Größter Wellensimulator der Welt Gefährliche künstliche Brandung

  • In einer gewaltigen Anlage in Holland untersuchen Ingenieure, welchen Belastungen künstliche Deiche standhalten.
  • Der 300 Meter lange Wellensimulator kann bis zu vier Meter hohe Wogen auftürmen.
  • Die Daten sind wichtig, damit Küstenregionen sich für steigende Meeresspiegel wappnen können.
  • Experten kritisieren, Staaten wie die USA unterschätzten die Wucht des Meeres.
Von Robert Gast, Delft

Nach 1000 Wellen sind die Steine noch immer intakt. Tausendmal hat die Maschine das Wasser am einen Ende des Kanals angeschoben, tausendmal ist es auf die Rampe am anderen Ende gekracht. Ein Mensch würde von der Wucht zu Boden gehauen, vielleicht sogar getötet. Schließlich sind die 1,80 Meter hohen Wellen denen nachempfunden, die bei einer Jahrtausendflut auf einen Deich eindreschen. Aber die Steine, die Forscher vor ein paar Wochen in die Rampe gebaut und mit Beton übergossen haben, halten dem Wasser unbeirrt stand.

Die Frage ist, wie lange. Wie viel Wasser verträgt ein Deich? Darum geht es hier in einem Industriegebiet am Rande der niederländischen Stadt Delft, auf dem Gelände der Firma Deltares. Seit Kurzem steht hier die Deltaflume: eine Maschine, die höhere Wellen erzeugen kann als jedes andere Gerät auf der Welt. Die bis zu viereinhalb Meter hohen Wogen laufen wie von Fäden gezogen einen fast 300 Meter langen Kanal entlang - und branden schließlich auf die Rampe aus Geröll.

Mit der Anlage testen Ingenieure, ob Hollands Deiche einer Jahrtausendflut gewachsen wären. Es gibt in den Niederlanden wenige Fragen, die wichtiger sind. Die Polkappen schmelzen, der Meeresspiegel steigt. Einige Dutzend Zentimeter höher wird er zum Ende des Jahrhunderts liegen, vielleicht auch einen Meter. So oder so werden Stürme heftiger werden. Für Staaten mit langen Küsten ist das eine Horrorvision. Insbesondere dann, wenn wie in den Niederlanden etwa die Hälfte der Bevölkerung unterhalb des Meeresspiegels lebt.

Ob ein Deich einen Sturm überstehen wird, ist oft eher eine Schätzung als eine Gewissheit

Seit Jahren arbeiten Ingenieure am Küstenschutz der Zukunft. Sie simulieren am Computer, wie hoch Gezeiten, Wind und Fluten das Meer auftürmen können - und vergleichen die Ergebnisse mit Daten von Messbojen und Satelliten. Oder sie bauen Wellenmaschinen wie die Deltaflume, mit denen sie erforschen, was passiert, wenn das Meer auf Dünen, Deiche und Windräder trifft. Wellen haben Titanenkräfte. Das weiß jeder, der als Kind in der Brandung spielte, oder als Erwachsener einen Surfkurs gemacht hat. Wenn der Wind übers Wasser streicht, sieht es vom Ufer oft so aus, als wippe der Ozean bloß sachte auf und ab. Aber sobald das Wasser flach wird, türmen sich Tonnen von Wasser plötzlich auf und stürzen krachend in den Sand - oder gegen einen Deich.

Wellensimulator "Delta Flume" im holländischen Delft

(Foto: John Verbruggen)

Natürlich kann man Schutzwälle immer weiter erhöhen. Aber zu hundert Prozent kann man sich vor dem Meer nicht schützen. Ob ein Deich einen sehr starken Sturm überstehen wird, ist oft eher eine Schätzung als eine Gewissheit. Ein Deich an der Küste kann Tausende Sturmwellen schadlos überstehen - nur um dann plötzlich einen Riss zu kriegen. Das Wasser schwemmt dann Kieselsteine und Sand ins Meer. Und der ausgehöhlte Deich zerbröselt wie eine Brausetablette.

In Laboren kann man praktisch nicht testen, was Wasser anrichtet. Wenn Wellen auf Sand, Stein und Gras krachen, sagt Marcel van Gent, der Chef der Deltaflume-Forschungsabteilung, könne man das nicht mit Miniaturmodellen nachstellen. Wenn Wasser Platz hat, verändert es sein Verhalten. In einem Deich, der aus 30 Zentimeter großen Steinen besteht, bildet es in den Zwischenräumen kleine Wirbel. In einem Miniatur-Deich aus drei Zentimeter großen Steinchen passiert das nicht.

Die Miniatur würde den Test also überstehen, während der echte Deich bricht. In der Vergangenheit ist das oft passiert, zum Beispiel während des Oderhochwassers 1997, oder in Hamburg 1962. Als Reaktion auf die Hamburger Sturmflut ersannen Ingenieure Testgelände, auf denen man Wellen in Ruhe studieren kann. In Hannover ging ein Wellenkanal bereits 1983 in Betrieb. Und auch die Firma, aus der Deltares hervorging, betrieb mehr als 30 Jahre lang eine ähnliche Maschine.