Ökologischer Hausbau Auf Strohbaustellen gibt es weder Motorenlärm noch Dieselschwaden

Sobald das Holzständerwerk steht und das Dach gedeckt ist, kann es losgehen. Schweres Gerät ist unnötig; alles was gebraucht wird, sind Handkreissäge, Akku-Schrauber und viele helfende Hände. Selbst Kinder können anpacken. Mit Fausthieben, kräftigen Tritten und schweren Holzhämmern wird das Stroh ins Fachwerk getrieben und sorgfältig in jede noch so kleine Öffnung gepresst. Auf Strohbaustellen gibt es weder Motorenlärm noch Dieselschwaden, die Arbeit wird begleitet von Vogelgezwitscher und einem feinen Duft nach Scheune. Sitzt das Stroh fest im Fachwerk, rückt die Putzkolonne an. Außen trägt man Kalkputz auf; innen Lehmputz in drei Lagen: "Zunächst eine fette Lehmschlemme als Haftgrund, darauf einen Grobputz und schließlich den Feinputz", erläutert Benjamin Krick. Beim Verputzen sei handwerkliches Geschick gefragt, insbesondere die Übergänge zum Fachwerk müssten sorgfältig ausgeführt werden. Wer sich das nicht zutraut, sollte die Dienste einer Fachfirma in Anspruch nehmen. Das empfiehlt sich auch für Heizungs-, Sanitär- und Elektroarbeiten. Machen die Fremdfirmen keinen Strich durch die Rechnung, ist ein auf diese Weise gebautes 150-Quadratmeter-Haus in nur sechs Monaten bezugsfertig.

Strohhausbewohner schwärmen einhellig von ­einem behaglicheren und gesünderen Wohnklima. Zudem müsse kaum geheizt werden, da das natürliche Material wesentlich besser isoliere als herkömmliche Dämmstoffe. Da könnte etwas dran sein, bestätigt Marc Klatecki, der an der Universität Kassel den Baustoff Stroh erforscht hat. Mit lehmverputzten Strohwänden sei es problemlos möglich, die Kriterien des Passivhausstandards zu erfüllen. Als Passivhaus ist ein Gebäude definiert, das höchstens 15 Kilowattstunden (kWh) Heizwärme pro Quadratmeter und Jahr benötigt. Zum Vergleich: Dieser Wert liegt momentan deutschlandweit bei durchschnittlich ­­160 Kilowattstunden.

Klimaneutral und umweltfreundlich

Hinzu kommt eine ganze Handvoll raumklimatischer Qualitäten, die insbesondere in Verbindung mit Lehmputz ihre Wirkung entfalten: "Während Stroh die Wände warm hält, nimmt Lehm überschüssige Luftfeuchtigkeit auf und gibt sie nach und nach wieder ab", führt der Bauphysiker aus. "Dadurch ist die Luftfeuchte im Raum immer perfekt ausbalanciert." Zudem neutralisiere Lehm in der Luft schwebende Geruchsstoffe.

Neben dem Wohnklima ist der Baustoff aus Getreidehalmen auch dem Weltklima zuträglich. Denn Stroh ist klimaneutral, wächst jedes Jahr nach und für seine Transformation zum Baustoff wird lediglich etwas Dieseltreibstoff für Traktor und Ballenpresse benötigt. Zudem wird Stroh "pur" verbaut: Die einzigen Zusatzstoffe, die ein Strohballen enthält, sind die Schnüre, mit denen er gebunden wird. Das mutet archaisch an, ist aber im Vergleich zu herkömmlichen Baustoffen wie Stahl oder Beton, die unter höchstem Einsatz von Energie und Ressourcen hergestellt werden, äußerst umweltfreundlich.

Und wie lange halten Strohhäuser? Das Haus Burke in der Kleinstadt Alliance in Nebraska, das älteste selbsttragende Strohballenhaus der Welt, steht seit 1903. Das Haus Feuillette im französischen Montargis, ein zwei­stöckiger Fachwerkbau mit Strohballenausfachung, wurde 1921 fertiggestellt und ist bis heute bewohnt. "Es gibt kein Verfallsdatum", sagt Architekt Dirk Scharmer. "In den USA habe ich über 100 Jahre alte, völlig intakte Strohwände gesehen, deren Halme noch immer goldgelb waren."

Und anders als bei konventionellen Steinbauten, von denen am Ende ihrer Lebenszeit ein Haufen Schutt bleibt, der fachgerecht entsorgt werden muss, fügt sich ein Strohhaus, sollte es tatsächlich eines ­Tages baufällig werden, nahtlos in den natürlichen Kreislauf. Man kann es problemlos im Garten kompostieren.

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