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Hirnforschung:Vor- und Nachteile des digitalen Lesens

SZ: Gerade diejenigen Menschen, die unsere Gesellschaft voranbringen, Wissenschaftler etwa, benutzen das Internet und andere digitale Medien sehr intensiv. Gleichzeitig steigen die Intelligenzquotienten der Gesamtbevölkerung seit Jahrzehnten - wie passt das mit ihren Befürchtungen zusammen?

Wolf: Zum einen können wir nicht sicher sein, dass die höheren IQ-Werte tatsächlich den digitalen Medien zu verdanken sind. Es gibt so viele Einflussfaktoren, die wir gar nicht kennen. Außerdem sollte der IQ nicht das einzige Kriterium für kognitive Leistungen sein. Das Leseverständnis in unseren Schulen nimmt jedenfalls ab, nicht zu.

Meine Sorge ist: Diejenigen Menschen, die kritisch und analytisch denken können, werden auch aus den neuen Medien das Beste machen. Aber wir werden daneben viele haben, deren Fähigkeiten buchstäblich verkümmern, die nur noch die erste halbe Seite der Google-Ergebnisse ansehen. Die vermeintliche Demokratisierung der Informationsbeschaffung könnte dazu führen, dass viele nur noch lesen, was weit verbreitet und einfach zu verstehen ist.

SZ: Macht uns das digitale Lesen also zu einem Volk von Lese-Behinderten?

Wolf: Interessanterweise kann ich mir sogar vorstellen, dass der Computer etwa Legasthenikern hilft. Aber Kinder, die mit dem Lesen kleinere Probleme haben, die werden ihre Lesefähigkeit mit dem Internet nicht so gut entwickeln. Verständnisprobleme werden allgemein zunehmen und dann kommen wahrscheinlich Dinge, an die wir jetzt noch gar nicht denken.

SZ: Gibt es eigentlich harte, neurowissenschaftliche Daten über die Effekte digitalen Lesens?

Wolf: Nein, ich habe bisher keinerlei aussagekräftige Daten zu dem Thema gefunden. Gerry Small von der University of California in Los Angeles hat eine kleine Studie durchgeführt, bei der er die Gehirne von 24 Erwachsenen beobachtete, während sie eine Suche im Internet durchführten und dann eine Seite Text lasen.

Während der Websuche zeigten diejenigen, die das Netz regelmäßig nutzten, doppelt so viel Aktivität in den Gehirnregionen, die für die Entscheidungsfindung und komplexes logisches Denken zuständig sind. Was wir aber bräuchten, sind langfristige Studien, in denen wir Kinder vergleichen, die Kontakt zu digitalen Medien haben, mit solchen, die diesen Kontakt nicht haben.

SZ: Könnten sich manche Dinge auch verbessern?

Wolf: Ja, natürlich: Die Fähigkeit, Massen von Informationen aufzunehmen und zu priorisieren, das ist eine Kunstfertigkeit, die wir jetzt gerade unserem Repertoire hinzufügen. Eine andere, wundervolle Fähigkeit ist die räumliche Navigation zwischen Informationen. Kinder können das auf eine Weise, die ihr Leben bereichern wird. Die Möglichkeit, an Stapel von Informationen heranzukommen, die noch vor 50 Jahren völlig unerreichbar waren, das wird unsere Spezies zu großen Entdeckungen führen.

SZ: Und dennoch befürchten Sie auch Gefahren für die geistige Leistungsfähigkeit der nächsten Generation?

Wolf: Naja, es geht um den Effekt, der schon Sokrates Sorgen bereitet hat: Die scheinbare Beständigkeit der geschriebenen - in unserem Falle digitalen - Information, verführt junge Menschen dazu, zu denken, sie wüssten jetzt etwas, wenn sie eigentlich erst am Anfang eines Erkenntnisprozesses stehen.

SZ: Aber Sokrates wetterte seinerzeit gegen die aufkommende Schrift, weil er die mündliche Überlieferung für eine bessere Geistesschulung hielt. Wie passt das zum Übergang vom Buch zum Internet? Wir lesen ja weiterhin Schrift.

Wolf: Ja, aber im Internet hat man einen neuen Zeitfaktor. Man kommt so schnell an die Information, das man schnell das Gefühl bekommt: Ich hab es kapiert! Bei Büchern musste man in Bibliotheken gehen und sich anstrengen. Wenn man aber alles scheinbar in drei Sekunden erreichen kann - sucht man dann überhaupt noch weiter, nach dem nächsten Buch, dem nächsten Aufsatz?

SZ: Das klingt so, als müssten wir vor allem kritisches Lesen lehren.