Hirnforschung:Welche kognitiven Fähigkeiten soll unsere Jugend haben?

Wolf: Absolut. Wir müssen uns fragen, welche kognitiven Fähigkeiten soll unsere Jugend haben? Wir müssen den Kindern beibringen, wie sie sich zurechtfinden und wie sie Informationen beurteilen können.

SZ: Der Autor Nicholas Carr beschwerte sich vor kurzem, dass das Internet ihn schrecklich ablenke - aber was ist daran neu? Jeder weiß aus der Schule, dass Kinder auch ohne Internet viel abgelenkt werden: vom quatschenden Nachbarn, dem Vogel vor dem Fenster, einem weitergereichten Zettel...

Wolf: Ja, wir haben in der Kindheit eine ganz normale Tendenz, uns ablenken zu lassen. Aber das Internet ist verführerischer als alles andere, weil es genau die Aufmerksamkeitsspanne eines Kindes anspricht. Diese Spanne wird zwar mit der Zeit immer länger, aber manche Kinder können sich von Anfang an weniger gut konzentrieren als andere. Diese sind besonders gefährdet. Stellen Sie sich vor, wie schwer es für Lehrer wird, zu unterrichten, wenn die Kinder an so kleine Informationseinheiten gewöhnt sind. Wir müssen ihre Aufmerksamkeit trainieren.

SZ: Sie kritisieren, dass das Internet die Effizienz an erste Stelle setzt. Wir wollen Dinge abhaken, abarbeiten. Aber ist das nicht ein Muster, das generell in unserem Leben vorherrscht, das durch das Internet nur bedient wird?

Wolf: Ich weiß aus meinem eigenen Leben, wie sehr das Internet meine eigenen Verhaltensweisen verändert hat. Ich lese weniger Poesie, ich muss mich ganz bewusst für komplexere Romane entscheiden, weil ich mich immer frage: Hab ich eigentlich die Zeit dafür? Die Frage nach der Zeit spielt plötzlich überall hinein.

Das Internet gibt mir das Gefühl, dass ich immer das nächste und nächste tun muss. Und das setzt sich plötzlich auch im sonstigen Leben so fort. Das Netz ist das schwarze Loch unserer Gesellschaft, es verschlingt unsere Zeit.

Effizienz ist unser Meister geworden - statt unser Diener zu sein. Ich will eigentlich die Rolle des Lesens für unsere Gesellschaft nicht übertreiben, aber ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie sehr ich daran glaube, dass unsere Art zu lesen beeinflusst, wie wir denken und handeln.

"Ich wollte mein Lieblingsbuch lesen, doch es gelang mir nicht"

SZ: Kann man Lesen auch verlernen?

Wolf: Ein Beispiel: Ich versuchte vor einiger Zeit, mal wieder das Glasperlenspiel von Hermann Hesse zu lesen, das einst ein sehr wichtiges Buch für mich war. Hesses Sprache ist in diesem Buch sehr schwierig. Ich klappte es auf - und stellte fest: Ich kann das nicht mehr lesen! Und das war vor 20 Jahren mein Lieblingsbuch! Da sagte ich mir: Das kann ich nicht durchgehen lassen. Also zwang ich mich zwei Wochen lang jeden Abend ein paar Seiten zu lesen. Und dann war ich plötzlich wieder drin, es fühlte sich an, als wäre ich beim Lesen wieder zu mir selbst zurückgekehrt.

SZ: Das Internet wird aus unserem Leben nicht mehr verschwinden - was also sollten wir tun?

Wolf: Was wir alle wirklich brauchen, ist ein Ausgleich. Wir brauchen Raum für Erkenntnis, wir brauchen Stille. Das Internet ist sehr laut, es ist eine laute, effiziente Welt voller Aufforderungen. Wir sind ständig angezogen und abgelenkt. Wir brauchen einen Raum, der das ausgleicht. Die wirkliche Leseerfahrung, der Umgang mit echten Büchern bringt uns nicht nur intellektuell etwas, sondern auch emotional - und ich würde sogar sagen: spirituell.

SZ: Was folgt daraus konkret für die Erziehung unserer Kinder?

Wolf: Mein bester Ratschlag an Eltern lautet: "Sorgen Sie für ein Haus voller gedruckter Bücher und lesen sie ihren Kindern jeden Abend vor bis sie fünf Jahre oder älter sind!" Ich hab meinen Kindern vorgelesen bis sie zehn und zwölf waren. Es ist längst bekannt und kein Geheimnis, dass das Gehirn von Kleinkindern am besten von menschlichen Stimmen stimuliert wird. Wenn sie immer am Computer sitzen, wollen die Kinder auch nur am Computer sitzen. Das Internet ist so verführerisch, und Kinder werden so schnell süchtig davon, dass wir sie schrittweise an digitale Technik heran führen sollten. Ich denke, die Großmütter der Welt sollten jungen Eltern helfen, zu entscheiden, welche Medien gut für die Kinder sind. Großmütter wissen, dass Spiel, Gespräche, Natur und Musik wichtig für die Kinder sind.

(Ein Video mit Maryanne Wolf finden Sie hier)

Das lesende Gehirn

Wie der Mensch zum Lesen kam - und was es in unseren Köpfen bewirkt

Wolf, Maryanne

Spektrum Verlag 2009

350 S. 27 Abb., Geb.

ISBN: 978-3-8274-2122-7

26,95 Euro

© SZ vom 17.07.2010/mcs
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