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Meeresbiologie:Riff ohne Räuber

Weniger Haie an Riffen

So zahlreich wie in diesem Riff vor Französisch-Polynesien kommen Graue Riffhaie nur noch selten vor.

(Foto: Global Finprint/Global Finprint/Nature/dpa)

Durch die Riffe der Weltmeere schwimmen immer weniger Haie. Mit einem Videoprojekt untersuchten Forscher die Gründe für ihr Aussterben.

Von Julian Rodemann

Spätestens seit dem Spielberg-Klassiker "Der weiße Hai" aus den 70er-Jahren gelten Haie vielerorts als gefährliche Menschenfresser - dabei sterben weltweit pro Jahr nicht mehr als zehn Menschen durch Haiangriffe. Zum Vergleich: Nach WHO-Angaben töten Giftschlangen jährlich mehr als 100 000 Menschen.

Wer schon einmal in Korallenriffen getaucht oder geschnorchelt hat, weiß, wie menschenscheu dort lebende Haie sind. Für die Riffe und deren Bewohner sind die Haie indes von großer Bedeutung: Weil sie an der Spitze der Nahrungskette stehen, sorgen die Riffhaie für das Gleichgewicht des Ökosystems. Doch die Verschmutzung der Meere und die Überfischung - Haiflossen gelten mancherorts als Delikatesse - haben die Haibestände stark schrumpfen lassen. Das vermuteten Biologen jedenfalls, genaue Zahlen gab es kaum.

In jedem fünften der untersuchten Riffe zeichneten die Kameras keinen einzigen Hai auf

Vor fünf Jahren begann deshalb ein Team aus mehr als 120 Forschern, weltweit etwa 15 000 Unterwasser-Kameras auf Riffen zu installieren. Versehen mit einem Fischköder, sollten sie aufzeichnen, wie viele der bedrohten Tiere noch in den Habitaten lebten. Die Ergebnisse wurden jetzt im Fachblatt Nature veröffentlicht - und übertreffen einige der schlimmsten Befürchtungen der Wissenschaftler.

Die Forscher werteten mehr als 20 000 Stunden Videomaterial aus, das im Gegensatz zu Spielbergs Horrorfilm eher dröge anmutet. Zu sehen ist nämlich meistens: nichts. In beinahe jedem fünften der mehr als 370 untersuchten Riffe zeichneten die Kameras keinen einzigen Hai auf. Hier sind Haie bereits "funktional ausgestorben", wie die Forscher in ihrer Studie schreiben. "Das bedeutet zwar nicht, dass es überhaupt gar keine Haie mehr in diesen Riffen geben muss", sagt der Meeresbiologe Colin Simpfendorfer aus Australien, einer der Autoren der Studie. "Aber es zeigt, dass Haie dort ihre natürliche Rolle im Ökosystem nicht mehr wahrnehmen." Für die betroffenen Riffe könnte das fatale Folgen haben: Haie verhindern durch ihre Beutezüge nicht nur Überpopulationen bestimmter Arten; die Knorpelfische sorgen zudem dafür, dass schwache und kranke Fische nicht zur Last für ihre Artgenossen werden.

Weniger Haie an Riffen

Mit Ködern lockten die Forscher Haie wie diesen Karibischen Riffhai vor ihre Kameras.

(Foto: Andy Mann/Nature/dpa)

"Global Finprint" nannten die Wissenschaftler ihr Mammut-Projekt, zu deutsch: "Globaler Flossenabdruck". Genau 59 verschiedene Haiarten beobachteten die Forscher, die allermeisten davon solche, die einen großen Teil ihres Lebens in Riffen verbringen. Der riesige Datensatz an Videos ermöglichte den Wissenschaftlern auch, Rückschlüsse über die Gründe des Aussterbens zu ziehen.

Die untersuchten Riffe liegen in 58 verschiedenen Ländern. Viele Riffe mit wenigen bis keinen Haien gehörten zu dicht besiedelten Ländern, in denen der Fischfang kaum reguliert sei, schreiben die Autoren der Studie. Andererseits lebten vor den Küsten von Australien, den Bahamas oder den Malediven auch deshalb noch genug Haie, weil die Fischerei besser kontrolliert werde. Besonders gefährlich für Haie sind Kiemennetze und die Langleinen-Fischerei - diesen Techniken fallen immer wieder Haie zum Opfer und verenden qualvoll als Beifang. Auch der schaurigste Hai-Horrorfilm kann nicht darüber hinwegtäuschen: Menschen müssen sich nicht vor Haien fürchten - Haie vor Menschen hingegen schon.

© SZ

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