Süddeutsche Zeitung

Insekten:Heuschreckenplage bedroht Ostafrika

  • In Ostafrika, aber auch in Pakistan fallen ungewöhnlich große Heuschreckenschwärme über das Ackerland her.
  • Mehrere Länder haben aufgrund drohender Hungersnöte bereits den Notstand ausgerufen.
  • Die Situation könnte sich in den kommenden Monaten der Regenzeit noch verschärfen.

Die schlimmste Heuschreckenplage seit Jahrzehnten wütet derzeit in Ostafrika und könnte in manchen Ländern eine Hungersnot zur Folge haben. Riesige Schwärme der Afrikanischen Wüstenheuschrecke fallen über Felder in Äthiopien, Somalia und Kenia her. Somalia hat aus diesem Grund den nationalen Notstand ausgerufen. Ähnlich katastrophal ist die Situation in Pakistan, wo die Regierung am Wochenende ebenfalls den Notstand deklariert hat. Wanderheuschrecken sind dort aus Iran eingedrungen und haben sich über Weizen, Mais und anderes Getreide hergemacht.

Nach Angaben der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) ist die aktuelle Plage "von einer Dimension, die weit über die Norm hinausgeht". In Afrika haben sich offenbar mehrere Schwärme gebildet, einige haben die Ausdehnungen großer Städte. Bis zu 150 Millionen der fingerlangen, gelborangen Wanderheuschrecken lassen sich auf einem Quadratkilometer Ackerland nieder. Jedes einzelne dieser Tiere vertilgt pro Tag so viel Biomasse wie es selbst wiegt. Befallene Felder sind innerhalb kürzester Zeit kahl gefressen. Dann ziehen die Tiere mit einer Geschwindigkeit von bis zu 150 Kilometer pro Tag weiter. Dabei bewegen sie sich mit dem Wind, sodass der Schwarm zusammenhält.

Der Klimawandel hat die starke Vermehrung der Insekten womöglich begünstigt

Eine Entspannung der Situation ist nicht in Sicht. Im Gegenteil: Im März regnet es in den betroffenen Region normalerweise, was zur Folge haben wird, dass sich die Heuschrecken weiter vermehren. Im Extremfall könnte ihre Zahl um das Fünfhundertfache ansteigen, warnt die FAO. Erst im Juni, wenn die Regenfälle aufhören und die Böden austrocknen, dürfte sich die Zahl der Tiere auf natürlichem Weg wieder verringern.

Ungewöhnlich viel Regen war vermutlich auch der Auslöser der aktuellen Krise. Im vergangenen Jahr war die Wirbelsturmsaison in Ostafrika besonders heftig. Acht Zyklone registrierten Wissenschaftler im Jahr 2019, normalerweise gibt es einen oder zwei. Manche Experten sehen darin eine Folge des Klimawandels, der dazu führt, dass extreme Wetterereignisse zunehmen.

Sicher ist, dass hohe Feuchtigkeit den Larven der Afrikanischen Wüstenheuschrecke das Signal gibt, aus ihren Eiern zu schlüpfen. Dort wo es feucht ist, wachsen in der Regel auch Pflanzen, sodass die jungen Insekten genug zu fressen finden. Zunächst entwickelt sich die sogenannte solitäre Variante, gelbgraue bis ockerfarbene Heuschrecken, die einzeln leben. Wenn die Umweltbedingungen günstig bleiben - aus Sicht der Insekten bedeutet das hohe Temperaturen und Regen -, vermehren sich die Tiere immer weiter. Anders als viele andere Heuschreckenarten legen die Weibchen der Afrikanischen Wüstenheuschrecke nicht nur einmal, sondern mehrmals im Jahr Eier. Wenn die Dichte der Tiere einen Schwellenwert überschreitet, schlüpfen aus den Eiern Nachkommen, die sich sowohl im Aussehen als auch im Verhalten von ihren Eltern unterscheiden. Diese sogenannte gregäre Variante ist größer und hat längere Flügel. Je mehr dieser Tiere schlüpfen, umso dichter hocken sie zusammen und um so öfter stoßen die Insekten mit ihren Hinterbeinen aneinander. Dieser Berührungsreiz ist es nach neuesten Forschungsergebnissen, der die Heuschrecken schließlich dazu veranlasst, sich zu einem Schwarm zusammenzuschließen und abzuheben.

Auf dem afrikanischen Kontinent ziehen die Tiere derzeit von Kenia in Richtung Uganda und den politisch instabilen Südsudan, wo schon jetzt fast die Hälfte der Bevölkerung nicht genug zu essen hat. Manche Schwärme bewegen sich nach UN-Angaben auch in Richtung des äthiopischen Grabenbruchs, eine der bevölkerungsreichsten Regionen Afrikas. In Kenia, wo ein Schwarm mit einer Länge von 60 Kilometern und einer Breite von 40 Kilometern unterwegs ist, versucht man derzeit verzweifelt, die Insekten zu stoppen.

Dabei arbeiten Teams am Boden mit Flugzeugen zusammen: Bodentruppen geben die Koordinaten befallener Felder an die Piloten weiter. Diese besprühen die Heuschrecken aus der Luft mit Insektiziden. Kurz darauf ist der Boden mit toten Tieren übersät. Doch vielerorts fehlt das Geld für derart aufwendige Aktionen. Die lokalen Bauern versuchen dann auf traditionelle Weise, die Schwärme abzuwehren: indem sie laut mit Pfannen und Töpfen klappern.

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Quelle:
SZ vom 05.02.2020
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