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Gletschermumie Ötzi:Das Bauchweh des Eismannes

ITALY-MUMMY-ARCHAEOLOGY-HISTORY

Mitte 40, sehr gut trainiert, prächtige Muskeln, gute Ausrüstung. Ötzi hätte durchaus 70 Jahre alt werden können. Doch dann kam der Pfeil.

(Foto: Andrea Solero/AFP)

Auch 23 Jahre nach ihrem Fund gibt die Gletschermumie Ötzi Geheimnisse preis: Ihr Magen könnte enthüllen, wie moderne Volkskrankheiten entstanden sind.

Von Hubert Filser

Da saß er also oben am Hauslabjoch an diesem Frühlingstag Anfang Mai und stopfte sich so richtig voll, mit getrocknetem Steinbockfleisch und ein paar fettigen Fleischstreifen von einem Hirsch. Den Wind vom Joch her hielt eine Querrinne im Felsen ab. Auch sonst war der 45-jährige Mann gut geschützt gegen die noch immer kühle Luft. Die Bärenfellmütze hatte er über die braunen Haare gezogen, den Fellmantel fest geschlossen. Zudem trug er Schaffell-Leggings, ausgepolsterte Schuhe und einen Lendenschurz.

Man ahnt es vielleicht schon, gleich saust von hinten der Pfeil mit der Feuersteinspitze heran, durchschlägt das Schulterblatt, zerfetzt eine Arterie und bleibt in der Brust stecken. Ötzi fällt nach vorn und schlägt hart mit der Stirn auf dem blanken Felsen auf, wo er liegen bleibt und schnell verblutet.

Vor ein paar Jahren noch hätte man dieses mittlerweile wissenschaftlich abgesicherte Szenario nicht so detailliert nacherzählen können. Das üppige Mahl beispielsweise ist erst aufgrund neuester Analysen gesichert. Zunächst war der pralle Magen auf den Aufnahmen des Computertomografen (CT) gänzlich übersehen worden, war er doch durch einen Steinbrocken, auf den der verblutende Ötzi fiel, ein Stück nach unten in eine anatomisch ungewöhnliche Lage gedrückt worden. "Den Magen haben wir erst kürzlich entdeckt", sagt der Mumienexperte Albert Zink, der Ötzi seit fast elf Jahren untersucht. "Der Inhalt, mindestens ein Kilogramm, war noch unverdaut. Darunter war extrem viel tierisches Fett. Das Fleisch war vermutlich getrocknet, nicht gekocht oder gegrillt." Dazu aß er wohl ein einfaches Brot, gemacht aus Emmer, Einkorn und Gerste.

So oft und so detailliert ist wohl noch nie ein Mensch durchleuchtet worden

Fast 23 Jahre sind seit dem Fund der Gletschermumie im September 1991 vergangen. Es waren 23 Jahre intensivster Forschung, es ist auch eine Geschichte mit vielen Korrekturen und immer neuen Theorien. So waren die Augen anfangs blau, jetzt weiß man, sie waren braun. So wurde Ötzi zunächst von seinen Verfolgern den Berg hoch gehetzt, jetzt weiß man: "Ein Mann in Todesangst schlägt sich nicht in aller Seelenruhe den Bauch voll", sagt Zink.

Unter der Leitung des Münchner Anthropologen ist im Jahr 2007 an der Europäischen Akademie in Bozen (Eurac) eigens für den Iceman, wie er international heißt, das "Institut für Mumien und den Iceman" gegründet worden. Mit Ötzi als Namensgeber ist es die einzige Einrichtung weltweit, die sich ausschließlich mit Mumien beschäftigt. Das Südtiroler Archäologiemuseum widmet sich einem einzigen Mann - Ötzi. So könnte man fast im Stakkatostil weitermachen mit Rekorden: Ötzi ist der älteste, tätowierte Mensch (50 mittels Asche gefärbte, tiefschwarze Verzierungen finden sich am Rücken und am rechten Knie), Ötzi ist die älteste Feuchtmumie der Welt, selbst seine roten Blutkörperchen sind die ältesten erhaltenen weltweit.

Ötzi ist die meistuntersuchte Leiche der Welt, ein Körper unter Dauerbeobachtung. Seine bisher erfassten medizinischen Daten würden das Fassungsvermögen künftiger Gesundheitskarten sprengen. So oft und so detailliert ist wohl kaum ein Mensch jemals durchleuchtet worden, vielleicht können so prominente Tote wie Tutanchamun gerade noch mithalten.

Im vergangenen Sommer erst wurde Ötzi nach 1991 und 2005 zum dritten Mal mit einem neuen Hochleistungs-CT in Bozen untersucht, für den Transport war eigens ein Koffer passend zu Ötzis Körperkonturen angefertigt worden. Derzeit arbeiten Computer-Spezialisten von Siemens in den USA an einer neue Auswertungs-Software. "Wir wollen die großen Fragen möglichst exakt aufklären", sagt Zink. "Beim Mordmotiv stoßen wir an unsere Grenzen, wir wissen nicht, ob es ein oder mehrere Mörder waren. Ich würde die Gegend um den Fundort gern archäologisch großräumiger untersuchen." Im großen Eisfeld hinter der Fundstelle könnten sich durchaus noch weitere Spuren wie Pfeile verbergen. Möglicherweise gibt es auch noch weitere Opfer. Oder zumindest Hinweise darauf, ob Ötzis Mörder allein war oder der Iceman von einer Gruppe verfolgt wurde. Zink war schon oft oben an der Todesstelle. "Ich muss nur selten hochklettern, meist nehmen mich Fernsehteams im Helikopter mit", erzählt er lachend.

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