich die Herstellung. Die Firma produziert ihre Kohle in sogenannten Retorten, großen, abgeschlossenen Metallkesseln. Das macht es möglich, alle bei der Produktion entstehenden Nebenprodukte aufzufangen und zu nutzen. Teere und Gase liefern dem Holzkohlewerk Wärmeenergie, Essigsäure wird bei der Herstellung von Computer-Chips gebraucht, die Nahrungsmittelindustrie ist Abnehmer für Raucharomen. Die Menge der anfallenden Nebenprodukte ist groß. Betrachtet man das Gewicht des trockenen Holzes, so wird davon etwa ein Drittel zu Kohle, zwei Drittel sind Nebenprodukte.

Traditionell geschieht dieser Prozess in Meilern. Das Holz wird aufgestapelt, mit Erde oder Lehm luftdicht abgedeckt und angezündet. Johannes Welling vom Thünen-Institut für Holzforschung beschäftigt sich mit der Methode seit gut 35 Jahren. "Meiler sind ein fürchterlich schmutziges Verfahren", sagt er. Methan, Formaldehyd, Teere, Harze oder Essigsäure gelangen dabei ungefiltert in die Umwelt. "Das sind nicht unbedingt die größten Klimakiller", sagt Welling. "Aber gut für die Umwelt ist das nicht." In Deutschland werden Kohlemeiler nur noch vereinzelt von Hobby- und Teilzeitköhlern angezündet, oder auch von Vereinen, die ein altes Handwerk bewahren und die Tradition pflegen möchten. "Wenn Sie das in großer Skala hier machen wollten, würden Sie garantiert Probleme mit der Genehmigung bekommen", meint Welling.

In Polen ist das Verfahren noch erlaubt und wird - neben der Herstellung in großen Retorten - auch noch angewendet. In Südamerika und Afrika ist die Lage anders. Der Thünen-Experte schätzt, dass 90 Prozent der in Afrika hergestellten Kohle in Meilern produziert wird. "Retorten-Anlagen lohnen sich nur bei großen Mengen", sagt er. Die würden aber selten auf einmal produziert. "Stattdessen baut der Köhler seinen Meiler dort auf, wo es Holz gibt. Wenn im Umkreis keines mehr zu finden ist, zieht er weiter und baut den nächsten Meiler woanders auf." Seiner Ansicht nach ist das schmutzige Meilerverfahren ein fast noch größeres Problem als die illegale Rodung, wenn man sich um nachhaltige Holzkohle Gedanken mache.

Ob die Holzkohle auf umweltverträgliche Art und Weise hergestellt wurde, verrät leider kein Siegel und ist für den grillenden Verbraucher bei importierter Kohle kaum nachvollziehbar. Die Greenpeace-Waldexpertin Sandra Hieke stellt Holz als Energiequelle sogar grundsätzlich in Frage: "Holz zu verbrennen sollte immer die letzte Möglichkeit zur Nutzung sein. Es wird so oft gesagt, das ist ein nachwachsender Rohstoff, aber Holz wächst nun mal sehr langsam." Deshalb sei es aus ökologischer Sicht grundsätzlich besser, es auf möglichst langlebige Art zu nutzen. Immerhin gibt es inzwischen Alternativen zu Holzkohle, beispielsweise aus Kokosnussschalen oder Olivenresten, bei denen ohnehin entstehende Abfallprodukte Verwendung finden (siehe "Griechenland braucht keine Kohle", S. 78). Beim Kauf solche zu wählen oder auf die genannten Siegel zu achten, sorgt beim gemütlichen Grillabend für ein reineres Gewissen. Und ein allererster Schritt ist es vielleicht schon, sich daran zu erinnern: Was da als glühender Brocken meine Würstchen, Sojaschnitzel oder Maiskolben gart, war einmal ein Baum.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.2587547
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
Süddeutsche.de
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.