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Historischer Flug:Der Ur-Knall

2100 Meter hoch über der Mojave-Wüste macht sich Yeager im Bauch der B-29 bereit für seinen Einsatz. Er klettert in den Bombenschacht. Es ist kalt, windig, die Luft ist spürbar dünn. Eigentlich hätte ein anderer dieses Himmelfahrtskommando übernehmen sollen: Chalmers Goodlin war der reguläre Bell-Testpilot.

Bereits 26-mal hatte er die X-1 durch die Lüfte gesteuert, für den Flug durch die Schallmauer soll er allerdings 150 000 Dollar verlangt haben - und eine Gefahrenprämie für jede Minute, die er schneller als das 0,85-Fache der Schallgeschwindigkeit unterwegs sein würde.

Yeager macht den Job für 511,50 Dollar im Monat, sein normales Offiziersgehalt. Er steigt auf eine bewegliche Leiter, die langsam zur X-1 hinuntergleitet. Die Luke des ganz in Orange gehaltenen Experimentalflugzeugs ist eng, der Fallschirm hinderlich.

Flug mit gebrochenen Rippen

Yeager quetscht sich ins Cockpit. Er setzt seinen goldenen Helm auf, zurrt die Sauerstoffmaske fest. Die dicken Stahltanks direkt hinter ihm sind randvoll gefüllt mit Alkohol und flüssigem Sauerstoff. Überall Messinstrumente, Schalter, Warnleuchten. Die Scheibe im Dach ist aus Glas, Plastik würde bei der xtremen Luftreibung schmelzen. Einen ungehinderten Blick nach vorne ermöglicht sie nicht.

Die gebrochenen Rippen schmerzen. Yeager fehlt die Kraft, um die Kabinentür wie gewohnt mit dem rechten Arm zuzuziehen. Sein Freund und Flugingenieur Jackie Ridley, dem er als einzigem - neben einem befreundeten und verschwiegenen Tierarzt - von der Verletzung erzählt hatte, hat ihm einen abgesägten Besenstiel mitgegeben. Mit der linken Hand und dank der Hebelwirkung klappt es. Die Tür ist zu. Yeager ist bereit für den Abschuss.

Nur wenige Kilometer weiter hat George Welch sein Tagwerk bereits vollbracht. Welch ist ebenfalls Textpilot, fliegt den Prototyp einer XP-86 Sabre und hat gerade die Schallmauer durchbrochen. Zumindest wird er das später behaupten. Aus einer Höhe von mehr als elf Kilometern ist er mit seinem Düsenjet in den Sturzflug übergegangen, hat einen immer stärker werdenden Widerstand gespürt, der dann urplötzlich weg war.

Und Beobachter am Boden wollen einen verräterischen Knall gehört haben. Ganz so wie 13 Tage vorher, als es Welch schon einmal mit der Schallmauer aufgenommen hatte. Doch es gibt keine offiziellen Messungen, Welch befand sich im verpönten Sturzflug, und überhaupt soll niemand dem Prestige-Projekt X-1 die Schau stehlen.

"Das Mach-Meter spinnt"

Dabei ist Welch nicht der einzige, der den Sieg über die Schallmauer für sich reklamiert. Der deutsche Pilot Hans Guido Mutke will bereits im April 1945 über Innsbruck schneller als der Schall geflogen sein. Als er mit seinem Düsenjäger vom Typ Me 262 im Sturzflug einem Kameraden zu Hilfe kommen wollte, habe er typische Überschalleffekte gespürt. Bolzen seien aus den Tragflächen geflogen, der Fahrtmesser sei bei 1100 Kilometern pro Stunde stehen geblieben.

Mutkes Behauptungen sind jedoch umstritten. Nahe der Schallmauer würden Flugzeug-Tachos oft sehr unzuverlässig arbeiten, erwidern Skeptiker. Und Windkanaltests nach dem Krieg hätten gezeigt, dass die Me 262 bereits bei 0,85 Mach, also beim 0,85-Fachen der Schallgeschwindigkeit, unfliegbar geworden wäre.

Rekorde sind das Letzte, was Yeager in diesem Moment durch den Kopf geht. "Ich machte einfach meine Arbeit", wird er später erzählen. Routine. Wie bei den acht X-1-Flügen zuvor, bei denen sich der 24-Jährige näher und näher ans Schalllimit herangetastet hat. In sechs Kilometern Höhe lässt die B-29 ihre bemannte Bombe endlich fallen.

Yeagers Helm wird gegen das Dach der Kabine gedrückt. In schneller Folge zündet er die vier Raketenmotoren, stellt sie wieder ab, zündet sie erneut. Ganz wie geplant. Drei Tonnen Schub beschleunigen die X-1. Immer in Richtung Himmel.

Bei Mach 0,94 verliert das Höhenruder - wie vorhergesagt - seine Wirkung. Doch die Stabilisatoren funktionieren, und die Idee, das gesamte Leitwerk zur Steuerung zu benutzen, erweist sich als goldrichtig. Die Nadel des Mach-Meters zeigt 0,95, sie klettert auf 0,96, schließlich auf 0,97. In 13000 Metern Höhe und bei horizontalem Flug bleibt sie hängen - bei Mach 0,98. Sekunden später springt sie auf Mach 1,06.

Der schnellste Mann der Welt

Chuck Yeager, den seine Grundschullehrerin einst als "etwas langsam" bezeichnete, hat es geschafft. Er ist zum schnellsten Mann der Welt geworden. Er hat den ersten Stein aus der Schallmauer herausgeschlagen, den Weg für die Astronauten bereitet und ein neues Zeitalter der Luftfahrt eingeleitet: Überschall ist bei Militärjets seit den 1950er-Jahren Standard.

Zehn Jahre später entwickelte sich ein Wettlauf, wer als erstes einen Überschall-Passagierjet startet. Die russische Tupolew Tu-144 gewann knapp gegen die französisch-britische Concorde. Auf Dauer waren beide zu teuer, technisch zu anfällig, zu ineffektiv und konnten sich nicht behaupten.

Das Abenteuer Überschall ist dennoch nicht zu Ende. Japan arbeitet an einem Jet für 300 Passagiere, erste Modelle wurden bereits erfolgreich getestet. Und rund um die Welt forschen Flugzeugbauer an kleinen, leisen Business-Überschalljets, die eine zahlungskräftige Kundschaft in vier Stunden von Europa nach USA bringen sollen.

Chuck Yeagers Überschallflug dauert nur 18 Sekunden, dann ist der Raketentreibstoff aufgebraucht. Das Projekt ist so geheim, dass die US-Regierung den Rekordflug erst ein halbes Jahr später zugeben wird. Nicht einmal über den Funk darf Yeager die frohe Botschaft verkünden. Er findet dennoch einen Ausweg.

"Hey Ridley", ruft er seinen Flugingenieur. "Irgendwas stimmt nicht mit diesem Mach-Meter, es spinnt komplett." "Wenn dem so sein sollte, werden wir es reparieren", antwortet Ridley. Und als Zeichen, dass er die Botschaft nur zu gut verstanden hat, fügt er hinzu: "Ich glaube allerdings, das bildest Du Dir nur ein."

© SZ vom 13.10.2007
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