Ginkgo als Allheilmittel:Das kann man vergessen

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Angeblich unterstützt Ginkgo "die geistige und körperliche Leistungsfähigkeit bis in hohe Alter". Doch weder Vergesslichkeit noch Alzheimer lassen sich damit vorgebeugen.

Werner Bartens

Diese Pflanze muss ein Allheilmittel sein. Glaubt man den Lobpreisungen der Werbung, unterstützt Ginkgo "die geistige und körperliche Leistungsfähigkeit bis in hohe Alter". Zudem lindert es angeblich Kopfschmerzen und Tinnitus.

Ginkgo als Allheilmittel: Aus Ginkgo-Extrakten kann man offenbar weder Vergesslichkeit noch Alzheimer vorbeugende Mittel herstellen.

Aus Ginkgo-Extrakten kann man offenbar weder Vergesslichkeit noch Alzheimer vorbeugende Mittel herstellen.

(Foto: Foto: Kurt Stueber/Verwendung gemäß GNU Lizenz zur freien Dokumentation)

Den Herstellern zufolge senkt die Pflanze außerdem die Gefahr, an Herz-Kreislauf-Leiden zu erkranken. Ginkgo Biloba, wie die Pflanze botanisch korrekt heißt, wird demnach "erfolgreich eingesetzt bei Krampfadern, Thrombose, Diabetes, Bluthochdruck, Arteriosklerose, Alzheimer". Das ideale Mittel für jede Lebenslage, sollte man meinen.

Hält man sich nicht an die Reklame, sondern an Beweise, bleibt von diesen Behauptungen wenig übrig. Die bisher größte und langwierigste Studie zur Wirksamkeit von Ginkgo zeigt, dass mit Extrakten des aus Ostasien stammenden Baumes weder Vergesslichkeit noch Alzheimer vorgebeugt werden kann.

Ein Ärzteteam um Steven DeKosky von der University of Pittsburgh belegt im Fachblatt Journal of the American Medical Association vom heutigen Mittwoch außerdem, dass auch Infarkt, Schlaganfall und Blutungen nicht seltener sind, wenn Ginkgo-Extrakt eingenommen wird (Bd. 300, S. 2253, 2008).

"Obwohl es zuvor vereinzelte Hinweise auf verbesserte Gedächtnisleistungen gab, zeigt unsere Untersuchung, dass Ginkgo keinen Einfluss auf die Entwicklung von Demenz oder Alzheimer hat", sagt DeKosky.

Die US-Studie hat Gewicht, denn mehr als 3000 freiwillige Probanden jenseits der 75 wurden dafür untersucht und im Mittel sechs Jahre lang beobachtet. Die Hälfte von ihnen bekam zweimal täglich ein verbreitetes Ginkgo-Präparat des deutschen Herstellers Schwabe, die anderen Teilnehmer schluckten ein Scheinmedikament.

Nach Ende der Behandlung waren in beiden Gruppen ähnlich viele Senioren dement geworden. Unter denjenigen, die Ginkgo bekamen, waren es sogar etwas mehr.

Ärzte verordnen die Mittel immer seltener

Andere Erkrankungen wie Herz-Kreislaufleiden kamen ebenfalls ähnlich oft vor wie in der Placebo-Gruppe. Schlaganfälle, die auf eine Blutung zurückgingen, gab es bei Probanden, die Ginkgo nahmen, sogar doppelt so häufig. Allerdings war die Zahl der Zwischenfälle so gering, dass die Forscher daraus keine Schlüsse zogen.

Die fächerförmig eingekerbten Blätter des Ginkgo und seine Bedeutung in Ostasien haben womöglich dazu beigetragen, dass die Pflanze bei westlichen Heilssuchenden so populär ist. Das zweigeteilte Blatt steht in der chinesischen Philosophie für die gegenteiligen, aber sich ergänzenden Prinzipien des Yin und Yang. In der chinesischen Medizin wird Ginkgo seit Jahrhunderten verwendet.

Die Pflanzenpräparate werden in Deutschland und anderen westlichen Ländern nicht mehr nur für eine ältere Klientel beworben. Ginkgo wird auch Limonaden und Tees beigemischt, gilt als Lifestyle-Getränk. Allein in den USA werden 250 Millionen Dollar jährlich mit den Pflanzenstoffen umgesetzt, obwohl sie als Nahrungsergänzungsmittel vertrieben werden und mit dem Hinweis versehen sind, dass sie sich nicht für Diagnose, Therapie oder Prävention irgendeiner Krankheit eignen.

In Deutschland werden Gingko-Präparate auf einer Ausnahmeliste der nicht verschreibungspflichtigen Arzneimittel gegen Demenz geführt. Doch Ärzte verordnen die Mittel immer seltener, wohl auch weil eine Cochrane-Übersichtsarbeit 2006 keinen Nutzen erbrachte. Im Jahr 2007 wurde Ginkgo nur noch im Wert von neun Millionen Euro verordnet. Der Umsatz mit nicht verordneten Präparaten lag aber deutlich höher.

"Pflanzliche Wirkstoffe sind in Deutschland gut eingeführt", sagt Klaus Linde vom Zentrum für naturheilkundliche Forschung der TU München. "Ginkgo wird kräftig beworben, die Leute wollen wohl etwas gegen das Altern tun." Das muss nicht immer harmlos sein. "Wer diese Extrakte nimmt, sollte nicht erwarten, dass sie helfen", sagt Lon Schneider, Neurologe und Altersmediziner an der University of Southern California in Los Angeles. "Vielmehr zeigen die möglichen Nebenwirkungen in dieser Studie, dass man diese Mittel nicht empfehlen kann."

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