Haustiere:Die Zähmung des Mördervogels

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Der Helmkasuar hat sehr scharfe Krallen, die auch Menschen gefährlich werden können.

(Foto: Dieter Möbus/imago)

Schon vor 18 000 Jahren haben Menschen wahrscheinlich Helmkasuare domestiziert. Das war sehr viel gefährlicher als die Haltung von Hühnern, die deutlich später begann.

Von Katrin Blawat

Viele nehmen für sich in Anspruch, es nicht leicht im Leben zu haben. Einer, für den das wohl tatsächlich zutrifft, ist der Helmkasuar. Der mächtige Vogel wiegt um die 70 Kilo, kann nicht fliegen, dafür aber sehr schnell rennen und lebt in den Wäldern Neuguineas und Teilen Australiens. Das an sich ist noch kein schweres Schicksal. Doch kaum ist der Helmkasuar aus seinem Ei geschlüpft, muss er mit dem Attribut leben, der "gefährlichste Vogel der Welt" zu sein. In der Tat sind seine scharfen Krallen eine wirkmächtige Waffe, die einen Menschen töten kann. 2019 wurde der Besitzer eines in Gefangenschaft lebenden Kasuars in Florida getötet, der seinem Vogel ein Ei wegnehmen wollte, um es zu verkaufen. Solche Angriffe kommen zwar sehr selten vor, dennoch hat der Vogel seinen Ruf weg als "moderner Velociraptor" oder "Mördervogel".

Das war offenbar nicht immer so. Vor langer, überraschend langer Zeit haben die Bewohner des heutigen Neuguineas bereits die Vorzüge des großen Vogels entdeckt - vor allem sein schmackhaftes Fleisch. Um an dieses leichter heranzukommen, haben die Menschen offenbar schon vor 18 000 Jahren Eier des Kasuars an sich genommen, sie ausbrüten lassen und womöglich sogar die Küken bis zu einem gewissen Alter aufgezogen. Letzteres sind bislang zwar lediglich - je nach Standpunkt eher forsche bis plausible - Schlussfolgerungen. Doch sollte sich diese Theorie, die ein Team um Kristina Douglass von der Pennsylvania State University im Fachmagazin PNAS beschreibt, als richtig herausstellen, dürfte es sich damit um den ältesten Ansatz der Domestikation von Vögeln handeln.

Für ihre Studie untersuchten die Wissenschaftler in Museen aufbewahrte Überreste von Eierschalen verschiedener Kasuare. Für archäologische Studien ist das kein besonders übliches Probenmaterial - zu Unrecht, wie die Autoren mit einigem Pathos schreiben: "Die Schalen von Vogeleiern sind ein Schlüsselmaterial, um die Evolution komplexen menschlichen Verhaltens zu verstehen."

Gegessen wurden wahrscheinlich vor allem die Ober- und Unterschenkel der Vögel

Unter anderem mithilfe von dreidimensionalen Lasermikroskopen konnten Douglass und ihre Kollegen ermitteln, wie weit entwickelt das jeweilige Ei bereits gewesen war. Dabei zeigte sich ein Muster: Vor allem die etwas jüngeren Proben mit einem Alter zwischen 9000 und 11 000 Jahren stammten von Eiern, in denen die Küken schon sehr weit entwickelt und wohl kurz vor dem Schlüpfen gewesen waren.

Aus dieser Erkenntnis und weiteren Analysen leiten die Forscher ihre Theorie ab: Anfangs hätten die Menschen wohl vor allem die Eier der Kasuare gegessen. Doch irgendwann könnten sie darüber hinaus auf die Idee gekommen sein, die Küken schlüpfen und heranwachsen zu lassen. Schließlich befindet sich selbst an einem lediglich halbwüchsigen Kasuar einiges an gutem Fleisch. "Als flugunfähiger Vogel mit extrem reduzierten Flügeln dürften vor allem der Ober- und Unterschenkel das meiste Fleisch geliefert haben", schreiben die Autoren. Allerdings halten selbst sie es für unwahrscheinlich, dass Kasuare in einem ähnlichen Ausmaß als Nutztiere gehalten wurden, wie man es von den ersten Hühnern in menschlicher Obhut kennt. Dennoch: Huhn und Homo sapiens fanden erst vor etwa 8000 Jahren zueinander. Zu diesem Zeitpunkt hatten der aktuellen Studie zufolge Mensch und Kasuar bereits einige gemeinsam verbrachte Jahrtausende hinter sich.

Selbst wenn Kasuarküken als Lieferanten tierischen Eiweißes großgezogen wurden, ging es ihnen damit auf lange Sicht immer noch besser als vielen anderen großen Tieren, auf die die ersten Bewohner Neuguineas gestoßen waren. Die Besiedelung der Gegend begann vor mehr als 40 000 Jahren. Damals waren die dortigen Wälder noch weit weniger zugänglich als heute und außer von Kasuaren unter anderem bevölkert von Riesenkängurus und Beutelwölfen. Was dann geschah, lässt sich nicht genau rekonstruieren, doch das Ergebnis steht fest: Der Mensch breitete sich immer weiter aus, Riesenkänguru und Beutelwolf starben im Lauf der Jahrtausende aus. Das gleiche Schicksal ereilte andere große Laufvögel wie den Elefantenvogel in Madagaskar und den Moa in Neuseeland. Es sei falsch anzunehmen, dass erst der sesshaft gewordene und Landwirtschaft betreibende Mensch die Landschaft tiefgreifend verändert habe, schreibt das Team um Douglass. Auch Jäger-Sammler-Gemeinschaften hätten bereits erheblich in die Ökosysteme eingegriffen - mit teils fatalen Folgen für viele Tierarten.

Warum ausgerechnet der Kasuar überlebt hat, ist unklar. Doch erlaubt das auch den heutigen Bewohnern Neuguineas noch, sich das Fleisch dieser Vögel schmecken zu lassen und sich in religiösen Ritualen mit ihren Federn zu schmücken oder mit ihnen zu handeln. Daran scheint sie auch die angeblich so gewalttätige Natur des Kasuars nicht zu hindern; die Küken sind recht umgänglich.

Gefährlich können jedoch ausgewachsene Männchen werden. Bei den Helmkasuaren übernehmen sie die gut anderthalb Monate dauernde Brut der Eier und die Aufzucht der Jungen. Ist das Gelege erst geschlüpft, versteht der Vater keinen Spaß mehr. Verschärft wird die Situation durch das Zurückdrängen des Regenwalds. Dadurch treffen Mensch und Kasuar häufiger aufeinander, obwohl die Vögel eigentlich ausgesprochen scheu sind. So gesehen, bleibt nicht viel Mörderhaftes übrig, was man dem Kasuar anhängen könnte. Und ein Papa, der sich schützend vor seine Kinder stellt - ist das nicht auch ein kleines bisschen sympathisch?

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