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Grippeimpfung:Eine gegen alle

Es ist ein Traum der Mediziner: Eine einzige Impfung und man ist immun gegen sämtliche Grippeviren. Jetzt haben Forscher gemeinsame Schwachstellen der Erreger gefunden und testen neue Impfstoffe.

Jedes Jahr das gleiche mühsame Ritual: Im Frühling einigen sich Grippeexperten aus aller Welt darauf, welche Viren-Varianten den Menschen im folgenden Herbst und Winter wohl besonders zusetzen werden.

Gesundheitsverwaltung empfiehlt Grippeschutzimpfung

Bald könnte eine einzige Impfung alle Grippeviren bekämpfen.

(Foto: dapd)

Auf Basis dieser Einschätzung wird der neue Grippe-Impfstoff gemischt, der nach dreimonatiger Produktion in Praxen und Apotheken kommt. Dummerweise verändern sich die Viren aber so schnell, dass Impfstoffe wie Arzneimittel gegen die Grippe oft schon im Folgejahr nicht mehr wirken.

Die amerikanische Seuchenschutzbehörde CDC empfiehlt beispielsweise die Medikamente Amantadin und Rimantadin nicht mehr gegen die saisonale Grippe, weil mittlerweile fast alle Viren dagegen resistent geworden sind.

"Es ist ein unheimlicher logistischer Aufwand, jedes Jahr neu den Impfstoff bereitzustellen", sagt Thorsten Wolff, Leiter des Fachgebiets Influenza-Viren am Robert-Koch-Institut. "Durch die jährlich notwendige Impfung ist die Akzeptanz in der Allgemeinbevölkerung mit 25 Prozent auch nicht hoch."Wie hilfreich wäre es da, gäbe es einen Universalimpfstoff und dauerhaft wirksame Mittel gegen Influenza, die nicht erst neu kombiniert werden müssten und zudem auch gefährliche Varianten wie die Erreger der Vogelgrippe und der Schweinegrippe in Schach halten könnten.

Gleich mehrere Fachartikel weisen diese Woche darauf hin, wie Forscher Menschen vor neuen Viren-Varianten schützen wollen. "Wir haben das Ziel klar vor Augen", sagt David Busath, Mikrobiologe von der Brigham Young University in Utah. "Jetzt können wir schießen." Busath und sein Team haben eine gemeinsame Schwachstelle aller Grippeerreger entdeckt, die konstant bleibt - auch wenn Viren mutieren und dabei ihre Oberfläche verändern. Im Fachblatt Science von diesem Freitag berichten die Forscher von einem Kanal im Virus, der allen Varianten gemein ist. Jetzt testen sie Impfstoffe und Arzneimittel, mit denen sich der Kanal blockieren lässt.

Ein Team um den Mikrobiologen Peter Palese von der Mount Sinai School of Medicine in New York hat einen anderen Schutz entwickelt, der immerhin gegen drei Virus-Varianten wirkt - vorerst allerdings nur bei Mäusen. Von dem verbreiteten Grippeerreger mit H3-Subtyp, der maßgeblich an den saisonalen Grippewellen beteiligt ist, bot die Substanz fast vollständigen Schutz. Gegen die H5-Variante, den Erregerbestandteil der Vogelgrippe, wirkte der Impfstoff auch einigermaßen. Sogar vor den H1N1-Erregern, die zur Schweinegrippe führen, bestand ein - wenn auch nur schwach ausgeprägter - Schutz.

Die Vielseitigkeit des Impfstoffs beruht darauf, dass auch er den Erreger dort angreift, wo er sich kaum verändert. Das Eiweiß Hämagglutinin ragt wie ein Ruder aus dem Virus. Um der Immunabwehr des Menschen zu entkommen, ändert der äußere Teil des Eiweißes - gleichsam der Ruderkopf - oft seine Form. Arzneien und Impfstoffe setzen meist hier an. Die neue Strategie hat den Stamm und damit den Rudergriff des Hämagglutinins im Visier - und der behält seine Form, auch wenn der Erreger mutiert.

Wolff spricht vom "großen Traum der Grippeforscher", die breit wirksame Impfung zu finden, statt jedes Jahr wieder ein Mittel gegen neue Subtypen zu entwickeln. "Die Ansätze sind interessant und zeigen im Tier, dass es funktionieren kann", sagt Grippeexperte Wolff. "Beim Menschen könnte es auch hinhauen, aber bis wir das wissen, können noch Jahre vergehen."

© SZ vom 22.10.2010/beitz/mcs

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