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Ethik und Forschung:Sollten Mathematiker einen hippokratischen Eid leisten?

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Menschen müssen vor der Macht der Algorithmen geschützt werden.

(Foto: imago)

Wissenschaftlern kommt gerade im Umgang mit Computern eine enorme ethische Verantwortung zu. Allzu oft fehlt ihnen das Bewusstsein dafür.

Klar, man darf es missbilligen, wenn ein begabter Programmierer beim chinesischen Geheimdienst anheuert, nur weil dort der Gehaltsscheck überzeugender aussieht als in der Cybercrime-Abteilung im Polizeipräsidium. Es ist moralisch verdienstvoller, Kinderpornografen zu jagen, als Code für einen Überwachungsstaat zu schreiben. So klingt es erst mal wie eine gute Idee, wenn die Mathematikerin Hannah Fry vom University College London einen Hippokratischen Eid für Mathematiker und Computer-Wissenschaftler fordert. In diesem sollen die Forscher - ähnlich wie früher die Ärzte - versichern, dass sie ihr Wissen nicht gegen die Gesellschaft richten. Doch diese Idee greift zu kurz.

Richtig ist es, dass die Menschen dringend vor der Macht der Algorithmen geschützt werden müssen. Immer noch fehlt es an Bewusstsein, was bereits jetzt und erst recht in Zukunft möglich sein könnte. Es geht um kleine Betrügereien, etwa wenn eine Online-Partnervermittlung die Suche künstlich verlängert, damit länger das Abo gezahlt wird. Es geht um existenzielle Risiken, wenn vielleicht eines Tages eine Software sehr genau das individuelle Krankheitsrisiko bestimmen kann und dann nach Marktgesetzen die Prämie für den Gesundheitsschutz berechnen kann. Es wäre das Ende des Versicherungsprinzips.

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Hier zeigt sich das erste Problem mit Frys Vorschlag: Wie so häufig in der Wissenschaft, lässt sich eine Technologie auf der Ebene der Forschung gar nicht abschließend ethisch bewerten. Risikoanalysen für Krankheiten können der Prävention dienen oder den Versicherungsschutz aushebeln. Das gilt erst recht für die Grundlagenforschung, bei der nicht absehbar ist, wohin sie führt. Kann man Otto Hahn und Lise Meitner für die Entwicklung von Kernwaffen verantwortlich machen? Oder gar Enrico Fermi?

Bei Robert Oppenheimer, dem wissenschaftlichen Leiter des Manhattan-Projekts zum Bau der ersten Atombombe, mag das anders sein. Doch auch bei solchen Projekten gilt: Für ethische Fragen ist erst mal die Gesellschaft als Ganzes zuständig - und zunehmend auch die großen Unternehmen, zumal ein weiteres Problem hinzukommt: Insbesondere in den Lebenswissenschaften sind die Verhältnisse unendlich komplexer als zu Zeiten Hippokrates'. Sein Gebot, Kranken nicht zu schaden, hilft nicht bei der Entscheidung, wie weit neue Gentechnologien gehen dürfen. Genauso wenig lassen sich viele Fragen der digitalen Ethik einfach per Daumenregel klären.

Es kann nicht schaden, wenn die jungen Wissenschaftler an ihre gesellschaftliche Verantwortung erinnert werden, und sei es durch einen symbolischen Eid. Doch das darf kein Vorwand dafür sein, ethische Fragen zu privatisieren.

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