Aletschgletscher Fließband aus Eis

Der Aletschgletscher im Schweizer Kanton Wallis zieht sich von der Berggruppe um die prominenten Viertausender Jungfrau und Mönch hinunter in die Massa-Schlucht.

(Foto: Bernhard Edmaier)

Zentimeter für Zentimeter befördert der größte Gletscher der Alpen Eis und Geröll gen Tal. Luftaufnahmen zeigen diesen gewaltigen Prozess - und die Auswirkungen des Klimawandels.

Von Angelika Jung-Hüttl (Text) und Bernhard Edmaier (Fotos)

Der Aletschgletscher ist ein Gigant. Er ist der größte Gletscher der Alpen - gut 22 Kilometer lang und an der dicksten Stelle 900 Meter mächtig. So ein Koloss steht nicht still. Der Druck in der gewaltigen Eismasse und die Schwerkraft zwingen ihn, bergab zu fließen.

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Diese Serie widmet sich geologischen Phänomenen. Alle Folgen hier.

Mit einer Geschwindigkeit von bis zu 200 Metern im Jahr schiebt sich der Aletschgletscher das Tal hinunter, das ist ein halber Meter pro Tag. Diese Bewegung wird nachgezeichnet durch dunkle Streifen auf seinem zerklüfteten Rücken. Gletscherforscher nennen diese parallel verlaufenden Bänder Mittelmoränen.

Beim Fließen reißen im Eis Spalten auf, verschlucken einen Teil des Gesteinsschutts der Mittelmoränen - und schließen sich wieder.

(Foto: Bernhard Edmaier)

Mittelmoränen bestehen aus großen und kleinen bis hin zu völlig zerriebenen Felstrümmern. Dieser Schutt ist hoch oben im Nährgebiet des Gletschers, wo sich der Schnee sammelt und zu Eis verdichtet, von steilen Felswänden auf den Gletscher gestürzt. Dort türmt er sich zunächst zu Halden am Gletscherrand.

Im Nährgebiet des Aletschgletschers, dem Konkordiaplatz, vereinigen sich drei große Eisfelder.

(Foto: Bernhard Edmaier)

Dort bleibt der Schutt jedoch nicht lange liegen. Das fließende Eis zieht die zertrümmerte Felsmasse auf seinen Rändern wie auf einem Förderband mit.

Da sich im Nährgebiet des Aletschgletschers mehrere Gletschermassen vereinen, sich aneinanderlegen und gemeinsam weiter talwärts kriechen, geraten die seitlich abgelagerten Schutthalden plötzlich in die Mitte des Eisstroms - die Seitenmoränen werden zu Mittelmoränen.

Am Ende der Eiszunge, wo sich der Gletscher in die Massa-Schlucht drängt und das Eis schmilzt, wird der Schutt so stark zusammengeschoben, dass das Gletschereis darunter kaum mehr zu sehen ist.

Unmengen Schmelzwasser brechen am Ende des Aletschgletschers unter dem Eis hervor.

(Foto: Bernhard Edmaier)

Das Geröll scheint den Gletscher zu verschlucken - doch es schützt ihn zugleich. Bereits eine zehn Zentimeter dicke Schuttschicht bewahrt das Gletschereis vor dem Schmelzen - und verzögert auf diese Weise den klimabedingten Rückzug des Eises.

Der Geologe Dirk Scherler vom Geoforschungszentrum (GFZ) in Potsdam erfasst gerade zusammen mit Schweizer Kollegen die Schuttbedeckung von Hochgebirgsgletschern weltweit anhand von Satellitenbildern. Die Erkenntnisse aus dieser Forschung sollen helfen, den Rückzug der Gletscher besser zu verstehen.

Auch der Aletschgletscher leidet unter dem Klimawandel. Sein Eis sinkt an seiner dicksten Stelle, am Konkordiaplatz, pro Jahr um etwa einen Meter ein, und sein Zungenende zieht sich pro Jahr durchschnittlich um 23 Meter zurück. Seit 1860 hat er etwa vier Kilometer an Länge eingebüßt.

Geowissenschaften Aus dem Fotoblog "Earth Talks"

Aus dem Fotoblog "Earth Talks"

Die Aufnahmen in diesem Text stammen aus dem Fotoblog "Earth Talks" von Bernhard Edmaier. Sie erscheinen hier in einer Kooperation. Mehr dazu auf www.bernhard-edmaier.de/blog