Monsanto Grüne Gentechnik ist ein Griff ins Dunkle

In der modernen Pflanzenzucht gibt es kein klar definiertes Gut und Böse mehr.

(Foto: Imago Stock&People)

Mit dem Kauf von Monsanto bekennt sich Bayer offensiv zur grünen Gentechnik. Den Konzern deshalb zu verteufeln, wäre aber zu einfach - in der Pflanzenzucht gibt es kein klar definiertes Gut und Böse mehr.

Kommentar von Patrick Illinger

Einer der größten und traditionsreichsten deutschen Konzerne ist auf die dunkle Seite der Macht gewechselt. Diese Metapher aus dem "Star Wars"-Epos dürfte dem Gefühl vieler Feinde der industriellen Landwirtschaft und der sogenannten grünen Gentechnik entsprechen. Mit dem Kauf von Monsanto bekennt sich die Bayer AG offensiv zu einer Technologie, die der Konzern bislang eher als Nischenprodukt vorangetrieben hat - der Entwicklung und Vermarktung molekularbiologisch verbesserter Zuchtpflanzen. In Leverkusen - also ausgerechnet in einem Land, dessen Bevölkerung größte Vorbehalte gegen Gentechnik hat - wird nun maßgeblich über die globale Ernährung und Landwirtschaft entschieden.

Die Firmenübernahme ist nicht nur ein imposantes ökonomisches Schauspiel. Sie wird den seit Jahren erbittert geführten Streit weiter anheizen: Lässt sich eine Weltbevölkerung von demnächst neun Milliarden Menschen nur mit einer gentechnisch aufgerüsteten Landwirtschaft ernähren? Oder hat Gentechnik aufgrund möglicher, noch unerkannter Gefahren weder auf Äckern noch auf Speiseplänen etwas zu suchen?

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Abgesehen davon, dass diese Debatte viel zu ideologisch geführt wird, krankt sie an einem wesentlichen Punkt: Es gibt sie gar nicht, die grüne Gentechnik. Das ist kein Werkzeug, das man entweder einsetzt oder eben nicht. Oder eine Substanz, die enthalten ist, oder nicht. Durch den für Laien kaum vorstellbar rasanten Fortschritt der Biotechnik hat sich die Grenze zwischen Gentechnik und Gentechnik-frei völlig aufgelöst. CRISPR/Cas, CMS, Tale, Zinkfingernuklease-Technik heißen nur einige der modernen Verfahren, mit denen heute Pflanzen erforscht und erzeugt werden. Manches davon ist eine auf Hochleistung betriebene Fortführung konventioneller Zuchtverfahren kombiniert mit Genanalysen; so zum Beispiel das Smart Breeding, mit dem Pflanzenforscher verloren gegangene Geschmacksnoten der Tomate wiederbeleben wollen.

Und wenn man daran erinnert, dass so manche heute beliebte Grapefruit einst entstand, indem Forscher das Erbgut mit radioaktiver Strahlung traktierten, wirken moderne molekulare Methoden wie sanfte, minimal-invasive Eingriffe. Sie erlauben winzige, punktgenaue Änderungen im Pflanzenerbgut, wie sie jederzeit auch in der Natur passieren können. Das könnte Pflanzen gegen Schädlinge resistent machen, sodass sie ohne Pestizide gedeihen. Ein Vorteil, der auch hartnäckige Ökobauern ins Grübeln bringen müsste. Nein, es gibt bei der modernen Pflanzenzucht kein klar definiertes Gut und Böse mehr.

Aus diesem Grund wäre es ideal, in Zukunft weniger pauschal zu argumentieren, sondern jede einzelne neue Pflanzensorte, jedes Gemüse, jede Frucht eigens zu bewerten, egal wie sie entstanden ist. Hat das Gewächs einen Nutzen? Und ist es für den Menschen ungefährlich?

Es darf keine Nahrungsmittel-Oligarchie heranwachsen

Das wahre Problem ist weniger ein naturwissenschaftliches als ein wirtschaftliches: Keinesfalls heranwachsen sollte nämlich eine Nahrungsmittel-Oligarchie, bei der einige wenige Konzerne bestimmen, was auf den Tellern der Menschheit landet, und Bauern von Berchtesgaden bis Bangladesch auf Saatgut angewiesen sind, das sie den Konzernen abkaufen müssen. Nutzpflanzen und Nahrung sollten ebenso wie Trinkwasser kein Wirtschaftsgut sein, das von einzelnen Großkonzernen beherrscht wird und bei dem stets die Gefahr mitschwingt, dass es sich ärmere Menschen nicht leisten können. Insofern ist der oft zitierte Monsanto-Genmais eine fragwürdige Angelegenheit. Nicht, weil Menschen daran erkranken könnten, sondern weil das Geschäftsmodell darauf beruht, dass Bauern das ebenso von Monsanto vertriebene, mit dem Mais kompatible Herbizid Glyphosat verwenden. Es ist der uralte ökonomische Trick: erst die Lampen unter das Volk bringen, dann das Petroleum verkaufen.

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Ein Positiv-Beispiel ist hingegen der sogenannte goldene Reis. Dessen Körner enthalten dank Gentechnik einen erhöhten Vitamin-A-Gehalt, was Menschen in extrem armen Regionen vor Mangelernährung schützen kann, dort, wo Gemüse oder Fleisch als Nahrungsbestandteile fehlen. Ein humanitäres Projekt hält die Rechte am "Golden Rice", und weil er Menschenleben retten kann, lässt sich kaum etwas dagegen sagen. Es wäre sogar ethisch fragwürdig, eine im gesättigten Deutschland geprägte landlustifizierte Öko-Ideologie auf Erdteile zu übertragen, wo Reiskörner das Überleben bedeuten.

Pflanzenzucht sei stets ein "Griff ins Dunkle" soll Kurt von Rümker, einer der Begründer dieses Forschungsgebiets, einst gesagt haben und meinte den experimentellen Charakter seiner Zunft. Das passt nun auch zu dem, was Bayer soeben getan hat: der Griff ins Dunkle.