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Grippeimpfung:Abwehrschwäche

Wer in diesen Tagen einen Termin zur Grippeimpfung haben will, wird vielerorts enttäuscht. In zahlreichen Apotheken und Arztpraxen Deutschlands sind die Impfstoffvorräte knapp geworden.

Wer in diesen Tagen einen Termin beim Arzt machen will, um sich gegen Grippe impfen zu lassen, wird vielerorts enttäuscht werden. Noch bevor die Grippesaison richtig begonnen hat, sind in zahlreichen Apotheken und Arztpraxen Deutschlands die Impfstoffvorräte knapp geworden. Thüringen, Sachsen, das Saarland, Bremen, Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Hessen haben bislang Engpässe gemeldet. Beim für Impfstoffe zuständigen Paul-Ehrlich-Institut (PEI) gingen in den vergangenen Wochen viele Nachfragen insbesondere aus Kinderarztpraxen ein, die auf geeigneten Nachschub warten.

Die Erklärungen für den Mangel sind vielfältig und spekulativ. "Die Leute haben in diesem Jahr möglicherweise viel früher angefangen, sich impfen zu lassen", sagt Susanne Stöcker, Sprecherin des Paul-Ehrlich-Instituts. "Ob sich auch insgesamt mehr Menschen impfen lassen oder die Impfungen nur früher stattfinden, können wir noch nicht wissen." Sie hält die heftige Grippewelle der vergangenen Saison für einen Grund für das aktuell gesteigerte Interesse. Dadurch seien vermutlich mehr Menschen für das Thema sensibilisiert.

Das Bundesgesundheitsministerium nennt als mögliche Ursachen für den Mangel neben einer höheren Nachfrage eine verspätete Bestellung von Grippe-Impfstoffen durch Ärzte und Apotheker, zu große Vorräte in manchen Arztpraxen und Apotheken sowie Direktverträge zwischen Krankenkassen und Apothekern. Insgesamt sind laut Ministerium in Deutschland 15,7 Millionen Dosen verfügbar. Das seien etwa eine Million mehr, als im vergangenen Jahr genutzt wurden.

In der vergangenen Saison gingen etwa neun Millionen Deutsche wegen einer Grippe zum Arzt

Nicht nur diese Zahlen deuten darauf hin, dass Deutschland zurzeit eher ein Verteilungsproblem, als tatsächlich zu wenige Impfdosen hat. Seit Anfang der Woche seien die vier in Deutschland verfügbaren tetravalenten Impfstoffe, die vor vier Virustypen schützen sollen, von den Herstellern beim PEI als "abverkauft" gemeldet worden. Die gesamten, für Deutschland vorgesehenen Lieferungen befinden sich damit im Umlauf durch die Handelskette vom Großhändler bis hin zu den Kühlschränken der Arztpraxen - und den Körpern jener Menschen, die bereits eine Impfung bekommen haben. Wo genau die einzelnen Impfdosen derzeit liegen, könne niemand beantworten, sagt Stöcker. Doch sollte selbst bei gesteigertem Interesse in der Bevölkerung genug Impfstoff für alle Interessierten vorhanden sein.

Angesichts der regionalen Engpässe will das Gesundheitsministerium mit einer Veröffentlichung im Bundesanzeiger von Freitag an die Vorschriften für die Beschaffung des Impfstoffs lockern. Damit können die zuständigen Landesbehörden in Einzelfällen von den Vorgaben des Arzneimittelgesetzes abweichen und etwa erlauben, dass sich Apotheken oder Arztpraxen untereinander mit Grippeimpfstoff versorgen. Normalerweise ist das vom Gesetz nicht gestattet. Auch ein Import aus anderen EU-Ländern wird möglich. Von Freitag an soll auch die Altersbeschränkung eines Impfstoffes von 18 auf drei Jahre gesenkt werden, womit die Kinderärzte ein Mittel mehr zur Auswahl haben.

Das Robert-Koch-Institut rät insbesondere Menschen über 60, Schwangeren, chronisch Kranken und medizinischem Personal zur Grippeimpfung. In der vergangenen Saison hatte das Influenzavirus in Deutschland rund neun Millionen Menschen erwischt und zu fast 2000 Todesfällen geführt. Wer bei seinem Hausarzt aktuell keine Impfung gegen das Influenza-Virus bekomme, könne bei einem anderen Arzt nachfragen, sagt Susanne Stöcker vom PEI. "Manche haben umfangreiche Vorräte angelegt."

© SZ vom 23.11.2018

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