Hirnforschung:Traum-Therapie

Während wir träumen, verlieren unsere emotionalen Erinnerungen an den Vortag offenbar ihre Schärfe, berichten US-Forscher. Was aber ist mit Albträumen?

Christian Weber

Mag sein, dass die Zeit alle Wunden heilt. Doch schneller geht es womöglich, wenn man unterdessen in den Nächten ordentlich träumt. Darauf deutet eine Studie von Neurowissenschaftlern um Matthew Walker und Els van der Helm von der University of Berkeley (Current Biology, Bd. 21, S.1, 2011) hin.

Hirnforschung: Träume können offenbar emotionalen Erinnerungen des Vortages die Schärfe nehmen.

Träume können offenbar emotionalen Erinnerungen des Vortages die Schärfe nehmen.

(Foto: chriskuddl | ZWEISAM / photocase)

"Das Traumstadium des Schlafes mit seiner besonderen neuro-chemischen Zusammensetzung ist ein linderndes Bad, das den emotionalen Erinnerungen des Vortages ihre Schärfe nimmt", sagt Walker.

Für ihre Studie teilten die Forscher 34 Studenten in zwei Gruppen auf und zeigten ihnen zweimal mit jeweils zwölf Stunden Abstand 150 standardisierte, emotionshaltige Bilder, wie sie in der psychologischen Forschung üblich sind.

Der einen Gruppe wurden die Bilder zuerst am Morgen und dann - nach einem wachen Tag - nochmals am Abend gezeigt. Die zweite Gruppe sah die Bilder erst am Abend und - nach einer Nacht im Schlaf - nochmals am Morgen.

Dabei ergab sich ein klarer Unterschied: Die Gruppe der Schläfer berichtete in Fragebögen eine signifikant niedrigere emotionale Erregung als diejenigen Versuchspersonen, die wach geblieben waren.

Zugleich konnten die Forscher mit Hilfe der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRI) zeigen, dass bei den Schläfern in der zweiten Sitzung die Aktivität der Amygdala "dramatisch" reduziert war. Diese Hirnstruktur ist von großer Bedeutung für die Emotionsverarbeitung.

Eine Erklärung für diesen Effekt könnte ein Prozess sein, den die Studienautoren während des Schlafes der zweiten Gruppe beobachteten: Die Hirnströme der Probanden zeigten während des Traumschlafes bestimmte Muster, die auf einen besonders niedrigen Pegel des Neurotransmitters Noradrenalin deuteten, einer Hirnchemikalie, die mit Stress verbunden ist.

Somit könnte es sein, dass es bei der Bewältigung von belastenden Emotionen hilft, wenn diese in der offenbar "neuro-chemisch sicheren Umgebung" des Traums verarbeitet werden, so Walker.

Die neuen Ergebnisse könnten, so hoffen die Forscher, zu einem besseren Verständnis von posttraumatischen Belastungsstörungen beitragen. Womöglich sei bei diesen auch die nächtliche Hirnchemie gestört, sodass Betroffene unter Albträumen leiden, statt von den mildernden Effekten des Traums zu profitieren. Es sei daher sinnvoll, das therapeutische Potential von Medikamenten zu erforschen, die den Noradrenalin-Spiegel senken.

© SZ vom 24.11.2011/mcs
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