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Wildtiere:Menschen stören das Familienleben von Giraffen

Giraffen im Serengeti-Nationalpark in Tansania.

(Foto: Mosa'ab Elshamy/AP)

In der Nähe von Dörfern gehen die Tiere weniger enge Bindungen ein und ziehen weniger Junge auf.

Von Kathrin Zinkant

Die Nähe zu Menschen zu suchen, hat seine Vor-, aber auch seine Nachteile. Das wissen nicht nur die Menschen selbst, zumal in Zeiten von Abstandsgeboten und Maskenpflicht. Es gilt genauso für Tiere. Zum Beispiel für die in Tansania lebende Massai-Giraffe.

Die langbeinigen Säugetiere halten sich dort gern rund um Siedlungen auf. Deren Bewohner kommen mit den Tieren gut klar. Man lässt einander meist in Ruhe. Trotzdem haben sich die Giraffen mit ihrer Annäherung an die Massai-Dörfer wohl in ein gefährliches Dilemma manövriert. Denn zum einen profitieren die Giraffen zwar vom geringen Abstand zu den Menschen, weil ihr größter Feind, der Löwe, die menschliche Gesellschaft meidet. Zum anderen hat die Nähe zum Menschen aber eine andere, womöglich gravierende Konsequenz.

Wie eine der bislang größten Feldstudien zum Miteinander von Wildtieren zeigt, beeinträchtigt der Kontakt zu Menschen nämlich das Sozialleben der Giraffen - und deshalb auch die Familienplanung der Tiere. Das berichtet jetzt ein internationales Forscherteam um Monica Bond vom Institut für Evolutionsbiologie und Umweltwissenschaften der Universität Zürich im Fachblatt Journal of Animal Ecology.

Die Wildbiologen haben über einen Zeitraum von mehr als sechs Jahren 540 Giraffenweibchen in zahlreichen sozialen Gruppen im Tarangire-Ökosystem in Tansania beobachtet. Die Gruppen leben in unterschiedlicher Nähe zu Siedlungen der dort ansässigen Massai. Auseinanderhalten ließen sich die Tiere anhand ihres individuellen Fleckenmusters.

Die Analyse der Beobachtungen zeigt nun, dass die Weibchen in klar abgegrenzten Gruppen von jeweils 60 bis 90 Tieren leben, die sich kaum vermischen. In jeder Gruppe wiederum herrscht eine komplexe soziale Untergruppenstruktur: Jedes Tier sucht die Nähe von einigen ausgewählten Artgenossinnen und meidet andere. Und dieses System ist äußerst sensibel. Sobald die Giraffen in Kontakt mit Menschen kommen, werden die Untergruppen der Giraffengesellschaft gestört, zum Teil zersplittern sie regelrecht. In der Nähe der traditionellen Dörfer der Massai gehen die Tiere demnach deutlich weniger starke Bindungen untereinander ein und interagieren insgesamt weniger miteinander.

Am stärksten ist dieser Effekt ausgerechnet bei Muttertieren zu beobachten, die sich auch noch besonders häufig in Menschennähe aufhalten. Gerade sie wollen ihre Kälber vor Löwen und Hyänen schützen. Da die Aufzucht der jungen Giraffen aber eine Gruppenleistung ist, wirkt sich die soziale Störung auch auf die Erfolge beim Nachwuchs aus.

Was die Giraffen in ihrem natürlichen Miteinander genau stört, ist derzeit noch unbekannt. Die Forscher vermuten, dass die Tiere letztlich doch auf die Begegnungen mit Vieh und Menschen in Dorfnähe reagieren - obwohl die Massai die Giraffen in der Regel nicht jagen. Die Störung der sozialen Gruppenstruktur trägt nach Ansicht der Wissenschaftler aber ziemlich sicher dazu bei, dass die regionale Population der Massai-Giraffe rund um die tansanischen Dörfer in den vergangenen Jahren um etwa die Hälfte zurückgegangen ist.

© SZ vom 12.06.2020
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