Ökologischer Hausbau In Paris wurden sogar Schulen in Strohballenbauweise errichtet

Die Idee, aus Strohballen Häuser zu bauen, ist schon über 150 Jahre alt. Sie stammt von Bauern in Nebraska, einem US-Bundesstaat, in dem es kaum Wald gibt, dafür jedoch schier unendliche, wogende Getreidefelder. Der Mangel an Holz beförderte die Suche nach alternativen Baumaterialien und die Erfindung der Strohballenpresse in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wies den Weg. Mit Hilfe der Presse verwandelten sich Ernteabfälle in stabile ­Blöcke, die wie riesige Ziegel übereinandergeschichtet wurden. An die rustikalen Ursprünge des Strohballenbaus erinnert die heutige Bezeichnung "Nebraska-Style" für die damals allgemein übliche, sogenannte lasttragende Bauweise, bei der die Strohballen sowohl die statische als auch wärmedämmende Funktion übernahmen. Die Kombination aus tragendem Holzständerwerk mit Stroh als Wand- und Dämmstoff entwickelte sich dagegen erst in den 30er Jahren, als man begann, zweigeschossige Strohballenhäuser zu errichten. Nach Angaben des Fachverbandes Strohballenbau Deutschland (FASBA) stehen heute in den USA rund 14 000 Strohhäuser.

Auch Europa baut auf Stroh: Die Technik ist unter anderem in Polen, Österreich, der Schweiz und den Niederlanden verbreitet. In der nordenglischen Stadt Leeds wurde 2014 eine Siedlung mit fünf dreistöckigen Wohnblocks und acht Reihenhäusern aus vorgefertigten Holzrahmen, Strohballenausfachung und Lehmputz fertiggestellt. "Europaweit hat allerdings Frankreich die Nase vorn", sagt Dennis Harms, Architekt und FASBA-Vorstand. Dort stehen 5000 bis 6000 Strohbauten, schätzt er: "In Paris gibt es sogar Schulen und Kindergärten, die in Strohballenbauweise errichtet wurden." Deutschland hinkt da hinterher: Auf etwa 500 schätzt Harms die Zahl der Strohgebäude hierzulande - fast alles Ein- oder Zweifamilienhäuser.

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Es könnten deutlich mehr sein. Denn Stroh, ein Abfallprodukt der Getreideernte, ist überall dort im Überfluss verfügbar, wo Landwirtschaft betrieben wird. Ein Fünftel des Strohs, das nach einer durchschnittlichen Ernte in Deutschland übrigbleibt, reicht für den Bau von 350 000 Einfamilienhäusern, hat der FASBA errechnet. Ist Stroh somit ein Low-Tech-Baustoff, den Häuslebauer nur auf dem nächstgelegenen Acker aufzusammeln brauchen? Nicht ganz. Um als Baustoff zugelassen zu werden, müssen Strohhalme bestimmte Anforderungen erfüllen. "Sie sollten möglichst lang und unbeschädigt sein", erläutert FASBA-Vorstand Harms. "Und zu Ballen gepresst, müssen sie eine Rohdichte von etwa 100 Kilogramm pro Kubikmeter aufweisen." Denn von der stoff­lichen Dichte des Baumaterials hängen bauphysikalische Eigenschaften wie Schallschutz- oder Wärmedämmqualität ab. "Am besten eignen sich Weizen und Roggen", sagt Harms. "Hafer dagegen ist zu weich."

Stroh ist ein Do-it-yourself-Baustoff

In Deutschland werden Strohballen meist in nichttragenden Konstruktionen verbaut, bei denen in aller Regel ein Holzständerwerk das Gewicht von Dach und Obergeschossen abfängt. Für Ein- oder Zwei­familienhäuser dieser Bauart eine Baugenehmigung zu bekommen, ist heute keine große Sache mehr. Trotzdem müssen potenzielle Bauherren einen größeren zeitlichen Vorlauf einplanen, denn anders als konventionelle Baumaterialien sind Strohballen nicht jederzeit verfügbar und auch nicht im Baumarkt um die Ecke zu haben. Man sollte sich also zeitig um einen Bauern bemühen, der das Stroh für den Hausbau in genügender Menge und Qualität zu Ballen presst, die Ballen prüfen und zertifizieren lassen und irgendwo trocken zwischenlagern, bis sie gebraucht werden: "Am besten mit Planen abgedeckt und in einer Scheune", rät Dennis Harms.

Denn Strohhäuser haben eine Achillesferse: "Stroh darf nicht nass werden, weder in der Bau- noch in der Nutzungsphase", warnt Benjamin Krick, Architekt am Darmstädter Passivhausinstitut, der über Stroh als Baustoff promoviert hat. "Sonst schimmelt es." Als Schutz gegen aufsteigende Bodenfeuchte und heftige Regengüsse brauchen Strohhäuser sozusagen hohe Stiefel und einen breitkrempigen Hut; also ein Fundament mit Feuchtigkeitssperre und ein Dach mit weitem Überstand. Die Wetterseite sollte zusätzlich mit einer Verschalung geschützt werden, empfiehlt Architekt Krick, der selbst in einem Strohhaus wohnt.

Mit Materialkosten von etwa vier Euro pro Ballen ist Stroh ein äußerst günstiger Baustoff. Doch wer hofft, mit einem Strohhaus Geld sparen zu können, ist auf dem Holzweg, erläutert der Architekt: "Um Baustroh in die Wände zu bekommen, ist weit mehr Hand­arbeit nötig als beim Aufbringen eines Wärmedämm-Verbundsystems." Dieser Mehraufwand frisst die Kostenvorteile wieder auf. Allerdings ist Stroh ein Werkstoff, der sich auch von Laien gut verarbeiten lässt. Die dazu nötigen Fertigkeiten sind unter fachkundiger Anleitung schnell zu erlernen. Das Do-it-yourself-Prinzip ist im Strohballenbau viel geübte Praxis - nicht nur weil es Kosten spart, sondern auch weil es Spaß macht, mit Familie und Freunden ein Haus zu bauen.