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Hochradioaktiver Abfall:Müllhalde für die Ewigkeit

Grundsätzlich halten die Forscher drei Gesteinstypen für geeignet: In Finnland sprengen sie Stollen in Granit, in Frankreich, Belgien und der Schweiz setzen sie auf Ton, Deutschland schließlich hat begonnen, in Gorleben einen Salzstock zu erkunden. Zurzeit ruhen die Arbeiten dort; Gorleben hat gegenüber Asse immerhin den Vorteil, dass das Salz noch nicht bergmännisch bis an den Rand des Stocks ausgebeutet worden ist.

Solch unberührte Geologie wünschen sich die Experten. Außerdem dürfen die Schichten nicht von Erdbeben bedroht sein und müssen dem Druck von Gletschern künftiger Eiszeiten widerstehen. Es soll wenig Wasser fließen, und wenn, darf es keinen Kontakt zum Grundwasser haben. Brüche, die den radioaktiven Stoffen eine Abkürzung nach oben bieten, sind ein Ausschlusskriterium.

"Es gibt keinen perfekten Standort, aber viele mit einer guten Bilanz", sagt Neil Chapman. "Wir können auch nicht garantieren, dass ein Endlager absolut sicher ist. Aber wir kennen inzwischen genau die Obergrenzen der Unsicherheit."

In Bure haben Forscher um Pierre Forbes verfolgt, wie sich radioaktive Stoffe durch das Tongestein bewegen. Der schnellste Transport geschieht per Diffusion, den Prozess, der auch das Wasser um den Teebeutel in einer unbewegten Tasse braun färbt. Für einen Millimeter brauchen die Radioisotope so im Mittel drei Jahre. Gunnar Buckau vom Forschungszentrum Karlsruhe hat berechnet, wozu das im schlimmsten Fall führt. Nach 100.000 Jahren könnten die beweglichsten Stoffe oben ankommen und eine Strahlenbelastung von einem Prozent des heutigen Grenzwerts erzeugen.

Kupferbehälter so teuer wie ein BMW M3

Die Forscher wollen dem strahlenden Müll daher so viele Barrieren wie möglich entgegenstellen. "Man muss den Behältern mehr Aufmerksamkeit schenken, als man früher dachte", sagt Heinz Smital von Greenpeace, der die Endlager-Diskussion kritisch verfolgt. "Kupfer ist dafür zum Beispiel ein gutes Material."

Tatsächlich planen Finnen und Schweden, abgebrannte Brennelemente in dem rötlichen Metall zu verpacken. Sie lassen sechs Meter lange Röhren anfertigen, die in Bohrlöcher im Granit kommen. "Jeder Container kostet so viel wie ein BMW M3", scherzt Timo Äikäs. Der Sportwagen hat Preise um 70.000 Euro, "und wir brauchen 2200 davon."

Die Franzosen hingegen arbeiten ihre Brennelemente auf, trennen den strahlenden Müll ab und gießen ihn in Glaszylinder, die von Edelstahl und Puffermaterial umschlossen werden. Die Container kommen wie Perlen auf einer Kette in waagerechte Tunnel, deren Ende ein Stöpsel verschließt. "Wir haben erkannt, dass wir beim Bohren der Tunnel ein bis zwei Meter tiefe Risse im Gestein auslösen", sagt Forbes. "Die müssen wir vor dem Einlagern verschließen."

In Salz hingegen sind die Behälter weniger entscheidend. "Das ist so aggressiv, da hätte kein Container eine Chance, auch nur einige Jahrhunderte durchzuhalten", sagt Beate Kallenbach vom Öko-Institut in Darmstadt. Dennoch schätzen Äikäs und Chapman das Gestein. Es verschließt nach wenigen Jahrzehnten Kavernen, Stollen und Schächte nahtlos. Durch die Anlage kann dann kein Wasser mehr zum Abfall oder von unten an die Oberfläche kommen.

Dennoch bezweifelt Kallenbach, dass Gorleben ein guter Standort für das deutsche Endlager ist. "Die bisherigen Untersuchungen sind nicht genau genug dokumentiert. Es ist unklar, welche Kriterien sie erfüllen." Heinz Smital verweist zudem auf die "Gorlebener Rinne", eine Störung im Deckgebirge, die womöglich Grundwasser direkt an den Salzstock führt: "Gegen Wasser ist Salz nun einmal empfindlich." Das zeigt sich in Asse II, wo seit Jahren Wasser eindringt und der Einsturz droht.

Beide Experten, die gegen die Nutzung der Kernenergie sind, halten daher die Festlegung auf Gorleben für voreilig. "Wir müssen in Deutschland neu auf Suche nach einem Endlager gehen", sagt Beate Kallenbach, "und dabei auch Standorte in Baden-Württemberg oder Bayern prüfen, wo es Tonstein-Formationen gibt. Dann kann man Gorleben damit vergleichen."

Das aber dürfte Deutschland um einige Jahrzehnte zurück werfen. Neil Chapman betont nämlich: Beim Errichten von Endlagern müsse man Schritt für Schritt vorgehen. "Wo man das in einem großen Sprung versucht hat, ist es schiefgegangen."

© SZ vom 29.10.2008/mcs
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