Meteorologie Wie dick Hagelkörner werden können

Ein etwa fünf Zentimeter messendes Hagelkorn nach einem Hagelschauer in Oberbayern

(Foto: dpa)
  • Bis zu sechs Zentimeter dick waren die Hagelkörner, die an Pfingsten im Großraum München fielen.
  • Den Weltrekord hält die Stadt Vivian in South Dakota. Dort ging 2010 ein rund 20 Zentimeter dicker Eisklumpen nieder.
  • Hagel entsteht, wenn kalte und warme Luftschichten aufeinandertreffen, und Aufwinde Eispartikel möglichst lang in der Schwebe halten.
Von Christoph von Eichhorn

Kochte der Ammersee? Auf Amateurvideos örtlicher Bootskapitäne sah es danach aus: Tausende Fontänen, die aus der Wasseroberfläche schossen wie heißer Dampf. Doch die Energie kam von oben. Hagelkörner groß wie Golfbälle gingen am Pfingstmontag im Großraum München nieder, zerbeulten Ausflugsboote, zerrissen Gartenpavillons, durchschlugen Heckscheiben und Gewächshäuser.

Auf bis zu sechs Zentimeter bezifferten Meteorologen den Durchmesser des Pfingsthagels. Das reicht für einiges an Zerstörung, ist von einem Rekord aber weit entfernt. Als größtes in Deutschland dokumentiertes Hagelkorn gilt ein 14,1 Zentimeter großer Eisklumpen, den Spaziergänger nach einem Unwetter im Sommer 2013 in Reutlingen entdeckten und für die Nachwelt einfroren. Beim Münchner Hagelsturm von 1984 sollen bis zu zwölf Zentimeter große Hagelkörner gefallen sein, das Ereignis ist mit einem geschätzten Gesamtschaden von drei Milliarden D-Mark bis heute eine der teuersten Naturkatastrophen in Deutschland.

Je kräftiger der Aufwind, umso größer werden Hagelkörner meist

Es ist kein Zufall, dass es Süddeutschland besonders oft trifft. "Wo es häufig gewittert, gibt es auch häufig Hagel", sagt der Meteorologe Dirk Mewes vom Deutschen Wetterdienst. Für beides braucht es feuchte, warme Luft an der Erdoberfläche, eine Schicht kalter Luft in der Höhe, sowie einen Auslöser, der Luft aufsteigen lässt. Im Süden Deutschlands sind häufig die Alpen dieser Auslöser, sie zwingen die warmen Luftmassen in die Höhe. Aus der Luft kondensieren Wassertröpfchen aus, die zu Eis gefrieren. Je höher die Partikel steigen, umso mehr Wasser friert an ihnen fest.

Kommen dann noch die richtigen Windbedingungen dazu, kann sich dieser Prozess "im Kreisgang wiederholen und es entstehen immer größere Partikel", sagt Mewes. Je kräftiger der Aufwind, umso länger bleiben die Hagelkörner in der Schwebe und umso kräftiger wachsen sie. Außerdem legen sie mit wachsendem Temperaturgefälle zu. Hohe Wolken, die oben sehr kalt sind, produzieren besonders massive Hagelkörner, man spricht dann von Superzellen.

Hagel lässt sich bislang kaum genau vorhersagen

In Regionen wie Kenia, Indien oder Teilen der USA begünstigt die Geografie Hagel noch stärker als in Deutschland. Das größte bislang gefundene Hagelkorn fiel 2010 in Vivian, South Dakota. Es war mit einem Durchmesser von rund 20 Zentimetern so groß wie ein Handball und wog an die 900 Gramm. Derart großer Hagel erreicht Geschwindigkeiten von mehr als 150 Kilometer pro Stunde. Auch die beiden vorherigen Weltrekorde wurden im Mittleren Westen der USA verzeichnet, wo häufig schwülheiße Luft aus dem Golf von Mexiko mit kalter aus dem Norden zusammenstößt, während die Rocky Mountains dafür sorgen, dass sich besonders hohe Gewitterwolken auftürmen.

Weltgrößtes Hagelkorn aus South Dakota (Werte auf dem Maßband in amerikanischen Zoll)

(Foto: National Weather Service)

Hagel vorherzusagen ist trotz schneller Supercomputer auch heute noch schwierig. Zwar können Meteorologen Gewitterwolken mit Radargeräten durchleuchten und so die Größe von Eispartikeln abschätzen. "Das sagt aber noch nichts darüber aus, was unten ankommt", sagt Mewes. Denn im freien Fall schmilzt der Hagel, je nach Lufttemperatur mehr oder weniger. Ausflügler müssen weiter auf Überraschungen von oben gefasst sein - und im Zweifel schnell in Deckung gehen.

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