Süddeutsche Zeitung

Havarie an der Loreley:Pech und Schwefel

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Damit die "Waldhof" nicht zerbricht, wird Säure aus dem Tanker in den Rhein geleitet. Negative Auswirkung auf die Gewässerökologie hat das angeblich nicht.

S. Beck und Chr. Berndt

Die Experten der niederländischen Firma Mammoet sind riskante Aufträge gewohnt. Im Jahr 2001 hoben sie das russische Atom-U-Boot Kursk aus dem Nordmeer. Ihr aktuelles Einsatzgebiet bei St.Goarshausen im Rheintal nimmt sich dagegen zwar idyllisch aus, doch die Arbeit ist auch hier gefährlich: "Sehr komplex" sei die Bergung des havarierten Tankers, sagte Mammoet-Sprecher Johan Pastoor.

Seit fast drei Wochen versucht das Unternehmen nun schon, die mehr als 2000 Tonnen Schwefelsäure aus der gekenterten Waldhof abzupumpen. Ein Teil der giftigen Ladung konnte von einem anderen Schiff inzwischen abtransportiert werden.

Doch am Montag mussten die Bergungsexperten zum letzten Mittel greifen: Sie ließen aus Sicherheitsgründen einen Teil der Säure kontrolliert in den Fluss ab. Das Wrack habe sich wie eine Banane durchgebogen, sagte Bergungsleiter Reimer Druschel. Im schlimmsten Fall hätte es auseinanderbrechen können. Für die Mannschaft wäre die unkontrollierte Vermischung von Flusswasser und Säure lebensgefährlich gewesen.

Deshalb wurden auch am Dienstag noch bis zu zwölf Liter Schwefelsäure pro Sekunde in den Rhein abgelassen. An diesem Mittwoch soll die Aktion voraussichtlich abgeschlossen sein. Erst danach kann mit der eigentlichen Hebung des Schiffes begonnen werden. Der Unfall vom 13.Januar hat den Verkehr auf Europas wichtigster Wasserstraße zeitweise völlig zum Erliegen gebracht.

Den Schifffahrtsbehörden zufolge wird das Ablassen der Säure keine negativen Auswirkung auf die Gewässerökologie haben. Das bestätigt auch Nikolaus Korber, Professor für Anorganische Chemie an der Universität Regensburg. Er findet sogar, dass es überfällig sei, die Säure in den Rhein abzulassen: "Konzentrierte Schwefelsäure ist sehr gefährlich, aber hochverdünnte ist ungefährlich."

Daher sei das kontrollierte Verklappen die beste Methode zur Beseitigung. Im Wasser wird die Säure zu harmlosen Sulfat-Ionen und aggressiveren Hydronium-Ionen, die den pH-Wert des Flusses senken. "Der pH-Wert sollte nicht saurer als sechs werden", sagt Korber. Nach Mitteilung der Behörden lag der pH-Wert in 200 Meter Abstand von der Waldhof bei 6,2. Während zwölf Liter Schwefelsäure pro Sekunde in den Rhein gelangen, fließen 1,6 Millionen Liter Wasser vorbei. "Das ist ein Verdünnungsgrad, der unproblematisch ist", erklärt Korber.

Mit Unbehagen hat der Chemie-Professor in den vergangenen Wochen die Diskussion um die Bergung der Säure verfolgt. Weil dabei mit der konzentrierten Säure gearbeitet werde, sei das Risiko für das Personal viel zu hoch. Denn wenn kleine Mengen Wasser in die Säure gelangen, erhitzt es sich und kann verspritzen. Nicht das Wasser in die Säure, sonst geschieht das Ungeheure, lernen Chemiestudenten im ersten Semester.

Der Chemiker hält Wasserwege aber nach wie vor für die sicherste Art, Schwefelsäure zu transportieren. Die Chemikalie wird in großen Mengen in der Düngemittelherstellung, der Metall- und der Papierindustrie benötigt. "Wenn beim Transport mit einem Tanker etwas passiert, dann fließt die Säure ins Wasser", sagt Korber. "Und genau das ist der Weg, auf dem man konzentrierte Schwefelsäure entsorgen sollte."

Der Verkehr auf dem Rhein hat sich inzwischen weitgehend normalisiert. Zwar gebe es an der Unglücksstelle noch Wartezeiten, sagte Florian Krekel vom Wasser- und Schifffahrtsamt in Bingen. Der Stau der vergangenen Wochen habe sich jedoch so gut wie aufgelöst, seitdem die Schiffe auch flussabwärts den Engpass wieder passieren dürfen. Zeitweise lagen bis zu 400 Schiffe auf dem Rhein fest, einzelne Unternehmen mussten sogar ihre Produktion aus Mangel an Nachschub drosseln.

Die Ursache für das Unglück steht auch nach der Vernehmung der beiden überlebenden Besatzungsmitglieder immer noch nicht fest. Nach den beiden Toten auf der Waldhof suchten Taucher bisher vergeblich: Die zerstörten Wohnräume liegen teilweise unter Wasser. Sie können erst betreten werden, wenn das Wrack des Tankers wieder schwimmt. Das kann nach Angaben der Behörden noch bis nächste Woche dauern. Eine vergleichbare Havarie, sagt Krekel, habe es auf dem Rhein noch nie gegeben.

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Quelle:
SZ vom 09.02.2011
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