Christen und die Prügelstrafe Was heißt bibeltreu?

sueddeutsche.de: Wie bibeltreu sind Sie eigentlich?

Werth: Das ist eine gute Frage. Für mich ist das Christentum keine Buchreligion. Es ist eine Beziehungsreligion. Es geht um die Beziehung zum dreieinigen Gott. Die Bibel ist das Buch, in dem sich dieser Gott vorstellt. Sie ist kein Bürgerliches Gesetzbuch oder so etwas. Aber sie hilft uns, uns zu hinterfragen, was man tut, denkt und glaubt. Und evangelische Christen suchen das Gespräch mit anderen. Wer sagt: "So ist das, und wir reden nicht mehr darüber", der setzt sich außerhalb der Gemeinschaft der Christen.

sueddeutsche.de: In Europa wächst offenbar die Zahl derjenigen, die die Evolution leugnen und an den Schöpfungsmythos glauben. Das gilt besonders für evangelikale Christen. Da werden wissenschaftliche Erkenntnisse schlicht geleugnet. Steht nicht zu befürchten, dass dann auch wissenschaftliche Erkenntnisse ignoriert werden, die für eine moderne Pädagogik und gegen Züchtigung sprechen?

Werth: Die Überzeugung der Kreationisten ist in unseren Kreisen durchaus verbreitet. Wir alle glauben an Gott den Schöpfer. Nur beim "Wie" der Schöpfung scheiden sich die Geister. Das soll jeder so sehen, wie er mag - solange er nicht darauf besteht, dass man das nur so sehen kann. Aber ich glaube nicht, dass diese Menschen auch sagen: "In der Bibel steht, man soll seinen Sohn züchtigen, also mache ich das." Die deutliche Mehrheit in unserer Bewegung pflegt eine moderne Pädagogik. Trotzdem müssen wir auf diesem Gebiet sicherlich verstärkt arbeiten. Die nächste Ausgabe unserer Zeitschrift EINS, die die Deutsche Evangelische Allianz herausgibt, wird sich mit dieser Thematik beschäftigen.

sueddeutsche.de: Stehen Sie mit Ihrer Überzeugung für die Mehrheit der Evangelikalen in Deutschland?

Werth: Davon gehe ich aus. Aber das ist in einer Bewegung schwer zu belegen. Wir sind auch eine Gesprächsbewegung. Bringen Christen miteinander ins Gespräch. Und das ist immer wieder neu nötig. Paulus sagt: Unser Erkennen ist Stückwerk. Jeder erkennt ein Stückchen. Zu behaupten, jenes Stück, das ich erkannt habe, sei das Ganze, ist anmaßend.