Süddeutsche Zeitung

Hirnforschung:"Sorgen Sie für ein Haus voller Bücher!"

Die Neurowissenschaftlerin Maryanne Wolf warnt vor den Gefahren des digitalen Lesens. Sie plädiert dafür, Kinder weiterhin mit gedruckten Texten zu konfrontieren.

Als Expertin für die kognitive Entwicklung von Kindern an der amerikanischen Tufts University beschäftigt sich Maryanne Wolf vor allem mit Legasthenie. Doch in ihrem Buch "Das lesende Gehirn" (Spektrum Verlag) warnt sie unter anderem vor den Gefahren des nur digitalen Lesens für die ganze Gesellschaft: Das Internet verführe Erwachsene und insbesondere Kinder zur unkonzentrierten Informationssuche, die das selbstständige Denken untergrabe und ihnen die Freude einer tieferen Leseerfahrung vorenthalte.

SZ: Was wird mit unseren Gehirnen passieren, wenn wir irgendwann nur noch online lesen?

Maryanne Wolf: Anders als beim Sprechen oder Sehen war unser Gehirn nie dafür gemacht, zu lesen. Es muss erst verschiedene Areale verbinden, um eine Art Lese-Schaltkreis zu bilden. Daher gibt es ohnehin nicht den idealen Schaltkreis. Aber klar ist: Wenn wir lesen, um einen tieferen Einblick zu erhalten, dann nutzen wir weite Teile beider Gehirn-Hemisphären. Wenn wir - so wie meist im Internet - einen Text nur der Information willen lesen, ihn nur überfliegen, dann nutzen wir wahrscheinlich nur die Hälfte der uns zur Verfügung stehenden Hirnkapazität.

SZ: Im Ihrem Buch sorgen sich besonders um die Kinder.

Wolf: Die Frage ist: Wird ein Kind, das tief in das Internet eintaucht, das vielleicht sogar süchtig nach digitalen Medien ist, jemals das lernen, was ich ein tiefes Lesen nenne?

Das ist ein Lesen, bei dem wir in eine andere kognitive Zone vordringen und eins werden mit den Charakteren im Buch. Unsere Kinder werden vielleicht niemals erfahren, was es heißt, sich in eine Figur wirklich einzufühlen, dann eine kritische Analyse zu machen und zu eigenen Gedanken zu kommen.

SZ: Warum sollten sie das mit digitalen Medien nicht lernen können?

Wolf: Bei den digitalen Medien haben wir es immer mit kurzen Aufmerksamkeitsphasen zu tun statt mit langen, konzentrierten Zeitabschnitten. Erst wenn wir weiter gehen, wenn wir Analogien ziehen, dann erst bildet sich die Plattform für eigene, neue Ideen. Es sind die selbst gemachten Notizen am Seitenrand der Bücher, die die Grundlage für unsere eigenen Gedanken bilden.

"Ich plädiere für einen Mittelweg"

SZ: Wer online liest, liegt meistens nicht mehr am Strand oder im Schaukelstuhl. Macht das für unser Gehirn einen Unterschied?

Wolf: Ja, die Art, wie wir lesen, beeinflusst, wie wir denken und fühlen. Nach dem Erscheinen meines Buches schrieben mir Hunderte von Leuten, dass für sie das Lesen eines Buches eine ganz besondere Erfahrung ist: Ein Buch fühlt man, riecht man, berührt man. Ein Buch hat einen Pause-Knopf. Das Internet hingegen treibt uns immer von einem zum nächsten, auch bei elektronischen Lesegeräten wie dem iPad und Kindle ist das so.

Auch vom kognitiven Standpunkt her ist die Lesesituation online eine andere. Das Gefühl sagt hier eher: Bringe es zu Ende! Es geht um Effektivität, Produktivität, Sammeln von Information - darin liegen ja auch die Qualitäten des Internets. Ich bin deshalb auch gar nicht total gegen das Internet, sondern plädiere für einen Mittelweg, bei dem wir analoge und digitale Medien bewusst nutzen.

Vor- und Nachteile des digitalen Lesens

SZ: Gerade diejenigen Menschen, die unsere Gesellschaft voranbringen, Wissenschaftler etwa, benutzen das Internet und andere digitale Medien sehr intensiv. Gleichzeitig steigen die Intelligenzquotienten der Gesamtbevölkerung seit Jahrzehnten - wie passt das mit ihren Befürchtungen zusammen?

Wolf: Zum einen können wir nicht sicher sein, dass die höheren IQ-Werte tatsächlich den digitalen Medien zu verdanken sind. Es gibt so viele Einflussfaktoren, die wir gar nicht kennen. Außerdem sollte der IQ nicht das einzige Kriterium für kognitive Leistungen sein. Das Leseverständnis in unseren Schulen nimmt jedenfalls ab, nicht zu.

Meine Sorge ist: Diejenigen Menschen, die kritisch und analytisch denken können, werden auch aus den neuen Medien das Beste machen. Aber wir werden daneben viele haben, deren Fähigkeiten buchstäblich verkümmern, die nur noch die erste halbe Seite der Google-Ergebnisse ansehen. Die vermeintliche Demokratisierung der Informationsbeschaffung könnte dazu führen, dass viele nur noch lesen, was weit verbreitet und einfach zu verstehen ist.

SZ: Macht uns das digitale Lesen also zu einem Volk von Lese-Behinderten?

Wolf: Interessanterweise kann ich mir sogar vorstellen, dass der Computer etwa Legasthenikern hilft. Aber Kinder, die mit dem Lesen kleinere Probleme haben, die werden ihre Lesefähigkeit mit dem Internet nicht so gut entwickeln. Verständnisprobleme werden allgemein zunehmen und dann kommen wahrscheinlich Dinge, an die wir jetzt noch gar nicht denken.

SZ: Gibt es eigentlich harte, neurowissenschaftliche Daten über die Effekte digitalen Lesens?

Wolf: Nein, ich habe bisher keinerlei aussagekräftige Daten zu dem Thema gefunden. Gerry Small von der University of California in Los Angeles hat eine kleine Studie durchgeführt, bei der er die Gehirne von 24 Erwachsenen beobachtete, während sie eine Suche im Internet durchführten und dann eine Seite Text lasen.

Während der Websuche zeigten diejenigen, die das Netz regelmäßig nutzten, doppelt so viel Aktivität in den Gehirnregionen, die für die Entscheidungsfindung und komplexes logisches Denken zuständig sind. Was wir aber bräuchten, sind langfristige Studien, in denen wir Kinder vergleichen, die Kontakt zu digitalen Medien haben, mit solchen, die diesen Kontakt nicht haben.

SZ: Könnten sich manche Dinge auch verbessern?

Wolf: Ja, natürlich: Die Fähigkeit, Massen von Informationen aufzunehmen und zu priorisieren, das ist eine Kunstfertigkeit, die wir jetzt gerade unserem Repertoire hinzufügen. Eine andere, wundervolle Fähigkeit ist die räumliche Navigation zwischen Informationen. Kinder können das auf eine Weise, die ihr Leben bereichern wird. Die Möglichkeit, an Stapel von Informationen heranzukommen, die noch vor 50 Jahren völlig unerreichbar waren, das wird unsere Spezies zu großen Entdeckungen führen.

SZ: Und dennoch befürchten Sie auch Gefahren für die geistige Leistungsfähigkeit der nächsten Generation?

Wolf: Naja, es geht um den Effekt, der schon Sokrates Sorgen bereitet hat: Die scheinbare Beständigkeit der geschriebenen - in unserem Falle digitalen - Information, verführt junge Menschen dazu, zu denken, sie wüssten jetzt etwas, wenn sie eigentlich erst am Anfang eines Erkenntnisprozesses stehen.

SZ: Aber Sokrates wetterte seinerzeit gegen die aufkommende Schrift, weil er die mündliche Überlieferung für eine bessere Geistesschulung hielt. Wie passt das zum Übergang vom Buch zum Internet? Wir lesen ja weiterhin Schrift.

Wolf: Ja, aber im Internet hat man einen neuen Zeitfaktor. Man kommt so schnell an die Information, das man schnell das Gefühl bekommt: Ich hab es kapiert! Bei Büchern musste man in Bibliotheken gehen und sich anstrengen. Wenn man aber alles scheinbar in drei Sekunden erreichen kann - sucht man dann überhaupt noch weiter, nach dem nächsten Buch, dem nächsten Aufsatz?

SZ: Das klingt so, als müssten wir vor allem kritisches Lesen lehren.

Welche kognitiven Fähigkeiten soll unsere Jugend haben?

Wolf: Absolut. Wir müssen uns fragen, welche kognitiven Fähigkeiten soll unsere Jugend haben? Wir müssen den Kindern beibringen, wie sie sich zurechtfinden und wie sie Informationen beurteilen können.

SZ: Der Autor Nicholas Carr beschwerte sich vor kurzem, dass das Internet ihn schrecklich ablenke - aber was ist daran neu? Jeder weiß aus der Schule, dass Kinder auch ohne Internet viel abgelenkt werden: vom quatschenden Nachbarn, dem Vogel vor dem Fenster, einem weitergereichten Zettel...

Wolf: Ja, wir haben in der Kindheit eine ganz normale Tendenz, uns ablenken zu lassen. Aber das Internet ist verführerischer als alles andere, weil es genau die Aufmerksamkeitsspanne eines Kindes anspricht. Diese Spanne wird zwar mit der Zeit immer länger, aber manche Kinder können sich von Anfang an weniger gut konzentrieren als andere. Diese sind besonders gefährdet. Stellen Sie sich vor, wie schwer es für Lehrer wird, zu unterrichten, wenn die Kinder an so kleine Informationseinheiten gewöhnt sind. Wir müssen ihre Aufmerksamkeit trainieren.

SZ: Sie kritisieren, dass das Internet die Effizienz an erste Stelle setzt. Wir wollen Dinge abhaken, abarbeiten. Aber ist das nicht ein Muster, das generell in unserem Leben vorherrscht, das durch das Internet nur bedient wird?

Wolf: Ich weiß aus meinem eigenen Leben, wie sehr das Internet meine eigenen Verhaltensweisen verändert hat. Ich lese weniger Poesie, ich muss mich ganz bewusst für komplexere Romane entscheiden, weil ich mich immer frage: Hab ich eigentlich die Zeit dafür? Die Frage nach der Zeit spielt plötzlich überall hinein.

Das Internet gibt mir das Gefühl, dass ich immer das nächste und nächste tun muss. Und das setzt sich plötzlich auch im sonstigen Leben so fort. Das Netz ist das schwarze Loch unserer Gesellschaft, es verschlingt unsere Zeit.

Effizienz ist unser Meister geworden - statt unser Diener zu sein. Ich will eigentlich die Rolle des Lesens für unsere Gesellschaft nicht übertreiben, aber ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie sehr ich daran glaube, dass unsere Art zu lesen beeinflusst, wie wir denken und handeln.

"Ich wollte mein Lieblingsbuch lesen, doch es gelang mir nicht"

SZ: Kann man Lesen auch verlernen?

Wolf: Ein Beispiel: Ich versuchte vor einiger Zeit, mal wieder das Glasperlenspiel von Hermann Hesse zu lesen, das einst ein sehr wichtiges Buch für mich war. Hesses Sprache ist in diesem Buch sehr schwierig. Ich klappte es auf - und stellte fest: Ich kann das nicht mehr lesen! Und das war vor 20 Jahren mein Lieblingsbuch! Da sagte ich mir: Das kann ich nicht durchgehen lassen. Also zwang ich mich zwei Wochen lang jeden Abend ein paar Seiten zu lesen. Und dann war ich plötzlich wieder drin, es fühlte sich an, als wäre ich beim Lesen wieder zu mir selbst zurückgekehrt.

SZ: Das Internet wird aus unserem Leben nicht mehr verschwinden - was also sollten wir tun?

Wolf: Was wir alle wirklich brauchen, ist ein Ausgleich. Wir brauchen Raum für Erkenntnis, wir brauchen Stille. Das Internet ist sehr laut, es ist eine laute, effiziente Welt voller Aufforderungen. Wir sind ständig angezogen und abgelenkt. Wir brauchen einen Raum, der das ausgleicht. Die wirkliche Leseerfahrung, der Umgang mit echten Büchern bringt uns nicht nur intellektuell etwas, sondern auch emotional - und ich würde sogar sagen: spirituell.

SZ: Was folgt daraus konkret für die Erziehung unserer Kinder?

Wolf: Mein bester Ratschlag an Eltern lautet: "Sorgen Sie für ein Haus voller gedruckter Bücher und lesen sie ihren Kindern jeden Abend vor bis sie fünf Jahre oder älter sind!" Ich hab meinen Kindern vorgelesen bis sie zehn und zwölf waren. Es ist längst bekannt und kein Geheimnis, dass das Gehirn von Kleinkindern am besten von menschlichen Stimmen stimuliert wird. Wenn sie immer am Computer sitzen, wollen die Kinder auch nur am Computer sitzen. Das Internet ist so verführerisch, und Kinder werden so schnell süchtig davon, dass wir sie schrittweise an digitale Technik heran führen sollten. Ich denke, die Großmütter der Welt sollten jungen Eltern helfen, zu entscheiden, welche Medien gut für die Kinder sind. Großmütter wissen, dass Spiel, Gespräche, Natur und Musik wichtig für die Kinder sind.

(Ein Video mit Maryanne Wolf finden Sie hier)

Das lesende Gehirn

Wie der Mensch zum Lesen kam - und was es in unseren Köpfen bewirkt

Wolf, Maryanne

Spektrum Verlag 2009

350 S. 27 Abb., Geb.

ISBN: 978-3-8274-2122-7

26,95 Euro

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Quelle:
SZ vom 17.07.2010/mcs
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