Haustiere Die erste Geflügelfarm

Seit rund 8000 Jahren leben Hühner und Menschen zusammen. Die längste Zeit war das Geflügel wahrscheinlich mehr Zierobjekt als Nahrungsquelle.

(Foto: Joern Pollex/Getty)

Knochenfunde im Süden Israels deuten darauf hin, dass der Mensch vor etwa 2400 Jahren begann, Hühner im großen Stil zu halten und zu nutzen. Zuvor waren die Tiere wohl eher eine Zierde.

Von Hanno Charisius

Wahrscheinlich weil es so anspruchslos ist, zählt das Huhn zu den am weitesten verbreiteten domestizierten Tieren der Welt. Seit Jahrtausenden lebt es in Nachbarschaft mit Menschen, und man fragt sich mitunter, was es selbst davon hat. Schließlich endet es früher oder später in den meisten Fällen im Kochtopf, und bis dahin muss das Huhn auch noch den größten Teil seines Geleges an die Menschen abtreten. Rätselhaft war bislang auch, wann die Ausbeutung des Huhns durch den Menschen begann. Ein Knochenfund im Süden Israels gibt nun neue Einblicke in die Kulturgeschichte des Federtiers. Der Fundort war vor etwa 2400 Jahren womöglich eine der ersten Geflügelfarmen der Welt.

Die gezielte Zucht gackernder Proteinlieferanten begann wohl erst im 18. Jahrhundert

In den Ruinen der hellenistischen Stadt Maresha fanden vier israelische Archäologen von der Universität von Haifa ungewöhnlich viele Hühnerknochen aber auch zahlreiche Darstellungen von Hühnern an den Wänden. Kerben an den Knochen interpretieren die Forscher als Kennzeichen der Fleischverarbeitung. Im Verhältnis zu anderen Tierknochen sei der Anteil der Geflügelgebeine in Maresha besonders hoch, schreiben Guy Bar-Oz und seine drei Kollegen im Fachblatt PNAS. Etwa jeder dritte gefundene Knochen stammte von einem Huhn. Frühere Funde in anderen Siedlungen zeigten einen Geflügelanteil von maximal 13 Prozent. Das führt Bar-Oz zu der Vermutung, dass in Maresha systematisch Geflügel geschlachtet wurde. Besonders viele Knochen stammten von weiblichen Tieren. Das lasse vermuten, dass die Hühner unter anderem wegen ihrer Eier gehalten wurden.

Tatsächlich ist die Geschichte des Haushuhns viel schwieriger nachzuvollziehen als die von größeren Haustieren, weil die kleinen Knochen der Vögel im Boden nicht so gut erhalten bleiben wie die von Säugetieren. Aufgrund der neuen Daten unterteilen Bar-Oz und seine Kollegen die Domestizierungsgeschichte des Huhns nun in drei Phasen. Die erste begann vermutlich etwa vor 8000 Jahren mit der ersten Domestizierung des Huhns zu etwa derselben Zeit an mehreren Orten in Südostasien und China. Alle heutigen Haushuhnrassen stammen vom Bankivahuhn ab, das heute noch wild lebt unter anderem in Thailand, Birma, Indonesien, auf den Philippinen und auch in Indien. Inwieweit das Huhn damals schon als Eierlieferant geschätzt wurde, ist unklar, Eierschalen sind extrem rar unter archäologischen Fundstücken. In jedem Fall wurden die Hühner wegen ihres prächtigen Federkleides geschätzt, es wird vermutet, dass sie als Exoten für Hahnenkämpfe oder rituelle Zwecke gehalten wurden, das schließen Forscher aus Abbildungen. Die zweite Phase des Zusammenlebens von Mensch und Huhn begann wohl vor etwa 4000 Jahren. Knochenfunde aus Indien bezeugen, dass das Huhn dort wohl ein weiteres Mal domestiziert wurde - wieder wahrscheinlich weniger als gackernder Proteinlieferant, sondern mehr als Schmuck- oder Kampftier für Hahn-gegen-Hahn-Wettbewerbe. Etwa aus dieser Zeit stammen auch die ältesten bekannten Hühnerknochen in Ägypten. Damit tauchen Hühner zum ersten Mal eindeutig außerhalb des natürlichen Verbreitungsgebiets ihrer wild lebenden Vorfahren auf, wenn auch noch sehr selten. Zeichnungen aus jener Zeit zeigen fast nur Hähne, was zu der Vermutung führt, dass die Tiere dort ebenfalls anfangs eher nicht als Nahrungsquelle dienten, sondern die Gärten von reichen Menschen schmücken durften oder zu Kämpfen gezwungen wurden. In der dritten Phase begann das Huhn vor etwa 2800 Jahren Europa zu erobern. Wahrscheinlich brachten Phönizier die Tiere auf ihren Eroberungszügen mit in den Nordwesten. 600 Jahre vor unserer Zeitrechnung gelangten Hühner zum ersten Mal über die Alpen. Davon zeugen Knochenfunde aus der frühgeschichtlichen "Heuneburg", 50 Kilometer südwestlich von Ulm. Anderes Ziergeflügel wie Fasane und Flamingos wurden längst nicht so rasch verbreitet wie das Haushuhn. Forscher vermuten, dass Hühner vor allem im Nahen Osten die damals als Haustiere vorherrschenden Schweine rasch verdrängten, weil sie einfacher zu halten waren und weniger Wasser und Futter für ihr Wachstum brauchten.

Nach Amerika kam das Huhn wahrscheinlich erst mit den europäischen Siedlern. Wohl erst im 18. Jahrhundert begann dort die systematische Zucht von Hühnern. Seither werden sie durch geschickte Verpaarungen auf hohe Muskelmasse und Eierlegefrequenz getrimmt. Es gibt auch Rassen, die auf ausdauerndes Krähen hin optimiert wurden. Aber diese sind bislang kein großer kommerzieller Erfolg.