Hirnforschung:Geradlinig vom Wurm zum Menschen

Der Hirnforscher Gerhard Roth erklärt das menschliche Bewusstsein aus der Evolution heraus. Demnach müssen manche liebgewordene Vorstellungen aufgegeben werden.

Martin Urban

Die Frage "Was ist der Mensch?" hat bereits den Psalmisten bewegt. Er sei wenig niedriger gemacht als Gott, mit Ehre und Herrlichkeit gekrönt, heißt es im 8. Psalm.

Menschlicher Schädel

Unter "Geist" versteht Gerhard Roth mehr als das bewusste Denken, Wahrnehmen und Entscheiden.

(Foto: iStockphoto)

"Wie einzigartig ist der Mensch?", fragt zweieinhalb Jahrtausende später der gelernte Zoologe und Philosoph Gerhard Roth, heute renommierter Neurobiologe der Universität Bremen. Um eine Antwort zu finden, hat er sich und uns die Mühe gemacht, "die lange Evolution der Gehirne und des Geistes" zu studieren. Danach müssen manche liebgewordene Vorstellungen aufgegeben werden. So das aus jenem Psalm abgeleitete Bild, der Mensch sei die "Krone der Schöpfung". Weder die Evolution generell, noch die der Nervensysteme und Gehirne verliefen nämlich geradlinig "vom Wurm zum Menschen".

Roth hat drei große Strategien für die Stammesgeschichte der Sinnesorgane, der Nerven und Gehirne ausgemacht. Die häufigste ist die konservative: Keine Experimente. Bei dem bleiben, was sich bewährt hat. Die zweithäufigste Strategie der Natur: Vereinfache dich und dein Gehirn. Erst die dritthäufigste Strategie ist diejenige, die zum Menschen führte mit der Verfahrensweise: Werde komplexer. Die Stammesgeschichte der Arten ist also nicht identisch mit einer Evolution im Sinne einer generellen Höherentwicklung und Komplexitätszunahme.

Elefanten haben zwar ein großes Gehirn, doch Raben und Papageien sind intelligenter. Sie alle können sich wie Schimpansen und Gorillas und die Delphine im Spiegel erkennen. Vermutlich alle Wirbeltiere, vielleicht sogar auch der Krake, verfügen, so Roth, "über einfache Formen von Bewusstsein". Das "Wissen über das eigene Wissen" scheine bei Delphinen, Schimpansen und unter den Kleinaffen, zumindest bei Makaken, vorhanden zu sein.

"Der Geist beginnt mit dem Leben", schreibt Roth, wobei "Leben" eine spezielle Organisationsform nichtlebender Bausteine ist. Lebewesen sind "selbstherstellende und selbsterhaltende Systeme". Die Verbindung ist wichtig, denn Selbstherstellung allein findet man auch bei der Kristallisation in der unbelebten Natur. Leben ist ein dynamischer Prozess, es muss sich ändern, um weiter existieren zu können. So werden wir älter.

Unter "Geist" versteht Roth mehr als das bewusste Denken, Wahrnehmen und Entscheiden. Er bezeichnet damit vor allem die Fähigkeit des Organismus, Probleme zu lösen, die in seiner natürlichen oder sozialen Umgebung auftreten - was nicht unbedingt bewusst geschehen muss. Eine Kernthese lautet, dass die Bedingungen, unter denen Lebewesen existieren können, "zwangsläufig zur Entstehung kognitiver Leistungen" führen, denn jedes Lebewesen sei darauf angewiesen, die überlebensrelevanten Ereignisse in seiner Umwelt zu erkennen und sein Verhalten danach auszurichten.

Charles Darwin erkannte das Überleben des am besten Angepassten als Evolutionsmechanismus. Evangelikale in den USA bestreiten heute die Evolution mit der Frage: "Warum entwickeln sich die Affen dann nicht weiter?" In der Tat führen Selektionsvorteile und die folgenden Anpassungen meist nicht zum Verschwinden zuvor bestehender einfacherer Funktionen.

Innerhalb einer Art ist, so Roth, das Ergebnis des "Kampfes ums Dasein" eine Ausmerzung weniger günstiger Anlagen - was aber nicht zwingend zur Höherentwicklung führt. Das erkläre, warum manche Strukturen und Funktionen Hunderte Millionen Jahre gleichgeblieben seien. So sind eben nicht aus allen Mücken Elefanten geworden. Auch Geist und Bewusstsein sind natürlichen Ursprungs und Ergebnis einer langen Evolution. Innerhalb dieser Evolution, so resümiert Roth, "haben wir trotz sorgfältiger Suche keinerlei unerklärliche Sprünge entdecken können."

Ebenso wenig wie bisher die Gesetze der Chemie vollständig auf die der Physik zurückgeführt werden können, kann man bisher biologische Gesetze auf die Gesetze der Chemie und der Physik zurückführen. Analog lassen sich die Gesetzmäßigkeiten von Geist und Bewusstsein auch nicht auf physikalisch-physiologische Gesetzmäßigkeiten zurückführen. Aber sie widersprechen den Naturgesetzen nicht. "Sie sind mit ihnen kompatibel, ohne auf sie reduzierbar zu sein", betont Roth: der Kerngedanke eines "nichtreduktionistischen Physikalismus innerhalb der 'Geist-Hirn-Debatte'."

Man könne von einem physikalisch-chemisch-biologischen Zustand des Geistes sprechen, "ohne in der Lage sein zu müssen, alle Gesetzmäßigkeiten reduktiv erklären zu können". Roth nennt das eine naturalistische Theorie des Geistes.

Das Buch ist sehr detailliert. Allein die Verwendung der hirnanatomischen Fachbegriffe ist für Laien eine Herausforderung, trotz der vorzüglichen Farbtafeln und Abbildungen. Eine wichtige Hilfe ist, dass der Autor am Ende jedes Kapitels zusammenfassend erklärt: "Was sagt uns das?"

Das Buch von Gerhard Roth informiert, dem aktuellen Stand des Fachwissens entsprechend, über naturwissenschaftliche Grundlagen für eine Debatte, die endlich wieder, über Revierkämpfe hinausgehend, Natur- und Geisteswissenschaftler miteinander ins Gespräch bringen kann.

Gerhard Roth

Wie einzigartig ist der Mensch?

Die lange Evolution der Gehirne und des Geistes

Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg 2010.

ISBN 978-3-8274-2147-0

437 Seiten,

24,95 Euro.

© SZ vom 7.12.2010/mcs
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