Hirnforschung Oh wie peinlich

Schräges Geträller in Casting-Shows, fotografische Selbsthinrichtungen auf Facebook - immer wenn es richtig peinlich wird, kommt es beim Zuschauer zum "Fremdschämen". Psychologen haben das Gefühl erstmals unter die Lupe genommen.

Von Christian Weber

Anlässe für das Fremdschämen gibt es in postmodernen Spaßgesellschaften ja viele: das schräge Geträller einer Kandidatin in einer Casting-Show, fotografische Selbsthinrichtungen auf Facebook, heimgereimte Lyrik im Eigenverlag, Promotionsplagiate bei Spitzenpolitikern.

Für ihre Untersuchung zeigten die Wissenschaftler ihren Probanden schematische Darstellungen peinlicher Situationen: Sie zeigen etwa, wie jemanden beim Bücken die Hosenaht platzt, wie jemand im Kino telefoniert oder einen angeberischen Kettenanhänger trägt. (Ganz links: eine neutrale Situation.)

(Foto: Uni Marburg/PLoS One)

Immer wenn es richtig peinlich wird, entsteht auch beim Zuschauer ein schales Gefühl, für den der Volksmund in den letzten Jahren den Begriff des "Fremdschämens" geprägt hat; der Duden listet das Wort seit der 2009 erschienenen 25.Auflage. Höchste Zeit also, dass sich Forscher des Themas annehmen.

Tatsächlich hat jetzt ein Team um die Psychologen Sören Krach und Frieder Paulus von der Universität Marburg im Online-Fachmagazin Plos One die erste Studie veröffentlicht, die dieser in der Wissenschaft bislang wenig beachteten Emotion bis in die neuronalen Grundlagen nachspürt und dabei überraschende Einsichten gewinnt.

So stellten die Forscher in einer ersten Befragung von 500 Studenten fest, dass es für das Fremdschämen völlig unerheblich ist, ob die beobachtete Person sich absichtlich oder versehentlich in eine peinliche Situation begeben hat - und ob sie sich ihrer Lage überhaupt bewusst ist. Wenn jemand versehentlich mit offenem Hosenlatz herumläuft, ist der Zuschauer ebenso peinlich berührt wie wenn sich jemand willentlich vor Dieter Bohlen zum Deppen macht.

"Das Fremdschämen wird also nicht dadurch ausgelöst, dass man bestimmte physiologische Reaktionen wie etwa Erröten oder einen gesenkten Blick beobachtet", sagt Krach. "Entscheidend ist vielmehr die gedankliche Bewertung einer sozialen Situation."

Dieses Ergebnis konnten die Forscher mit Hilfe der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRI) bestätigen, indem sie Bildkarten mit verschiedenen peinlichen Darstellungen präsentierten.

Auch hier waren die zuständigen Hirnregionen immer ähnlich stark aktiviert - egal ob die Probanden im Scanner eine Situation betrachteten, in der einem Menschen in der Warteschlange die Hose aufplatzt, bei einer Studentin in der Bibliothek versehentlich der Slip aus der Hose blitzt, jemand im Kino absichtlich lautstark mit dem Handy telefoniert oder gar nicht ahnt, dass er einen peinlichen VIP-Anhänger um den Hals trägt.

Unbekannt war hingegen bislang der Ort der Hirnaktivität: Es zeigte sich, dass beim Fremdschämen jene Gehirnregionen besonders aktiv sind, die auch für das Mitempfinden körperlicher oder sozialer Schmerzen anderer zuständig sind. Zu diesem Befund passt, dass jene Probanden hohe Fremdschäm-Aktivität zeigten, die sich in Fragebögen als besonders empathisch erwiesen hatten.

Ungeklärt sei aber noch, wieso Menschen sich zunehmend zu Fernsehabenden verabreden, um sich bei den einschlägigen Sendungen gemeinsam fremdzuschämen. "Es handelt sich eben um sozial-komplexeSituationen und gemischte Gefühle, wo die Forschung noch am Anfang steht", erläutert Krach. "Mag sein, dass da manchmal auch etwas Schadenfreude mitspielt."

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