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Größter Wellensimulator der Welt:Die Deiche sollen Sturmfluten standhalten, wie sie höchstens alle 10 000 Jahre auftreten

Vorbereitungen im Simulator, bevor die Flut kommt

Die Deltaflume ist eine vergrößerte Hightech-Variante davon. Betreten darf man das umzäunte Gelände nur mit Gummistiefeln und Warnweste. Weil der Kanal so lang ist, fahren die Mitarbeiter von Deltares mit dem Fahrrad vom einen Ende zum anderen. In einer flachen Halle stehen die Motoren der Anlage, sie haben eine Leistung von zwei Megawatt. Damit ließen sich etwa 1000 Waschmaschinen betreiben. Die Motoren müssen immer wieder eine senkrechte Platte gegen das Wasser schieben - so entstehen die Wellen. Neun Millionen Liter schwappen in dem fünf Meter breiten und 9,5 Meter tiefen Kanal. Wenn die Wogen die Rampe am anderen Ende erreicht haben, fließt das Wasser durch eine unterirdische Leitung zurück an den Anfang.

25 Millionen Euro hat die Maschine gekostet, zu großen Teilen kam das Geld vom Staat. Die Niederlande gelten in Sachen Küstenschutz als Vorreiter. Seit der Jahrhundertflut im Jahr 1953 hat das Land Milliarden investiert, um sich vor dem Meer zu schützen. Bis zum Jahr 2100 sollen mehr als 100 Milliarden Euro folgen. Heute müssen Deiche in niederländischen Ballungsräumen Wellen standhalten, die sich im Durchschnitt nur einmal alle 10 000 Jahre hochschaukeln. Selbst der schwächste Deich muss für eine Flut ausgelegt sein, wie sie nur einmal alle 1250 Jahre erwartet wird.

Reichen die Anstrengungen aus, um dem Klimawandel zu begegnen?

In anderen Ländern ist der Schutz oft laxer. In den USA unterschätze man die Kraft des Meeres, heißt es bei Deltares. Und in Deutschland? Hierzulande müsse jeder Deich eine Jahrhundertflut abhalten können, sagt Arndt Hildebrandt, Professor am Franzius-Institut für Wasserbau in Hannover. Mitunter entschieden sich Städte und Kommunen aber für einen besseren Schutz. Dann werde für ein 1000- beziehungsweise 10 000-jähriges Unglück vorgesorgt. "Die letzten Fluten haben eigentlich gezeigt, dass sich in Deutschland viel getan hat in Sachen Hochwasserschutz", sagt Hildebrandt.

Ob das genug ist, um dem Klimawandel zu begegnen, ist allerdings fraglich. Sollte der Meeresspiegel bis 2100 wirklich um einen Meter steigen, wie pessimistische Klimamodelle vorhersagen, würden Wellen bei Stürmen vielerorts über die heutigen Deiche schwappen. Und das Gestein wäre deutlich höheren Belastungen ausgesetzt als heute. Bisher kann man nur schlecht vorhersagen, wie gut sich bereits gebaute Deiche schlagen werden - und wie die Deiche der Zukunft beschaffen sein müssen.

Wellenmaschinen gelten als ideales Werkzeug, um diese Fragen zu beantworten. Die Deltaflume kann verschiedenste Wasserhügel durch den Kanal schicken, gemächlich vor sich hin schwappende Hügelchen sind genauso möglich wie rasend schnelle Riesenwogen. So können die Ingenieure sowohl die Fundamente von Windrädern testen, als auch High-Tech-Textilien, die Tsunamis aufhalten sollen. Seit sich Indonesien und Vietnam für Küstenschutz interessieren, experimentiere man in Wellenkanälen sogar mit Bambus-Wellenbrechern und Deichen aus Kokosnussmatten, erzählt Hildebrandt. Die Deltaflume werde in den kommenden Jahren aber vor allem niederländische Deiche und Dünen testen, sagt Marcel van Gent. Der Schutz an 85 Prozent der Küstenlinie lasse sich so überprüfen.