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Arktis:Quecksilber aus Eisschmelze wird zur Gefahr

Studie: Einhaltung der Klimaziele bremst Meeresspiegel-Anstieg

Die Gewässer um Grönland herum sind besonders fischreich. Das Schwermetall kann sich in den Tieren anreichern - und auf diese Weise auch in die Nahrung des Menschen gelangen.

(Foto: Donald Slater/dpa)

Forscher entdecken per Zufall hohe Konzentrationen an Quecksilber im Schmelzwasser des Grönländischen Eisschilds. Sie befürchten eine Belastung für die fischreiche Region - und für den Menschen.

Von Benjamin von Brackel

Lange nahmen Wissenschaftler an, dass das schmelzende Grönlandeis den Meeresspiegel ansteigen lasse, aber ansonsten das Leben im Ozean nicht weiter beeinträchtigen würde. Erst vor ein paar Jahren realisierten sie, dass da nicht bloß Wasserblöcke schmelzen, sondern sich auch jede Menge gespeicherte Nährstoffe im Wasser lösen.

Genau deshalb haben Geowissenschaftler aus Europa und den USA den Südwesten Grönlands untersucht. In den Jahren 2012, 2015 und 2018 haben sie Wasserproben von drei Flüssen und zwei Fjorden in der Nähe eines Gletschers genommen. Eigentlich wollten sie herausfinden, wie die Nährstoffe aus dem Eis die Küstenökosysteme aufrechterhalten. Aber als sie die Proben analysierten, stießen sie auf etwas anderes, das ihnen nun Sorgen bereitet: hohe Konzentrationen an gelöstem Quecksilber, vergleichbar mit denen in den Flüssen chinesischer Industriezentren. Rund hundertmal so hoch wie in arktischen Flüssen.

"Wir haben nicht erwartet, so viel Quecksilber zu finden", sagt der Geowissenschaftler Jon Hawkings vom Deutschen Geoforschungszentrum in Potsdam und Hauptautor der Studie im Fachjournal Nature Geosciences. "Für solch eine unberührte Umgebung war das überraschend."

Woher diese Mengen an Schwermetall überhaupt stammen, können die Wissenschaftler noch nicht mit Sicherheit sagen. Einen menschlichen Ursprung jedenfalls halten sie für unwahrscheinlich. Zwar könnte sich Quecksilber, das zum Beispiel aus Kohlekraftwerken in die Atmosphäre entwichen ist, auf den Eisschilden abgelagert haben. Aber die Konzentration in den Ablagerungen erwies sich als deutlich geringer als in den Schmelzwasserflüssen. Plausibler sei es, dass der zinnoberhaltige Felsboden unter den Gletschern durch die sich bewegende Eislast abgeschmirgelt wurde und die verwitterten Mikropartikel ausgespült wurden. Aber auch die geothermische Aktivität unter dem Eisschild könnte eine Rolle spielen.

Eine noch drängendere Frage ist, welche Wege das quecksilberhaltige Wasser nun nimmt, zumal die Gewässer um Grönland herum besonders fischreich sind. Das Schwermetall kann sich in den Meerestieren als hochgiftiges Methylquecksilber anreichern. Über die Fische gelangt es auch in die Körper von Seevögeln und Robben, kann deren Nervensysteme schädigen und die Fortpflanzung beeinträchtigen. Aber auch der Mensch ist gefährdet. Weniger die Europäer, die Heilbutt und Kabeljau importieren und gelegentlich verzehren, als die indigenen Volksgruppen Grönlands, die sich fast ausschließlich aus dem Meer ernähren und zwar auch von Robben, in denen das Schwermetall deutlich stärker akkumuliert.

Die Forscher nehmen jedenfalls an, dass sich das Phänomen in Zukunft verschärfen wird. Denn mit dem Klimawandel nimmt der Eisverlust Modellen zufolge zu und bis zum Ende des Jahrhunderts könnte sich die Abflussrate in die Küstengewässer verdoppeln. "Noch wissen wir überhaupt nicht, welche Auswirkungen das haben wird", sagt Hawkings. "Aber wir müssen uns über den Prozess bewusst sein und mehr dazu forschen."

© SZ
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