Jeden Tag um 15 Uhr, wenn das Nachmittagstief zuschlägt und der Arbeitstag noch längst nicht vorbei ist, führt kein Weg am Automaten mit den Süßigkeiten vorbei. Später, bei der Besprechung, locken die Kekse auf dem Konferenztisch. Und abends vor dem Fernseher ist es viel gemütlicher, wenn man nebenher noch etwas zu knabbern hat. Beim Zubettgehen fühlt sich der Magen von den vielen Snacks dann manchmal gar nicht gut an.
Das geht nicht nur Menschen so, sondern offenbar auch den Makaken auf Gibraltar, schreibt ein Team um den Biologen Sylvain Lemoine von der britischen University of Cambridge im Wissenschaftsjournal Scientific Reports: Die Affen können der Schokolade, dem Eis und den Chips nicht widerstehen, die die vielen Touristen mitbringen: Oft klauen sie den Menschen die Snacks, manchmal werden sie damit gefüttert, obwohl das eigentlich streng verboten ist.
Wie viele Menschen bekommen sie davon Magen-Darm-Probleme. Und wie viele Menschen, die ihre Innereien dann mit Tropfen oder Tabletten aus der Hausapotheke beruhigen, haben auch die Gibraltar-Makaken gelernt, ihre Verdauungsprobleme selbst zu behandeln. Und zwar, indem sie Erde fressen.

„Die Erde wirkt wie eine Barriere im Verdauungstrakt und verringert die Aufnahme schädlicher Inhaltsstoffe“, sagt Lemoine nach einer Pressemitteilung seiner Universität. „Das könnte Symptome von Übelkeit bis Durchfall verbessern. Vielleicht sind in der Erde auch Bakterien enthalten, die den Mikroorganismen im Darm helfen.“
Milcheis bereitet den Affen besonders häufig Bauchweh
98 Tage lang beobachteten die Forschenden 230 Makaken auf dem Gibraltar-Felsen, die in acht Gruppen zusammenleben. In diesem Zeitraum filmten sie 46 Mal, wie Affen Erde fraßen. Dreimal beobachteten sie dieses von Biologen als Geophagie bezeichnete Verhalten wenige Minuten nachdem die Tiere Touristen-Snacks gefressen hatten: einmal Brot, einmal Kekse und einmal Milcheis.
Letzeres ist nach Ansicht von Lemoine besonders problematisch „Nichtmenschliche Primaten werden nach der Entwöhnung von der Muttermilch laktoseintolerant“, sagt er. „Milchprodukte verursachen bei Affen deshalb bekanntermaßen Verdauungsprobleme.“
Die Vermutung, dass Geophagie den Affen hilft, das ungesunde Futter zu verdauen, wird durch die Beobachtung gestützt, dass die Gibraltar-Makaken nicht irgendwelche Erde fressen, sondern gezielt nach der sogenannten Terra rossa suchen, einem rot gefärbten Lehm.
Die meiste Erde nehmen der Studie zufolge zudem Makaken zu sich, die den meisten Kontakt zu Menschen und ihrem Junk-Food haben: Affen aus jenen drei Gruppen, die ganz oben auf dem Gibraltar-Felsen leben, wo sich auch die meisten Touristen aufhalten.

Makaken sind nicht die einzigen Affen, die sich selbst behandeln. Eine Schimpansengruppe in Gabun ist beispielsweise dafür bekannt, offene Wunden mithilfe eines Insekts zu heilen, das die Affen speziell zu diesem Zweck fangen, zerdrücken und dann auf die Verletzung legen. Dass nicht nur Menschen sich selbst behandeln, wenn es ihnen nicht gut geht, sondern auch verschiedenen Affenarten, deutet darauf hin, dass die Fähigkeit, Substanzen mit heilender Wirkung zu erkennen in der Entwicklungsgeschichte des Menschen schon früh entstanden ist.

