Gorleben, Stuttgart21, Schmalkalden Denken in geologischen Zeiträumen

Der Salzstock von Gorleben, der sich wie die anderen Salzstöcke im Untergrund von Norddeutschland im Lauf von Jahrmillionen bildete, hat am Ende der Kreidezeit vor 65 Millionen Jahren sogar die Erdoberfläche durchstoßen. So mancher Dinosaurier mag damals durch das Salz gestapft sein. Heute findet man Diapire, die an der Erdoberfläche zutage treten, nur noch im Zagrosgebirge in Iran. Weil das überfließende Salz Eisströmen gleicht, werden sie als Salzgletscher bezeichnet.

Der Gorlebener Salzstock ist zwölf Kilometer lang, vier Kilometer breit und reicht mehr als dreieinhalb Kilometer tief. Über ihm haben sich seit der Kreidezeit wieder Sedimente abgelagert. Diese Deckschichten sind etwa 250 Meter dick.

Vor allem die mechanischen Eigenschaften machen die mächtigen Steinsalzpartien des Diapirs interessant für die Endlagersuche. Das Steinsalz kann Behälter innerhalb von Jahren oder Jahrzehnten fest und dauerhaft umschließen. Außerdem leitet es Hitze ab - radioaktiver Müll ist bei seiner Einlagerung immer noch an die 200 Grad Celsius heiß. Der feste Einschluss im Steinsalz hat jedoch auch Nachteile. Denn der Atommüll lässt sich nicht mehr überwachen oder gar zurückholen, sollten unvorhersehbare Probleme in der geologischen Struktur auftreten.

Eine Gefahr sehen Kritiker auch in der Löslichkeit von Steinsalz in Wasser. Sie befürchten Grundwassereinbrüche wie im Versuchsstollen Asse und im Salzbergwerk von Morsleben, in dem seit DDR-Zeiten radioaktive Abfälle eingelagert werden. Trotzdem sei Steinsalz "prinzipiell undurchlässig für Wasser und Gase", sagt Volkmar Bräuer. Wenn kein Wasser an das kompakte Steinsalz im Endlagerbereich herankomme, dann könne auch nichts aufgelöst werden. Umstritten ist jedoch, wie dicht die 250 Meter dicken Deckschichten über dem Salzstock von Gorleben sind.

"Da können Gletscher einer weiteren Eiszeit drüber schürfen"

Ein weiterer Kritikpunkt ist der immer noch anhaltende Auftrieb des Steinsalzes. Doch dieses Argument entkräftet der Geologe: "Wir haben eine Bewegung von etwa 0,02 Millimetern pro Jahr ermittelt - das macht 20 bis 30 Meter Aufstieg in einer Million Jahre." Das spiele keine entscheidende Rolle, sagt er, wenn man bedenkt, dass der Atommüll 800 bis 900 Meter tief unter der Erdoberfläche stecke. "Da können auch die Gletscher einer weiteren Eiszeit drüber schürfen."

Aus der früheren Erkundung des Salzstockes Gorleben weiß man aber, dass es Problemschichten im Steinsalz gibt, zum Beispiel Lagen aus Kalisalzen wie dem Carnallit. Dieses Salzmineral enthält Wasser in seiner Kristallstruktur, das unter der Hitze der eingelagerten Behälter frei werden, das Steinsalz in der Umgebung auflösen sowie sich einen Weg aus dem Salzstock heraus bahnen könnte.

Wenn Behälter undicht geworden sind - "womit man nach einigen Zehntausend Jahren durchaus rechnen muss", sagt Gerhard Jentzsch, Geophysiker an der Universität Jena und Mitglied der Entsorgungskommission im Bundesumweltministerium - könnten radioaktive Stoffe in die Umwelt gelangen.

Bei den neuen Erkundungen in Gorleben geht es also darum, homogene Partien aus reinem Steinsalz zu finden, die groß genug sind, um den hochradioaktiven Müll der Bundesrepublik für eine Million Jahre sicher zu verschließen. Dort sollen 21.600 Tonnen 200 Grad heiße, radioaktiv strahlende Schwermetalle, verteilt auf Hunderte von Behältern, versenkt werden.

Diese Steinsalzpartien sollen auch dann dicht und unlöslich bleiben, wenn Erdbeben und tektonische Kräfte an dem Salzstock zerren oder die Verwitterung das Deckgebirge zerfrisst. Unter diesen Gesichtspunkten ist es durchaus möglich, dass sich der Salzstock Gorleben als ungeeignet herausstellen wird.