Prognosen:Warten auf die Katastrophe

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Prognosen: Manche Modellrechnungen haben Supermutanten des Coronavirus prognostiziert. Bislang gab es sie nicht.

Manche Modellrechnungen haben Supermutanten des Coronavirus prognostiziert. Bislang gab es sie nicht.

(Foto: Marijan Murat/dpa)

Und wenn es doch keine 45 Grad werden sollten? Es ist menschlich, mit wohligem Grusel auf Extremwerte in Modellrechnungen zu schauen. Man sollte nur nicht erwarten, dass diese dann auch unbedingt so eintreten.

Von Werner Bartens

Wird es kommende Woche wirklich 45 Grad warm in Deutschland ? Wie der Scheinriese Tur Tur bei Jim Knopf schrumpft der in Modellrechnungen ermittelte Wert, je näher man den heißen Tagen kommt. Die anstehende Hitzewelle ist ernstzunehmen, aber vielleicht liefert sie doch keine neuen Rekorde, wie der Blick auf die Wetter-App zeigt. Die Prognose für das sonnenverwöhnte Freiburg bietet für nächsten Dienstag "nur" 38 Grad, andernorts in Deutschland werden 35 Grad erwartet. Doch ob 45 oder 38 Grad: Hitzetage sind schwer zu ertragen und gefährlich. Die Hitzewelle 2003 hat in Europa 70 000 Tote gefordert. Die Häufung heißer Tage zeigt spürbar, wie der Klimawandel Alltag, Gesundheit, Landwirtschaft und etliche andere Branchen beeinträchtigt.

Die Gefahr ist real - trotzdem bleiben Modelle nur Modelle. Kritiker haben Unrecht, wenn sie Erkenntnisse der Wissenschaft leugnen, nur weil ein Szenario, das ausdrücklich als Extremvariante gekennzeichnet wurde, so nicht eintritt. Seriöse Wissenschaft liefert die Einschränkungen der eigenen Forschung gleich mit: Modellrechnungen treffen lediglich unter bestimmten Bedingungen zu. Es sind hilfreiche Szenarien und Hypothesen unter der Annahme: wenn - dann. In jedem Fachartikel wird erklärt, dass die schlimmste Variante nur eintritt, wenn alle negativen Faktoren zugleich wirksam werden.

Wenn gute Vorsorge Schlimmeres verhindert, wird moniert, dass die Warnungen übertrieben waren

Vor diesem Hintergrund ist auch die Diskussion zu sehen, wo Killer-Mutante und Super-Virus bleiben. Vor beiden wurde während der Pandemie immer wieder gewarnt. Dass es an Abstand, Hygiene und Einschränkungen gelegen haben mag, wenn es doch nicht so schlimm kam wie befürchtet, wird gerne vergessen. Als Präventionsparadox ist das Phänomen bekannt, dass gute Vorsorge Katastrophen verhindern kann - und hinterher moniert wird, dass die Warnungen wohl übertrieben waren.

Es ist menschlich, dass die Lust am Grusel zu wohlig-schaurigen Aussichten verleitet - zudem ist man mit apokalyptischen Warnungen immer auf der richtigen Seite. Tritt das schlimmste Szenario ein, haben sich die Vorhersagen erfüllt, man gilt als kundiger Warner. Wird es doch nicht so heftig, sind alle erleichtert - und man war wenigstens vorbereitet. Es ist eine Herausforderung für Wissenschaft und Medien, die Modelle und Szenarien auch in ihren Extremvarianten richtig einzuordnen. In der Wirklichkeit mag es dann glimpflicher zugehen, doch auch das ist manchmal schon schlimm genug.

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