Hightech im Supermarkt:Kleine Spitzel im Einkaufskorb

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Inzwischen läuft bei den potenziellen, künftigen Nutzern der Technik bereits eine Reihe von Pilotprojekten. Verkehrsgesellschaften etwa wollten "die Fahrausweise ihrer Kunden mit Transpondern versehen, die einem zentralen Abrechnungssystem mitteilen, wann wer welche Verkehrsverbindung genutzt hat", schreibt BSI-Präsident Udo Helmbrecht im Vorwort der Studie.

Ohne Zweifel lässt sich mit solchen Daten der öffentliche Nahverkehr besser planen - andererseits werden die Kunden durch die Daten zunehmend durchschaubar.

So hinterlassen RFID-Systeme sowohl zeitlich als auch örtlich sehr viele Datenspuren, die auch nachträglich rekonstruiert werden können. Damit sind prinzipiell Bewegungs- und Kontaktprofile jedes Menschen möglich, "selbst wenn die Daten ursprünglich in einer pseudonymisierten oder anonymisierten Form vorliegen", schreiben die Autoren.

Ein Kernproblem des Systems liegt also in seinem großen Vorzug: RFID-Systeme bringen die virtuelle Welt der Daten mit der der realen Objekte zusammen. Denn jedes Objekt bekommt eine elektronische Seriennummer und lässt sich damit eindeutig identifizieren und lokalisieren. Theoretisch könnte man jedem Atom ein elektronisches Etikett zuweisen.

"Verarbeitete man früher mit der EDV Daten, so erfasst man jetzt - automatisch, online und in Realzeit - die physischen Phänomene selbst, was in einem viel größeren Umfang möglich ist und eine ganze neue Qualität von Resultaten ermöglicht", sagen Friedemann Mattern und Kay Römer von der ETH Zürich.

Mahnung zur schnellen Anonymisierung

Die Studie mahnt deshalb zwei Dinge an: erstens Datensparsamkeit und zweitens schnelle Anonymisierung. "Auf der Grundlage von RFID-Systemen können Daten sehr viel leichter als bisher gesammelt werden", schreiben die Autoren - und fordern mehr Transparenz. Es gelte, der zunehmenden Undurchschaubarkeit der technischen Systeme weltweit entgegen zu wirken.

Dies wird angesichts der Globalisierung zunehmend schwieriger. Inwieweit RFID-Anwendungen den bereits durch andere Systeme wie Kreditkarten oder Mobiltelefone erzeugten Datenspuren ein relevantes Bedrohungspotenzial hinzufügen, ist unter Fachleuten umstritten.

"Im Vergleich zur Benutzung von Mobiltelefonen erzeugt die Benutzung von RFID-Tags wesentlich präzisere Datenspuren, da nicht nur der geografische Aufenthaltsort, sondern die konkrete Interaktion mit vorhandenen Betrieben und Infrakstrukturen festgestellt werden kann." Diese Möglichkeiten wecken auch Begehrlichkeiten.

So arbeitet das Massachusetts Institute of Technology an einem RFID-System, bei dem beliebig viele Interessenten in Echtzeit auf die Daten zugreifen können.

Daten könnten abgehört werden

In punkto Datensicherheit gibt es zwei kritische Stellen: Der Zugriff auf Datenbanken, auf denen gesammelte Informationen gespeichert sind und die Luftschnittstelle zwischen Funkchip und Lesegerät. Hier lassen sich Daten möglicherweise abhören.

"Das Risiko wächst mit der maximalen Lesedistanz", schreiben die Autoren der Studie. An der Luftschnittstelle könnten im Prinzip mit geeigneten Lesegeräten auch Unbefugte auf Daten zugreifen, ohne Spuren zu hinterlassen.

Und wer will schon, dass etwa auf dem Weg zum Flughafen jemand mit einem Lesegerät durch die Reihen läuft und Daten aus allen Pässen ausliest?

Solche Gefährdungslagen sind bekannt und Sicherheitsexperten arbeiten an Gegenmaßnahmen: Lässt sich ein Chip im Pass etwa nur dann aktivieren, wenn der Pass geöffnet auf einem Scanner liegt? Doch wie bei anderen Technologien auch werden sich einige Sicherheitslücken erst im Praxiseinsatz zeigen.

Technische Probleme

Viele RFID-Systeme kämpfen noch mit technischen Problemen. So klappt die Übertragung nicht immer. Metall und Wasser schirmen die Funkwellen ab, ein RFID-Chip auf einer Dose funktioniert nicht. Zudem nutzen gängige Systeme derzeit verschiedene Frequenzen im Kilo- und Megahertzbereich. Weltweit gültige Standards wie im Mobilfunk gibt es noch nicht. Bis dahin bleibt Zeit für eine gesellschaftliche Diskussion.

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